Im Fokus

Der Ölschock erhöht den Druck auf das Fed

Am Mittwoch fällt die US-Notenbank den nächsten Zinsentscheid. Der Preissprung an den Energiemärkten und die wachsende geopolitische Unsicherheit geben dem Beschluss zusätzliche Brisanz.

Christoph Gisiger

Wenn Jerome Powell am Mittwoch um 20:30 Uhr Schweizer Zeit ans Rednerpult tritt, werden Investoren rund um den Globus aufhorchen.

Die unmittelbaren Erwartungen an den Chef des Federal Reserve sind klar: Die Finanzmärkte rechnen fest damit, dass er das Zielband für den Leitzins erneut um 25 Basispunkte (Bp) auf 1,75 bis 2% senken wird. Entscheidend ist jedoch, wie es danach weitergeht.

Die Terminbörsen gehen davon aus, dass die US-Notenbank nach der Sitzung vom Mittwoch mindestens zwei weitere Zinssenkungen von jeweils 25 Bp vornehmen wird. Im Gegensatz dazu haben die Mitglieder des Fed-Gremiums bislang einen wesentlich restriktiveren Kurs vorgespurt.

In der letzten Zinsprognose von Mitte Juni - also noch vor der ersten Senkung am 31. Juli - hatten sie in Aussicht gestellt, dass die Federal Funds Rate bis Ende 2020 um insgesamt nur 50 Bp sinken wird. Mit Esther George, Präsidentin des Fed-Distrikts Kansas City, und Eric Rosengren (Boston) votierten zwei Mitglieder am vergangenen Fed-Treffen sogar gegen eine geldpolitische Lockerung.

Hinzu kommt, dass Powell am vergangenen Fed-Treffen in seinen Aussagen schwammig blieb. Die Zinssenkung bezeichnete er damals als «Mid-cycle Adjustment», womit er lediglich eine leichte Adjustierung der Geldpolitik im Verlauf eines anhaltenden Konjunkturaufschwungs signalisierte - und Investoren entsprechend enttäuschte.

«Der aktualisierte Zinsausblick dürfte am Mittwoch voraussichtlich eine weitere Reduktion enthalten. Das Total der vom Fed erwarteten Zinssenkungen bis Ende 2020 sollte sich damit auf 75 Bp. belaufen», denkt Jim O'Sullivan vom Researchdienst High Frequency Economics.

«Es wird jedoch ein knapper Entscheid, wobei ebenso die Wahrscheinlichkeit besteht, dass sich die Prognose nicht verändern wird. So oder so wird das Fed damit weiterhin weniger Lockerungen in Aussicht stellen, als es die Finanzmärkte erwarten», glaubt O'Sullivan.

Risikofaktor Naher Osten

Mit den Turbulenzen im Energiesektor hat der Druck auf die weltmächtigste Zentralbank zu Wochenbeginn noch mehr zugenommen.

Durch den Angriff auf Saudi-Arabiens Ölindustrie sind rund 5% der weltweiten Produktion ausgefallen. Der Preis für ein Fass der internationalen Referenzsorte Brent ist am Montag um rund 14% auf 69 $ gestiegen. Das US-Pendant WTI hat sich in gleichem Umfang auf knapp 63 $ verteuert und den grössten Tagesgewinn seit 2008 verzeichnet.

West Texas Intermediate (WTI)

in $ pro Fass

Wie lange es braucht, bis der Engpass behoben ist, bleibt schwierig abzuschätzen. Saudi Aramco sagte zunächst, dass der Ausfall am Montag weitgehend behoben sei. Inzwischen räumt der staatliche Energiekoloss jedoch ein, dass ein Grossteil der Produktion des riesigen Raffinerie-Komplexes Abqaiq für Wochen ausfallen werde.

Die Aktienbörsen in den USA haben am Montag auf die Nachrichten wenig besorgt reagiert. Der S&P 500 ging 0,3% tiefer aus dem Handel. Grösser waren die Ausschläge am Bondmarkt, die langfristigen Zinsen notieren aber nach wie vor deutlich höher als Anfang Monat.

Dennoch wird die Entwicklung im Nahen Osten die Märkte in den kommenden Tagen weiterhin beschäftigen. Für das Federal Reserve ist der Vorfall in Saudi-Arabien aus zwei Gründen relevant:

  • Die angespannte Beziehung zwischen den USA und China sorgt seit Herbst 2018 für viel Volatilität an den Finanzmärkten. Mit der Gefahr eines militärischen Konflikts im Nahen Osten kommt jetzt ein weiterer geopolitischer Risikofaktor hinzu.
  • Ein höherer Ölpreis bedeutet eine Belastung für die Weltwirtschaft. Das gilt speziell auch für den Konsum in den USA, der sich im Umfeld der globalen Abkühlung bislang als solide Stütze erwiesen hat.

«Die Attacken in Saudi-Arabien haben nicht nur materielle Auswirkungen auf die globale Wirtschaft, weil sie Verunsicherung auslösen und damit Kapitalinvestitionen beeinträchtigen», warnt David Rosenberg vom Vermögensverwalter Gluskin Sheff.

«Der Vorfall zeigt ebenfalls, dass es heute nur ein paar Drohnen braucht, um massive Verwerfungen auf der Angebotsseite zu verursachen», fügt er hinzu.

Der Angriff hat die Produktion Saudi-Arabiens um bis zu 5,7 Mio. Fass pro Tag reduziert. Der Ausfall übersteigt damit selbst die bisher gravierendsten Engpässe von 1978/79 (Revolution im Iran) und 1990/91 (Invasion irakischer Truppen in Kuwait).

«Zur Erinnerung: Beide Ölschocks gingen damals einer Rezession voraus», hält Rosenberg fest.

Maximaler Angebotsausfall im Ölsektor, in Mio. Fass pro Tag<br>Quelle: CNN<br>

Maximaler Angebotsausfall im Ölsektor, in Mio. Fass pro Tag
Quelle: CNN

Belastung für die US-Wirtschaft

Powell steht damit vor einer heiklen Aufgabe. Während seines letzten öffentlichen Auftritts hat er sich bemüht, Zuversicht zu demonstrieren.

«Ich erwarte keine Rezession für die USA oder für die globale Wirtschaft», sagte der Fed-Präsident während einer Podiumsdiskussion an der Universität Zürich.

Dennoch ist offensichtlich, dass sich die Konjunkturaussichten auch in Amerika mehr und mehr eintrüben. Am deutlichsten macht sich das in der Industrie bemerkbar, wo die Produktion seit Anfang Jahr rückläufig ist und der ISM-Einkaufsmanagerindex im August erstmals seit 2016 eine Kontraktion signalisiert hat:

ISM-Einkaufsmanagerindex

Industrie
Dienstleistungssektor
Kontraktion

Der Konsum entwickelt sich im Vergleich dazu bisher robust. Das illustrieren etwa die besser als erwarteten Zahlen aus dem Detailhandel vom Freitag. Sie sind mitunter ein Grund dafür, weshalb das Echtzeit-Konjunkturbarometer des Atlanta Fed für das dritte Quartal aktuell eine Zunahme der US-Wirtschaftsleistung von respektablen 1,8% prognostiziert.

Ein genauerer Blick auf die Daten legt aber auch im Konsumsektor Anzeichen einer Abschwächung offen. Die Verbraucherstimmung bewegt sich zwar nach wie vor auf hohem Niveau, ist jedoch seit rund einem Jahr rückläufig.

Auffällig ist ebenso das deutlich sinkende Umsatzwachstum im Gastgewerbe, das als guter Vorlaufindikator für zyklische Ausgaben gilt:

Ausgaben in Restaurants und Bars

Veränderung zum Vorjahresmonat, in %

Steuer für Konsumenten

Höhere Energiekosten sind vor diesem Hintergrund eine ernstzunehmende Belastung für die US-Haushalte.

Dank dem Boom in der Fracking-Industrie ist Amerika heute zwar viel weniger Abhängig von Importen. Gemäss der Energiebehörde EIA decken Einfuhren nur noch leicht mehr als 10% des landesweiten Verbrauchs ab.

Öl ist jedoch ein global gehandelter Rohstoff, weshalb sich Produktionsausfälle in anderen Regionen der Welt direkt auf die Preise in den USA durchschlagen.

Aus ökonomischer Sicht sind die Probleme in Saudi-Arabien für das Mandat des Federal Reserve daher unter zwei Aspekten relevant: Steigende Energiepreise könnten die Inflation beleben, was die US-Notenbank angesichts der notorisch tiefen Teuerungsrate vorderhand sogar begrüssen dürfte.

Andererseits wirken sie für die Verbraucher jedoch wie eine Steuer. Auch wenn der Engpass im Nahen Osten isoliert betrachtet für die US-Wirtschaft durchaus verkraftbar erscheint, bringt er für Unternehmen und Verbraucher dadurch eine zusätzliche Erschwernis zu den Strafzöllen auf chinesische Importe mit sich.

Ökonomen der Deutschen Bank rechnen vor, dass ein Anstieg des Benzinpreises um 1 Cent für US-Konsumenten insgesamt rund 1,2 Mrd. $ höhere Ausgaben an der Tankstelle bedeutet. Erweist sich die Preiserhöhung von Anfang Woche als permanent, hätten sie damit rund 12 Mrd. $ an Kaufkraft verloren.

Für sich genommen ist das keine dramatische Summe. Für Oktober und Dezember hat US-Präsident Trump jedoch weitere Strafzölle auf Einfuhren aus China angedroht, die US-Haushalte ebenfalls spüren werden.

Kein Wunder also, hat Trump das Federal Reserve am Montag einmal mehr aufgefordert, die Wirtschaft mit einer massiven Lockerung der Geldpolitik zu stimulieren.