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Die Reize und Risiken von Basilea Pharmaceutica

Das Basler Biopharma-Unternehmen ist an der Börse gegenwärtig unbeliebt. Leerverkäufer wetten auf Kursverluste. Das eröffnet Chancen für mutige Investoren.

Mark Dittli

Das Basler Biopharma-Unternehmen Basilea Pharmaceutica hat einen schweren Stand an der Börse. Allein im Verlauf der vergangenen zwölf Monate ist der Aktienkurs um gut 40% eingebrochen.

Basilea Pharmaceutica Na.

Aktienkurs in Fr., Juli 2014 bis Juli 2019

Leerverkäufer wetten auf weitere Rückschläge: Gemäss Daten des Research-Anbieters IHS Markit sind gut 14,5% der ausstehenden Aktien des Unternehmens ausgeliehen. Basilea ist damit die grösste «Short»-Position am Schweizer Aktienmarkt.

Das eröffnet Chancen für mutige Investoren. Basilea bietet eine attraktive Mischung aus zwei Arzneimitteln, die bereits erfolgreich vermarktet werden, und drei Onkologie-Projekten in frühen Phasen der klinischen Entwicklung. Die erwarteten Einnahmen aus den bereits zugelassenen Medikamenten rechtfertigen schon einen höheren Aktienkurs; sollte eines der Entwicklungsprojekte gelingen, ergäbe das zusätzliches Kurspotenzial.

Paul Verbraeken vom unabhängigen Analyseanbieter Research Partners – einer der wenigen Analysten, die Basilea abdecken – hält ein Kursniveau von 61 Fr. für angemessen. Das liegt gut 60% über dem aktuellen Stand.

Selbstredend sind die Risiken hoch. Basilea ist klein und arbeitet noch unprofitabel. Die binäre Natur der Entwicklungsprojekte – Erfolg oder Misserfolg – macht den Aktienkurs anfällig auf Enttäuschungen. Immerhin: Nach aktuellem Wissensstand ist Basilea robust finanziert. Per Ende 2018 hielt das Unternehmen 223 Mio. Fr. an flüssigen Mitteln in der Bilanz. Eine verwässernde Kapitalerhöhung ist eher unwahrscheinlich.

Das Unternehmen

Basilea Pharmaceutica wurde 2000 von Roche abgespalten und beschäftigt heute rund 225 Angestellte. Seit 2004 ist das in Basel domizilierte Unternehmen an der Börse, die aktuelle Marktkapitalisierung beträgt 445 Mio. Fr. Die Spezialität von Basilea ist die Entwicklung von Antiinfektiva, Arzneimittel zur Behandlung von Infektionskrankheiten.

CEO der Gesellschaft ist seit 2018 der 54-jährige Brite David Veitch, der seine bisherige Karriere bei Savient Pharmaceuticals und Bristol-Myers Squibb verbracht hatte. Chief Medical Officer ist Marc Engelhardt, der vor seinem Wechsel zu Basilea im Jahr 2010 für Novartis gearbeitet hatte. Verwaltungsratspräsident ist Domenico Scala, der frühere Vorsitzende des Audit-Komitees der Fifa und ehemalige VR-Präsident des Dentalimplantateherstellers Nobel Biocare.

Zwei Produkte hat Basilea bereits erfolgreich auf den Markt gebracht:

  • Cresemba, ein Medikament gegen aggressive Pilzinfektionen.
  • Zevtera, ein Antibiotikum, das in Spitälern vor allem zur Behandlung von Lungenentzündungen eingesetzt wird.

Basilea vermarktet die Medikamente nicht selbst, sondern arbeitet mit Vertriebspartnern zusammen. Das Unternehmen erhält dabei Royalty-Zahlungen aus den Verkäufen sowie sogenannte Milestone-Zahlungen, wenn bestimmte Verkaufsvolumen überschritten werden.

Der Vertrieb von Cresemba in Europa läuft über Pfizer, in den USA besitzt der Pharmakonzern Astellas die Vertriebsrechte. Zevtera wird in Europa über ein Netzwerk von Partnern vertrieben; in den USA ist das Medikament noch nicht zugelassen.

Mit diesen beiden Medikamenten erwirtschaftete Basilea im Geschäftsjahr 2018 einen Umsatz von 82 Mio. Fr. Im laufenden Jahr sollen es gemäss den Prognosen des Managements 100 bis 110 Mio. Fr. sein. Zusammen mit weiteren Einkünften aus diversen Lizenzeinnahmen stellt Basilea für 2019 einen Gesamtumsatz von rund 130 Mio. Fr. in Aussicht.

Damit ist das Unternehmen allerdings noch nicht profitabel. Verbraeken von Research Partners rechnet 2019 mit einem Verlust von 36 Mio. Fr. Das Basilea-Management stellt in Aussicht, dass im laufenden Jahr etwa 60 Mio. Fr. «verbrannt» werden, sodass die Barmittel in der Bilanz per Ende 2019 auf etwa 160 Mio. Fr. zu liegen kommen dürften.

Der Grund für die hohen Kosten sind klinische Studien. Basilea arbeitet daran, das Antibiotikum Zevtera in den USA zur Zulassung zu bringen. Je eine klinische Phase-III-Studie zur Behandlung von Haut- und Blutinfektionen sind in Arbeit.

Drei weitere Wirkstoffe zur Behandlung verschiedener Krebsarten entwickelt Basilea derzeit in klinischen Studien der Phasen I und II. Weil der Markt für Antiinfektiva schwierig ist, hat das Management entschieden, das Portfolio zu diversifizieren und Projekte in der Onkologie voranzutreiben.

Die Perspektiven

Mit Cresemba und Zevtera hat das Unternehmen bereits bewiesen, dass es Medikamente aus der eigenen Forschungs- und Entwicklungspipeline auf den Markt bringen kann. Das Pilzmedikament Cresemba geniesst in den USA und Europa bis Ende 2027 Patentschutz. Die Lancierung in China und Japan ist für 2021 respektive 2022 geplant. Die Verkäufe von Cresemba über Astellas (USA) und Pfizer (Europa) wachsen ansprechend.

Das Antibiotikum Zevtera wird in Spitälern zur Behandlung von extrem aggressiven Bakterieninfektionen eingesetzt. In Europa geniesst es noch bis Ende 2023 Patentschutz. Wenn die beiden klinischen Studien in den USA erfolgreich verlaufen – Zwischenresultate der einen Studie sind in der zweiten Jahreshälfte 2019 zu erwarten –, kann mit einer Markteinführung von Zevtera in den USA gegen Ende 2022 gerechnet werden.

Cresemba und Zevtera bieten gemäss den Projektionen des Basilea-Managements das Potenzial von künftigen Milestone-Zahlungen im Umfang von mehr als 1 Mrd. Fr. – zusätzlich zu den Royalty-Zahlungen, die sich auf geschätzte 15 bis 17% der Verkäufe durch die Partner belaufen.

Der Analyst Verbraeken rechnet damit, dass es dem Unternehmen dank den steigenden Einnahmen aus Cresemba und Zevtera gelingen wird, ab 2020 oder 2021 erstmals einen Gewinn zu erwirtschaften.

Antiinfektiva werden angesichts der steigenden Resistenz von Krankheitserregern immer wichtiger. Gleichzeitig ist ihr Marktpotenzial beschränkt, da Krankenhäuser die effektivsten Medikamente – zu ihnen gehören auch die Präparate von Basilea – jeweils nur in letzter Instanz anwenden.

Grosse Volumen der Arzneimittel werden sich daher nicht verkaufen lassen. Diese Tatsache hat grosse Pharmakonzerne wie AstraZeneca und Novartis dazu bewogen, aus der Entwicklung von Antiinfektiva ganz auszusteigen. Basilea hielt es auch für zu riskant, allein auf diese Strategie zu setzen und hat daher die Entwicklung von Wirkstoffen gegen Gallen-, Blasen-, Hirn-, Haut- und andere Krebsarten vorangetrieben.

Die drei Präparate befinden sich in frühen Stadien; das Risiko von Misserfolgen ist hoch. Zwischenresultate einer Phase-II-Studie mit einem der drei Präparate – BAL101553 zur Behandlung von aggressiven Hirntumoren und Eierstockkrebs – könnten noch vor Ende 2019 publiziert werden.

Fallen die Resultate positiv aus, wird Basilea einen Partner suchen, um die klinische Phase-III-Studie anzugehen. Wenn alles gut läuft, kann frühestens ab 2024 mit Markteinführungen gerechnet werden.

Die Risiken

Basileas Aktienkurs hängt am Erfolg – oder Misserfolg – der verschiedenen klinischen Studien. Enttäuschungen werden hart bestraft.

Unmittelbar das wichtigste Projekt sind die beiden klinischen Phase-III-Studien mit Zevtera in den USA. Dabei wird die Wirksamkeit des Antibiotikums gegen Haut- und Blutinfektionen geprüft. Erste Resultate sind in der zweiten Jahreshälfte 2019 zu erwarten, doch der vollständige Abschluss der Studie ist erst 2021, mit einer möglichen Markteinführung in den USA 2022.

Der Analyst Paul Verbraeken rechnet den beiden Studien eine hohe Erfolgswahrscheinlichkeit von 75% zu. Er glaubt, dass Zevtera in den USA jährliche Verkäufe im Wert von gegen 400 Mio. Fr. erzielen kann.

Die klinischen Phase I- und Phase II-Tests mit den drei Krebswirkstoffen sind ungleich riskanter. Realistischerweise darf für jeden Wirkstoff bloss mit einer Wahrscheinlichkeit von 10 bis 15% gerechnet werden, dass er die Marktzulassung erhält.

Ende 2019 steht ein Zwischenresultat an, im Lauf der zweiten Hälfte des Jahres 2020 werden insgesamt vier weitere Zwischenresultate erwartet. Auch hier gilt: Enttäuschende Testergebnisse werden den Aktienkurs von Basilea belasten, Erfolge werden belohnt.

Für jedes Biopharma-Unternehmen, das noch keinen positiven Cash-flow erwirtschaftet, ist die «Verbrennungsrate» (cash burn rate) der finanziellen Mittel ein wichtiges Thema. Geht das Geld aus, bevor genügend Einnahmen fliessen, wird das Unternehmen zu teuren Finanzierungsrunden gezwungen, die Altaktionäre oft verwässern.

Dieses Risiko ist im Fall von Basilea überschaubar. Wie erwähnt, dürfte das Unternehmen per Ende 2019 Barreserven in Höhe von rund 160 Mio. Fr. besitzen und im Jahr darauf erstmals einen positiven Cash-flow erzielen.

Ein Finanzrisiko besteht trotzdem: Im Dezember 2022 wird eine Wandelanleihe über 200 Mio. Fr. fällig. Der Convertible wurde im Dezember 2015 ausgegeben und ist mit einem Coupon von 2,75% ausgestattet. Der Wandelpreis beträgt 126.10 Fr. je Basilea-Aktie. Das liegt weit über dem aktuellen Kursniveau, weshalb davon auszugehen ist, dass Basilea die Anleihe wird zurückzahlen müssen.

Mit den aktuellen Projektionen zur cash burn rate und zu den Gewinnen in den Geschäftsjahren 2020 bis 2022 ist die Wahrscheinlichkeit aber hoch, dass Basilea die Rückzahlung der Wandelanleihe stemmen kann.

Mit diesem Chancen-Risiko-Profil sind die Aktien für risikofähige Investoren ein Kauf.