Im Fokus

Weitere Milliarden-IPO in der Pipeline

SoftwareOne steht für eine Publikumsöffnung an der Schweizer Börse bereit. Weitere Kandidaten loten zuerst den M&A-Markt aus.

Ruedi Keller

«Es gibt keine Alternative.» Diese Devise herrscht angesichts der geldpolitikgetriebenen Aktienhausse am Markt für Publikumsöffnungen, im Jargon Initial Public Offering oder kurz IPO genannt.

Keine Alternative, und zwar im dreifachen Sinn: Erstens herrscht Anlagenotstand, und Geld fliesst mangels Alternativen in Aktien. Zweitens scheint die Börse weiterhin mit den besseren Bewertungen zu locken, als sie der M&A-Markt bietet. Drittens droht Gegenwind von der sich abk¨ühlenden Konjunktur. Das bewegt Unternehmen, die für eine Publikumsöffnung bereit sind, den Schritt möglichst schnell zu vollziehen, um das hohe Bewertungsniveau auszunutzen.

«Trotz hoher Bewertungen und neuer Rekordstände der Börsen ist die Nachfrage nach Aktien gross – es gibt faktisch keine Alternative», sagt Andreas Neumann, Leiter Aktienkapitalmarkt bei der ZKB. Europaweit liege die Anzahl Transaktionen im ersten Halbjahr zwar klar hinter der Vorjahresperiode zurück, das Emissionsvolumen sei jedoch fast 30% höher. «Die Grösse der Transaktionen hat zugenommen.»

Gut gefüllte Pipeline für das zweite Halbjahr

«Die Schweiz hatte mit einem Emissionsvolumen von 2,3 Mrd. Fr. den europaweit zweitstärksten Start ins IPO-Jahr 2019», sagt Nick Bossart, Schweiz-Chef von JPMorgan. Dies hinter Grossbritannien mit einem Volumen von 4,6 Mrd. Fr. «Für das zweite Halbjahr ist die IPO-Pipeline gut gefüllt», sagt er. Zudem stehe die Kapitalerhöhung von Sunrise im Umfang von 4,1 Mrd. Fr. an.

In der Pipeline für das zweite Halbjahr steht SoftwareOne. Gemäss Medienberichten hat das Stanser IT-Unternehmen, beraten von Rothschild & Co, die Investmentbanken Credit Suisse, UBS und JPMorgan mandatiert, um noch diesen Herbst an die Börse zu gehen. Ziel ist gemäss Informationen von The Market, SoftwareOne Anfang Oktober dem Publikum zu öffnen.

Angestrebt wird eine Marktkapitalisierung von deutlich mehr als 3 Mrd. Fr. Angesichts der heterogenen Eigentümerschaft ist indes noch unklar, welcher Anteil ins Publikum gelangen wird. Zu den Eignern zählen die Gründer, Privatinvestoren sowie die Beteiligungsgesellschaft KKR.

Die Schweizer IPO-Kandidaten für das zweite Halbjahr 2019

Kandidat Branche IPO-Berater Führende Banken
SoftwareOne IT Rothschild & Co Credit Suisse UBS JPMorgan
Selecta Retail Lazard KKR Capital Markets Credit Suisse Citi
EQT Beteiligungsgesellschaft JPMorgan SEB
VFS Global Visadienstleister Lazard
Global Blue Steuerrückvergüter Morgan Stanley JPMorgan

Selecta im Verkaufsprozess ausgebremst

KKR soll zudem erwägen, diesen Herbst auch Selecta an die Schweizer Börse zurückzubringen. Der hoch verschuldete Betreiber von Verpflegungsautomaten hat nach Informationen von The Market zuvor bereits das Interesse im M&A-Markt ausgelotet. Bislang kam der angestrebte Milliardendeal jedoch nicht zustande.

Beinahe gleichzeitig lief nämlich der Verkaufsprozess von Areas. Der spanische Konkurrent ging im April zum Preis des rund Siebeneinhalbfachen des bereinigten Ebitda an die französische Private-Equity-Gesellschaft PAI Partners. KKR will sich angeblich mit einer solchen Bewertung nicht begnügen. Ob sich aus einer Publikumsöffnung mehr herausholen lässt, wird sich zeigen. Als Bookrunner sind gemäss Informationen von The Market Credit Suisse und die US-Investmentbank Citi mandatiert.

VFS Global braucht noch Zeit

Auf ähnlichem Weg ist angeblich VFS Global. Der aus dem Kuoni-Konzern herausgeschälte Visadienstleister gehört mehrheitlich der Beteiligungsgesellschaft EQT, die unter Führung des Beraters Lazard M&A-Optionen für VFS auslotet. Bislang seien die Preiserwartungen von EQT jedoch nicht annährend erreicht worden, sagt eine Quelle.

Ob an der Börse mehr zu holen ist, bezweifelt diese Person. Jedenfalls glaubt sie, dass EQT mit dem Versuch einer Publikumsöffnung zumindest zuwarten muss. Andernfalls würden potenzielle IPO-Investoren die Bewertung, die man ihnen schmackhaft machen wolle, mit Verweis auf die vorangegangenen Verkaufsbemühungen hinterfragen.

Die Beteiligungsgesellschaft EQT zieht es nach Stockholm

Nicht nur VFS, sondern auch die Beteiligungsgesellschaft EQT selbst erwägt einen Börsengang, angeführt von JPMorgan und der schwedischen SEB. Reuters berichtet, dass gleichzeitig Kotierungen sowohl in Stockholm als auch in Zürich angestrebt würden. Zwar sagen Quellen gegenüber The Market, dass EQT sich Punkto Bewertung gerne mit der Schweizer Partners Group vergleichen möchte. Einer Kotierung in Zürich geben sie jedoch nur Aussenseiterchancen.

Auch Global Blue schielt ins Ausland: Der in der Schweiz beheimatete Dienstleister im Bereich Steuerrückvergütung bei Einkäufen im Ausland strebt schon seit längerem ein IPO in Amsterdam an. Wann der Schritt vollzogen wird, ist offen. Alternativ bietet sich die Option eines Direktverkaufs. Finanzinvestoren begleiteten Global Blue bereits seit Jahren, darunter Partners Group.

Biotech schielt zum Nasdaq

Entsprechendes gilt für ADC Therapeutics. Vor drei Jahren habe das Lausanner Biotech einen Anlauf zu einer Kotierung in der Schweiz genommen, sagen Quellen. Die erhoffte Bewertung sei jedoch mit einer Publikumsöffnung nicht zu erreichen gewesen, worauf weitere, private Finanzierungsrunden gefolgt seien, zuletzt im Juni und insgesamt über mehr als 500 Mio. $. Falls erneut ein IPO angestrebt werde, werde die US-Börse Nasdaq zum Zug kommen, meinen die Quellen.

«Im Biotech-Bereich hält die Schweiz zwar gute Unternehmen bereit», sagt Bossart von JPMorgan. Als IPO-Standort stehe für diese Unternehmen jedoch die US-Börse Nasdaq im Fokus, die einen viel liquideren Markt für Risikokapital biete.

Schweizer Investoren wollen Qualität

Nachfrage sieht Michael Maag, Schweiz-Chef von Morgan Stanley, bei Technologiewerten: «Drei der fünf grössten europäischen IPO stammten 2019 aus dem Tech-Bereich, und sie machten knapp die Hälfte des gesamten IPO-Volumens aus.»

«Investoren sind interessiert an Unternehmen mit guten organischen Wachstumsperspektiven, einer gesunden Bilanz ohne hohen Goodwil-Anteil, sowie einem soliden Management», sagt Thorsten Pauli, Leiter Equity Capital Markets Schweiz bei UBS. Der Umstand, dass Aktien wachstumsstarker Unternehmen in Zukunft oft nur teurer gekauft werden können, begünstige deren Kursentwicklung schon bei Emission.

«Visibilität», nennt Manuel Ebner, Schweiz-Chef der Bank of America Merrill Lynch, als Erfolgskriterium. Gemeint sind klare Gewinnperspektiven über die nächsten zwei bis drei Jahre. Anschauungsunterricht bieten das diesjährige IPO von Stadler Rail und Alcons Abspaltung von Novartis.

Die Entwicklung des globalen IPO-Markts

Emissionsvolumen pro Quartal in Mrd. $

Robust hat sich im ersten Halbjahr auch der europäische IPO-Markt entwickelt: «Bei über der Hälfte der europäischen IPO war das Buch bereits am ersten Tag gedeckt», sagt Maag von Morgan Stanley. Für den künftigen Dialog mit Investoren stimme positiv, dass im bisherigen Jahresverlauf die IPO in der ersten Handelswoche im Schnitt 15% zugelegt haben.

Fenster steht offen

«Das Fenster für Börsengänge im dritten Quartal steht offen», sagt Ebner. «Doch die im August saisonal bedingt tiefen Handelsvolumen machen die Börsen anfällig für starke Ausschläge, falls die Stimmung drehen sollte», mahnt er.

Geopolitische Risiken seien vorhanden, sagt Neumann von der ZKB. Die Investoren würden in Erwartung von Lösungen jedoch weitgehend darüber hinwegsehen. Auch das Thema Börsenäquivalenz habe keinen Einfluss auf den Schweizer IPO-Markt.

«Auf der Suche nach Potenzial sind die Investoren angesichts der hohen Bewertungen bereit, bestehende Engagements abzustossen und in Börsenneulinge zu investieren», ist Neumann überzeugt.