Im Fokus

Die Skepsis gegenüber Luxusgüter- und Finanzwerten wächst

Analysten haben die Kursziele für Swatch Group und Richemont gesenkt und Versicherungsaktien tendenziell heruntergestuft. Ihr grosser Favorit im SMI ist die zyklische LafargeHolcim.

Andreas Kälin

Die starken Kurssteigerungen von Aktien stellen die Analysten vor ein besonderes Problem: Sie bekunden mitunter Mühe, ihre Kursziele anzupassen und mit ihren Empfehlungen in Einklang zu bringen.

Ein Beispiel dafür bietet Sika. Eine Untersuchung von Analystenempfehlungen durch The Market zeigt, dass die Valoren des Bauzulieferers im Swiss Market Index (SMI) zu denjenigen gehören, die besonders oft zum Kauf empfohlen werden. Nach der Skala der Datenbank Bloomberg weisen sie eine Kauftendenz von 3,82 auf (ein Wert von 3 entspricht einer neutralen Einstellung der Analysten, ein Wert von 5 einer Kaufempfehlung durch alle Analysten).

Der aktuelle Kurs von Sika liegt mit 180.55 Fr. aber schon einiges über dem durchschnittlichen Kursziel der Analysten, das laut Bloomberg 175.64 Fr. beträgt – der Widerspruch zur relativ hohen Kauftendenz ist eine Folge davon, dass die Sika-Titel nach einer Schwächephase allein im Schlussquartal 2019 um 25% gestiegen sind, während der SMI gut 5% zugelegt hat.

Verschiebungen seit Herbst

Vor vier Monaten, Anfang September, hatte die Auswertung der Analystenempfehlungen, die der Datenbank von Bloomberg gemeldet werden, eine klar erkennbare Präferenz für Werte von konjunkturanfälligen Banken oder anderen Zyklikern ergeben.

Analystenempfehlungen im Swiss Market Index (SMI)

Kauftendenz Kursziel in Fr. Kurs in Fr. KGV 2020
LafargeHolcim 4,24 58,72 53,02 14
Lonza 4,18 370,09 351,8 25
Roche 4,04 315,05 316,4 15
CS Group 3,96 14,56 13,49 9
Novartis 3,83 95,73 91,43 16
Sika 3,82 175,64 180,55 28
ABB 3,71 22,77 23,47 22
UBS 3,71 13,43 12,63 10
Nestlé 3,69 111,68 104,14 22
Zurich Insurance 3,63 395,04 398,2 14
Adecco 3,62 62,06 60,7 13
Swatch Group 3,33 300,8 270 16
Alcon 3,27 61,61 55,46 29
Swiss Re 3,2 108,17 107,55 12
Richemont 3,1 79,69 76,4 21
Swiss Life 2,92 471,88 485 13
SGS 2,91 2456,39 2629 27
Givaudan 2,71 2708,75 3016 31
Geberit 2,29 449,33 540 29
Swisscom 2,22 469,59 517,4 18

Die neuerliche Auswertung zur Jahreswende zeigt, dass der Finanzsektor bei den Analysten seit damals generell an Beliebtheit eingebüsst hat: Bei allen fünf Finanzwerten im SMI hat die Kauftendenz abgenommen – am klarsten bei Swiss Life. Der Versicherer verspreche zwar eine attraktive Dividende, doch die Titel seien ziemlich hoch bewertet, argumentiert JPMorgan, die im Dezember ihre Verkaufsempfehlung für Swiss Life bestätigt hat.

Bei den beiden Schweizer Grossbanken ist die Kauftendenz zwar nur geringfügig gesunken und bewegt sich immer noch auf relativ hohem Niveau. Bemerkenswerterweise wurde das durchschnittliche Kursziel der Analysten in den letzten vier Monaten allerdings reduziert, für Credit Suisse um gut 2% und für UBS gegen 4%.

Analystenempfehlungen im Mid-Cap-Index (SMIM)

Kauftendenz Kursziel in Fr. Kurs in Fr. KGV 2020
Logitech 4,67 48,91 46,19 21
Partners Group 4,38 967 907,6 27
Straumann 3,95 913,71 985,6 38
Dufry 3,94 105,79 95,4 13
Barry Callebaut 3,92 2147 2162 27
OC Oerlikon 3,92 12,23 11,31 20
Bucher 3,82 344,6 337,2 17
Clariant 3,69 22,98 21,62 19
AMS 3,63 55,58 41,9 9
Vifor 3,63 181,44 179,85 29
Georg Fischer 3,6 1055 983 17
Schindler (PS) 3,48 234,65 246,2 27
Baloise 3,33 172,43 175,4 13
Julius Bär 3,33 48,66 50,24 12
Swiss Prime Site 3,2 103,25 113,6 25
Sunrise 3,17 80,83 79,1 31
Temenos 3,1 157,76 152,7 40
PSP Swiss Property 3,09 119,78 136,5 32
Lindt (PS) 3 7080 7705 33
Sonova 2,95 210,53 223 23
Flughafen Zürich 2,89 186 169,6 17
Helvetia 2,78 134,25 137,4 13
VAT 2,75 129,4 160,2 39
Kühne + Nagel 2,63 148,7 164 23
Dormakaba 2,5 626,5 678 20
Ems-Chemie 2,13 558,33 631 28

Eine Schönwetteranlage

Bezieht man die Finanzwerte im Mid-Cap-Index (SMIM) ein, stechen Partners Group hervor: Neun von dreizehn Analysten empfehlen die Aktien des auf Privatmarktanlagen spezialisierten Vermögensverwalters zum Kauf. Eine höhere Kauftendenz weisen im gesamten untersuchten Bereich nur die Titel des Unterhaltungselektronikspezialisten Logitech auf.

Dabei sind Partners Group im letzten Jahr mit einem Kursplus von fast 49% abermals überdurchschnittlich gut gelaufen. Sie sind ein Momentum Play, sozusagen eine Schönwetteranlage: Solange die Stimmung an den Märkten gut bleibt, werden Partners Group von den Investoren weiter gesucht sein. Sollte sie einmal kippen, dürften Leerverkäufer, die sich in Stellung gebracht haben, grosse Kasse machen.

Diskrepanzen bei Zyklikern

Bei den Zyklikern aus dem Industriesektor zeigen sich Diskrepanzen. Der Marktkonsens ist für die globale Konjunkturentwicklung heute vorsichtig optimistisch gestimmt, vor vier Monaten war die Einschätzung noch pessimistischer. Das ist eigentlich eine gute Ausgangslage für Zykliker.

Vor allem das Industriekonglomerat Georg Fischer hat bei den Analysten aber stark an Beliebtheit eingebüsst. Seine Aktien waren Anfang September der am dritthöchsten eingestufte Wert. Seit damals ist die Kauftendenz jedoch von 4,3 auf 3,6 gefallen.

So hat etwa die Zürcher Kantonalbank die GF-Titel Mitte Dezember von «Marktgewichten» auf «Untergewichten», also «Verkaufen», zurückgestuft. Der Grund: die deutliche Eintrübung der Aussichten in den wichtigen Märkten Automobilindustrie, Werkzeugmaschinen und allgemeiner Maschinenbau.

VAT: Vorwegnahme 

Im Fall des Halbleiterzulieferers VAT gab sich CEO Mike Allison im November im Interview mit The Market zuversichtlich und sah klare Anzeichen, dass der nächste Aufschwung in der stark zyklischen Branche bevorsteht.

Die Analystengemeinde stuft die VAT-Papiere dennoch merklich tiefer ein als vor vier Monaten – was sich mindestens teilweise damit erklären lässt, dass ihr Kurs in diesem Zeitraum stattliche 34% gestiegen ist und damit einiges vom erwarteten Aufschwung vorweggenommen hat.

Geberit versus Sika und Hoffnung bei LafargeHolcim

Diskrepanzen finden sich auch in den baunahen Branchen. Sie profitieren zurzeit vom globalen Bauboom. Doch es mehren sich Sorgen, dass er bald zu Ende gehen könnte.

Dies bietet eine Erklärung dafür, weshalb die Aktien des Sanitärtechnikers Geberit unter den Analysten angesichts einer Kauftendenz von 2,29 zu den unbeliebtesten zählen – zumal sie 2019 mit einem Kursplus von 42% innerhalb des SMI am zweitbesten abgeschnitten haben und dadurch nochmals teurer geworden sind.

Andererseits sind die Valoren des global tätigen Bauzulieferers Sika unter Analysten immer noch sehr beliebt – auch wenn sie mit einem Kursplus von 46% zuoberst in der SMI-Kursrangliste für 2019 stehen und auf Basis eines Kurs-Gewinn-Verhältnisses 2020 von 28 praktisch gleich teuer sind wie Geberit (29).

Angesichts der hohen Rendite auf das investierte Kapital, dank der für die Aktionäre Mehrwert generiert wird, zählen Sika und erst recht Geberit grundsätzlich zu den Qualitätstiteln. Gleiches lässt sich von LafargeHolcim nicht sagen: Der Baustoffhersteller hat in den vergangenen Jahren jeweils Aktionärswert vernichtet.

Der Konzern will das Geschäftsmodell aber rentabler gestalten und sich hin zu weniger kapitalintensiven Aktivitäten mit Zuschlagstoffen und Transportbeton bewegen. Die Analysten geben, im Vertrauen auf die Fähigkeiten des viel gepriesenen CEO Jan Jenisch, Vorschusslorbeeren: LafargeHolcim sind die Aktien mit der höchsten Kauftendenz innerhalb des SMI.

Luxusgütertitel unter Druck

Skeptischer als vor vier Monaten sehen die Analysten die Werte der Luxusgüter- und Uhrenhersteller Swatch Group und Richemont. Die anhaltenden Proteste in der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong, einem der wichtigsten Märkte für die Schweizer Uhrenindustrie, haben Wirkung gezeitigt.

Das manifestiert sich bei den Analysteneinstufungen in einer schwächeren Kauftendenz, aber vor allem in tieferen Kurszielen. Bei Swatch Group ist das durchschnittliche Kursziel im Vergleichszeitraum fast 4% gesunken, im Fall von Richemont gut 5%.

Roche und ein Widerspruch

Verschiebungen hat es auch unter den drei Börsenschwergewichten der Schweiz gegeben, dem Nahrungsmittelriesen Nestlé sowie den Pharmamultis Novartis und Roche. Letztere hat die Erstgenannten gemessen an der Kauftendenz an Beliebtheit bei den Analysten inzwischen überholt.

Dies ging einher mit einer kräftigen Erhöhung des durchschnittlichen Kursziels für die Roche-Genussscheine: Es hat sich in den letzten vier Monaten um gegen 8% erhöht, auf 315.05 Fr. Der Kurs liegt allerdings schon bei 316.40 Fr.