Im Fokus

Diese Schwellenländer haben Potenzial

Die Börsen der Emerging Markets senden Lebenszeichen. The Market zeigt, was es für einen dauerhaften Aufschwung braucht und welche Märkte derzeit attraktiv sind.

Gregor Mast
Drucken
Teilen

Schwellenländer haben derzeit einen schweren Stand. Seit über neun Jahren hinken sie dem Weltaktienmarkt hinterher – unter diversen Krisen. Der Handelskonflikt zwischen den USA und China trägt ebenfalls zur Verunsicherung bei.

Seit August senden die Aktienmärkte der Schwellenländer aber Lebenszeichen. Es erstaunt deshalb nicht, dass immer mehr Strategen auf den Zug aufspringen. So haben sechs der zehn von der NZZ quartalsweise befragten Banken jüngst die Schwellenländerquote angehoben (vgl. NZZ vom 10. Januar 2020).

Christopher Wood von Jefferies teilt den Optimismus für Emerging Markets, wie er im Interview mit The Market erklärt. Allerdings bedinge das eine Unterzeichnung des Phase-eins-Abkommens zwischen den USA und China. Sonst sei die zaghafte Erholung der Weltwirtschaft gefährdet. Die Unterzeichnung des Abkommens ist für heute Mittwoch geplant.

Zwei Bedingungen für ein besseres Abschneiden

Auch die Strategen des kanadischen Analysehauses BCA Research führen zwei Bedingungen auf, bevor sie Schwellenländer hochstufen: Erstens müsse sich der Dollar nachhaltig abschwächen, und zweitens müssten die Preise für Industriemetalle nach oben ausbrechen. «Das wäre die Bestätigung, dass die chinesische Wirtschaft und der Welthandel in eine längere Expansionsphase eingetreten sind», schreiben sie.

Ein schwacher Dollar hilft, weil er die Finanzierungsbedingungen in den Emerging Markets erleichtert. Viele Unternehmen in Schwellenländern sind in der amerikanischen Valuta verschuldet. Erstarkt sie, wird der Schuldendienst teurer.

Eskaliert weder der Handels- noch der Irankonflikt, steht einem schwächeren Dollar höchstens noch der Zufluss ausländischen Kapitals in die USA entgegen. Doch die geldpolitische Kehrtwende der US-Notenbank reduziert den Zinsvorteil amerikanischer Anlagen.

Passus im Handelsabkommen könnte Dollar schwächen

Zudem signalisieren die Einkaufsmanagerindizes eine bessere Konjunktur in den Schwellenländern, während der amerikanische ISM-Index im Dezember überraschend deutlich gesunken ist. Das Handelsabkommen könnte ferner einen Passus zum Wechselkurs enthalten, der den Dollar schwächt.

«Ein gutes Abschneiden der Schwellenländer bedingt eine positive Einschätzung zu chinesischen Aktien, da sie rund ein Drittel des MSCI Emerging Markets ausmachen», schreiben die Analysten von Gavekal Research (vgl. Grafik). Der Ausblick sei gut, da der politikgetriebene chinesische Markt derzeit von moderaten Stimuli profitiere.

China dominiert den MSCI Emerging Markets

Anteil am MSCI Emerging Markets Index (in %)

So hat die People’s Bank of China Anfang Januar den Mindestreservesatz um 50 Basispunkte reduziert. Zudem versucht die Notenbank, mit einem neuen Zinsregime die Kreditvergabe an kleine Privatunternehmen zu fördern, ohne den Immobilienmarkt weiter zu erhitzen.

Und in der Tat lassen sich Zeichen einer konjunkturellen Belebung in China ausmachen. Sowohl der offizielle Einkaufsmanagerindex wie auch derjenige des Wirtschaftsmagazins Caixin sind über die Wachstumsschwelle von 50 gestiegen. Die für die chinesische Wirtschaft wichtigen Automobilverkäufe sinken zwar immer noch, das Abwärtsmomentum hat sich aber markant verlangsamt.

Bewertung spricht für China

Für den chinesischen Aktienmarkt spricht ferner die günstige Bewertung. Zudem hat der CSI 300, der die 300 wichtigsten Aktien der Börsen Schanghai und Shenzhen enthält, jüngst angezogen. So überrascht es nicht, dass China in der Hitliste von StarCapital hinter Russland und der Türkei auf Platz drei folgt (vgl. Tabelle).

Der deutsche Vermögensverwalter kombiniert Bewertung und Kursmomentum für vierzig Länderindizes. In den Top 15 sind neun Schwellenländerbörsen vertreten (gemäss dem Indexanbieter MSCI zählt Griechenland seit 2013 auch dazu).

Die Top 15

Land Gewicht Shiller-KGV Kurs-Gewinn-Verhältnis Kurs-Cashflow-Verhältnis Kurs-Buchwert-Verhältnis Kurs-Umsatz-Verhältnis Dividendenrendite Relative Stärke über 26 Wochen Relative Stärke über 52 Wochen Rang
Russland 1 7,8 5,9 4,8 1 0,9 6,6 1,11 1,19 1
Türkei 0,2 8,5 10,3 5,3 1,3 0,7 2,7 1,16 1,24 2
China 1,9 15,6 10,9 6,2 1,3 1,3 2,4 1,1 1,11 3
Südkorea 1,5 12,7 16,5 6,6 1 0,7 2,1 1,1 1,08 4
Ungarn 0 17,6 10,6 5 1,4 0,6 2,7 1,1 1,09 5
Italien 1 21,2 14,4 5,7 1,3 0,7 3,6 1,06 1,1 6
Griechenland 0,1 –3,2 17,5 6,6 0,9 0,7 3 1,08 1,17 7
Grossbritannien 4,6 16,5 15,9 9,7 1,8 1,2 4,3 1,09 1,11 8
Österreich 0,2 16,8 11,6 6,5 1,2 0,7 3,4 1,04 1,06 9
Spanien 1,1 14,5 15,5 6,7 1,5 1,2 3,9 1,05 1,06 10
Portugal 0,1 17,3 18,1 5,6 1,7 0,7 4,5 1,05 1,06 11
Polen 0,2 11 12,5 7,1 1,1 0,7 3 1,01 0,98 12
Singapur 0,8 14,1 12,8 8,5 1 1 3,8 1,02 1,02 13
Tschechische Republik 0 10,2 13,8 7,1 1,5 1,6 5,8 1,04 1,02 14
Taiwan 1,3 22,1 19,2 10,9 2,1 1,2 3,8 1,12 1,18 15

Auf Platz eins steht Russland. Gemäss den Strategen von Citigroup bietet die russische Börse die beste Kombination aus günstiger Bewertung – Citigroup verwendet die Rendite des freien Cashflows als Bewertungsmass – und Dividendenmomentum. Letzteres, weil die Ölunternehmen, die die russischen Indizes dominieren, ihre Ausschüttungsquote erhöhen werden.

Osteuropa ist in der Rangliste von StarCapital mit Ungarn, Polen und Tschechien unter den Top 15 auch sonst gut vertreten.

Ein spannender Fall ist die Türkei auf Rang zwei. 2018 wertete sich die Lira zum Dollar fast 50% ab, die Inflation schoss auf 25%. Die türkische Notenbank hob den Leitzins auf 24% an. Präsident Erdogan machte die hohen Zinsen für die Inflation verantwortlich und ersetzte den Notenbankgouverneur mit einem genehmen Kandidaten.

Neuer Notenbankchef halbiert die Zinsen in der Türkei

Inzwischen ist die Teuerung in der Türkei auf 12% gesunken, und auch die Lira hat sich stabilisiert. Der neue Notenbankchef hat die Gelegenheit genutzt und die Zinsen halbiert. Als Folge wächst die türkische Wirtschaft seit dem dritten Quartal 2019 wieder – wenn auch nur zaghaft und wohl zulasten längerfristiger Ungleichgewichte, weil die Verschuldung weiter steigen dürfte.

Doch gerade die hohe Dollarverschuldung der türkischen Unternehmen und vor allem des Bankensystems dürfte die Börse zusätzlich befeuern, sofern sich die US-Valuta tatsächlich abschwächt:

Schwacher Dollar hilft den grössten Schuldnern

Dollarverschuldung in % des Bruttoinlandprodukts
Unternehmen
Finanzsektor

Ein schwächerer Dollar würde auch Südkorea helfen, das in der StarCapital-Rangliste auf Rang vier folgt. Der koreanische Einkaufsmanagerindex ist erstmals seit mehr als einem Jahr über die Wachstumsschwelle von 50 gestiegen.

Koreas Exporte nach China haben im Dezember um 3,3% zugenommen – das ist der erste Zuwachs seit vierzehn Monaten. Zudem gibt es Anzeichen, dass der Halbleiterzyklus den Boden erreicht hat, was auch die Börse von Taiwan unterstützen würde. So verlangsamt sich gemäss Gavekal der Lagerabbau, während der Verkauf von Smartphones anzieht.

Von einem schwächeren Dollar würde auch Argentinien profitieren. Mit Abstand der wichtigste südamerikanische Markt ist Brasilien, das bei StarCapital im Mittelfeld liegt. Seit seinem Tief Anfang 2016 hat sich der Bovespa-Index verdreifacht – angetrieben von sinkenden Zinsen und dem als wirtschaftsfreundlich wahrgenommenen Kurs von Präsident Jair Bolsonaro.

Bolsonaros Reformagenda unter Druck

Dessen Reformagenda könnte angesichts der Proteste in Chile und Kolumbien nun aber einen Dämpfer erhalten, schreibt der Wirtschaftsforscher Armando Castelar in einem Beitrag für Gavekal. Bolsonaro könnte deshalb versucht sein, die Steuerreform und die fiskalische Konsolidierung aufzuschieben.

Unterstützung erhalten die brasilianische Wirtschaft und die Börse von den inflationsbereinigten Zinsen, die für brasilianische Verhältnisse sehr niedrig sind, schreibt Castelar.

Nicht hoch in der Expertengunst steht Indien, obwohl sich der Sensex auf Rekordjagd befindet. Bei StarCapital ist Indien hinter Indonesien auf dem letzten Platz klassiert:

Die Länder am Ende der Rangliste

Land Gewicht Shiller-KGV Kurs-Gewinn-Verhältnis Kurs-Cashflow-Verhältnis Kurs-Buchwert-Verhältnis Kurs-Umsatz-Verhältnis Dividendenrendite Relative Stärke über 26 Wochen Relative Stärke über 52 Wochen Rang
Niederlande 1,3 26 21,3 13,3 2,2 1,6 2,3 1,07 1,11 31
Thailand 0,6 16,8 18,5 9,3 2 1,4 2,8 0,99 1,02 32
Australien 1,9 19,6 19,1 12 2,2 2 4,4 1,02 1,06 33
Schweiz 2,6 27,1 23,9 14,3 2,9 2,3 2,8 1,07 1,13 34
Belgien 0,6 24 17,3 10,7 1,8 1,9 2,8 1 1,04 35
Philippinen 0,3 18,7 17,1 9,6 1,9 1,5 1,7 0,99 1 36
Dänemark 0,6 34,2 24 16,2 3,3 2,8 1,9 1,08 1,12 37
USA 44,8 31,1 23 15 3,6 2,3 1,7 1,06 1,11 38
Indonesien 0,5 17,7 20,8 13,6 3 2,3 2,5 1,04 1,04 39
Indien 2,7 21,7 27,5 15,5 2,9 1,7 1,3 1,03 1,04 40

Gemäss den Strategen von Citigroup nimmt der positive Effekt der Unternehmenssteuersenkung in Indien ab. Der Markt ist zudem teuer, und erstmals seit März 2016 werden Gelder aus indischen Aktienfonds abgezogen:

Quelle: Jefferies

Quelle: Jefferies

In Indonesien zeigen derzeit sämtliche Indikatoren nach unten. Auf dem Wachstum lasten die hohen inflationsbereinigten Zinsen, was gemäss den Strategen von Jefferies immerhin Raum für Zinssenkungen lässt.

Anleger, die in Schwellenländer investieren wollen und dabei fokussiert vorgehen möchten, sind mit den Top vier der StarCapital-Rangliste derzeit gut beraten: Russland, China, Südkorea und der Türkei.

Die Kombination aus Russland, China und Südkorea diversifiziert das Portfolio sowohl regional wie auch aus Sektorsicht: Russland ist energielastig, in China dominieren die Branchen zyklischer Konsum, Kommunikation und Finanz, und in Südkorea machen Technologiewerte die Hälfte der Marktkapitalisierung aus. Mit der Türkei ist zudem ein zumindest temporärer Turnaround-Kandidat vertreten, der in Dollar gerechnet 60% unter dem Höchst von 2013 notiert.

The Big Picture

Das Anlagejahr 2020 in vier Thesen

Erstens ist der Abschwung der Industrie vorbei. Zweitens bleiben die Zentralbanken expansiv. Drittens schwächt sich der Dollar ab. Und viertens – zugegeben eine gewagte These: Donald Trump wird zum Staatsmann.
Mark Dittli