Im Fokus

Es droht ein neuer Währungskrieg 

Der Handelsstreit zwischen den USA und China spitzt sich zu. Die jüngsten Strafzölle des US-Präsidenten gegenüber Peking könnten zu einem neuen Wettlauf um die schwächste Währung führen.

Sandro Rosa

Kommt es zusätzlich zum Handels- auch noch zu einem Währungskrieg? Die vergangenen Tage lassen es befürchten. Kaum hatte die US-Notenbank Fed die Leitzinsen erstmals seit 2008 um 0,25 Prozentpunkte gesenkt, attackierte US-Präsident Donald Trump China mit neuen Massnahmen im schwelenden Handelsdisput.

Am Mittwoch, dem 31. Juli, kündigte er neue Strafzölle von 10% auf chinesische Importe im Umfang von 300 Mrd. Dollar an. Sie sollen am 1. September in Kraft treten.

China schlägt zurück

Hatte sich China bisher im Handelskrieg erstaunlich sanftmütig gezeigt und war vor aggressiven Vergeltungsmassnahmen zurückgeschreckt, scheint das Fass nun voll zu sein: Anders als früher griff Peking am Montag nämlich nicht mehr ein, um eine Abwertung des Yuan zu verhindern. Prompt sackte die Währung gegenüber dem Dollar ab: Erstmals seit 2008 kostet ein Greenback wieder mehr als 7 Yuan (vgl. Grafik).

China lässt den Renminbi abwerten

Unter Marktbeobachtern galt als praktisch ausgemacht, dass die chinesischen Währungshüter diese Marke nur schon wegen ihres Symbolcharakters entschlossen verteidigen würden – und um die USA nicht unnötig zu provozieren. Kein Wunder, reagierten die Börsen mit massiven Abgaben auf die Abwertung.

Auch US-Präsident Donald Trump zeigte sich verärgert über den schwachen Renminbi: «China hat den Preis seiner Währung auf ein beinahe historisches Tiefst fallen lassen. Das nennt man Währungsmanipulation», liess er die Welt über Twitter wissen.

Dabei waren ja gerade die Strafzölle verantwortlich für das Absacken des Renminbis. Dass China als Währungsmanipulator gebrandmarkt wird, ist eine neue Dimension. Während Jahren hat Washington die Bezeichnung tunlichst vermieden – bis am Montag. 

Doch warum stützt Peking den Renminbi gerade jetzt nicht mehr? Arthur Kroeber vom Hongkonger Analysehaus GavekalResearch hat eine Erklärung für den Strategiewechsel: «Dass China die Abwertung jetzt zugelassen hat, signalisiert, dass ein baldiger Deal im Handelsstreit für Peking kein plausibles Szenario mehr ist.» 

Das sind beunruhigende Nachrichten, denn dadurch könnte sich das Schlachtfeld ausweiten – auf die Devisenmärkte. Die jüngste Trump'sche Unmutsbekundung reiht sich nämlich ein in eine Serie von Tweets, in denen er sich über unfaire Praktiken der amerikanischen Handelspartner beschwert hatte.

Trump ärgert sich über EZB

So ärgerte sich Donald Trump im Juni über die europäischen Währungshüter, als sie weitere geldpolitische Stimulierungsmassnahmen versprochen hatten, um die Eurozone zu reflationieren – sprich das Wachstum und die Inflation anzukurbeln.

Die Ankündigung von EZB-Chef Mario Draghi drückte den Euro sogleich nach unten. Für Trump handelt sich dabei um eine klare Strategie, den Euro zu schwächen und so der Eurozone einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. «Damit sind sie – zusammen mit China und anderen – seit Jahren durchgekommen!», beklagte sich das amerikanische Staatsoberhaupt.

Schützenhilfe erhält Donald Trump vom Marktstrategen Albert Edwards von Société Générale. «Ich persönlich glaube, die EZB steuert den Euro effektiv nach unten», schreibt er in einer Analyse. Die Versicherungen Mario Draghis, die Notenbank habe einen klaren Auftrag, die Preisstabilität zu gewährleisten, und der Wechselkurs stehe nicht im Fokus, hält er für unredlich. Für ihn ist der einzige Weg, über den die quantitative Lockerung überhaupt funktioniert, derjenige einer schwächeren Währung.   

Ein Blick auf die Bewertungen verdeutlicht, dass der Dollar tatsächlich teuer ist – besonders im Vergleich zum Euro und zum Yen. Der Unmut Trumps scheint also durchaus legitim.

Teurer Dollar, günstiger Yen

Reale effektive Wechselkurse (auf Basis der Konsumentenpreise)
USA
Euro
China
Japan
Franken

Auch die Schweiz hat mit einer stärkeren Währung zu kämpfen: So ist der Euro wieder unter die Marke von 1.10 zum Franken gerutscht. Aktuell kostet er gerade einmal 1.092 Fr. – noch vor wenigen Monaten notierte er bei 1.145. Auf diese rasche Verteuerung musste die Schweizerische Nationalbank reagieren. Vor zwei Wochen hat sie erstmals seit langem wieder an den Devisenmärkten interveniert.

Anhaltende Konjunktursorgen

Der Wettlauf um die schwächste Währung dürfte nicht so schnell vorbei sein – zumal die Weltwirtschaft rasant an Schwung verliert. Der wohl verlässlichste konjunkturelle Frühindikator, der globale Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe, ist im Juli von 49,4 auf 49,3 Punkte gesunken. Somit verharrt das Barometer unverändert unter der Wachstumsschwelle von 50 (vgl. Grafik).

Frühindikator signalisiert anhaltende Schwäche

Globaler Industrie-Einkaufsmanagerindex
Wachstumsschwelle

Yasemin Engin vom Londoner Researchhaus Capital Economics kommt deshalb zu einem pessimistischen Fazit: «Gemäss den aktuellen Einkaufsmanagerindizes befindet sich das verarbeitende Gewerbe in den USA, der Eurozone und Japan mitten in einer Rezession.»

Je länger das Leiden der Industrie anhält, desto grösser die Gefahr, dass auch der gemessen am Beitrag zur Wirtschaftsleistung deutlich gewichtigere Dienstleistungssektor angesteckt wird. Das jedenfalls lassen die schwachen Frühindikatoren befürchten.

USA ist nicht immun

Zeigte sich die US-Wirtschaft bis dato bemerkenswert robust, mehren sich die Anzeichen, dass die Schwäche auf die bisherige Wachstumslokomotive übergreift. Prominente Marktbeobachter wie etwa der Hedge Fund Manager Kyle Bass oder der Chefökonom von Gluskin Sheff, David Rosenberg, warnen bereits vor einer Rezession. 

Um den damit zunehmenden deflationären Druck zu bekämpfen, werde die Abwertung der eigenen Währung das bevorzugte Instrument sein, ist Albert Edwards von Société Générale überzeugt.

«Das Problem wird künftig sein, dass nicht nur Japan und die Eurozone versuchen werden, ihre Währungen abzuwerten, um dem deflationären Sumpf zu entkommen, sondern auch die USA», schreibt Edwards. Damit wäre der Währungskrieg perfekt.

Mögliche Konsequenzen

Für Edwards ist absehbar, dass die USA schon bald direkt an den Devisenmärkten intervenieren werden. Die Vermutung wird von Barry Eichengreen bestätigt. Der an der University of California lehrende Finanzprofessor berichtet in einem Beitrag für das chinesische Finanzmedium Caixin von einem Treffen im Weissen Haus Ende Juli, an dem offenbar Devisenmarktinterventionen diskutiert wurden, um den Dollar nach unten zu treiben.

Eichengreen zweifelt indes daran, dass ein solches unilaterales Vorgehen von Erfolg gekrönt sein werde – das zeige ein Blick in die Vergangenheit. Die anderen Notenbanken würden einfach ebenfalls Mittel ergreifen, um eine Aufwertung ihrer Währung zu vermeiden. Und für ein gemeinsames Vorgehen, wie etwa beim Plaza- oder Louvre-Abkommen in den Achtzigerjahren, sei unter Trump zu viel Geschirr zerschlagen worden.

Eine weitere Massnahme gegen die Dollarstärke wäre die Einführung von Negativzinsen auch in den Vereinigten Staaten. «Angesichts der bereits negativen Leitzinsen in Europa und Japan wäre die US-Regierung verrückt, wenn sie den globalen Währungskrieg nicht wie alle anderen auch auf diesem Schlachtfeld austragen würde», meint Edwards.

Damit wäre die Zinssenkung des Fed nur der erste in einer Serie von Lockerungsschritten gewesen – entgegen den Beteuerungen der US-Notenbank von vergangener Woche. Insgesamt mehren sich die Signale einer Neuauflage des Währungskriegs. 

Die Marktteilnehmer scheinen sich auf ein solches Szenario einzustellen. Das jedenfalls signalisiert der Preisanstieg bei den Edelmetallen Gold und Silber.