Im Fokus

Evolva erwacht, und Cassiopea ist ein Übernahmekandidat

Für die Biotech-Gesellschaften ist 2020 ein entscheidendes Jahr. Das Chancen-Risiko-Verhältnis macht eine Wette auf sie empfehlenswert.

Andreas Kälin

Die Titel von Evolva sind zwischen dem 19. Dezember und dem Jahresende um 30% gestiegen und halten seither ein Kursniveau von 0.22 Fr. Gibt es für die gebeutelten Aktionäre des Biotech-Unternehmens dieses Mal berechtigte Hoffnung?

Ein Agenturbericht führte den Kursschub in einer ersten Reaktion auf Spekulationen von Händlern zurück, dass der US-Lebensmittel- und Agrarkonzern Cargill die kleine Evolva übernehmen könnte. Dieser Erklärungsansatz ist nicht neu und befriedigt nicht. Die Anleger sollten nicht darauf setzen, dass Evolva auf kurze Sicht übernommen wird.

Die Gesellschaft war im Dezember 2014 via eine Übernahme an die Börse gekommen. Verglichen mit damals liegt der Aktienkurs heute – bereinigt um die Effekte zwischenzeitlicher Kapitalerhöhungen – gut drei Viertel tiefer.

Bisher ist Evolva ein unerfülltes Versprechen.

Das Insektenschutzmittel

The Market ist aber der Ansicht, dass für das Unternehmen die Erntezeit jetzt beginnt, und stellt folgende Szenarien auf:

Die erste Annahme lautet, dass der jüngste Kursschub auf das Produkt Nootkatone zurückzuführen ist. Denn erwartet wird, dass es demnächst die Zulassung als Insektenschutzmittel für den US-Markt erhält – der definitive Bescheid der US-Umweltschutzbehörde EPA kann jeden Tag eintreffen.

Eigentlich ist er überfällig. Doch es gab Verzögerungen – zuletzt verlangte die EPA noch zusätzliche Informationen zu einer spezifischen Studie. Alle Fragen dazu wurden seither beantwortet.

Fermentation als Spezialität

Die Spezialität von Evolva ist eine Technologie, mit der natürliche Ingredienzien aus der Fermentation von Hefe gewonnen werden. Eines dieser hefebasierten Produkte, die sich damit herstellen lassen, ist eben Nootkatone, eine Art Grapefruit-Konzentrat.

Dieser Inhaltsstoff wirkt gegen eine Reihe von Insektenschädlingen, speziell Mücken und Zecken. Er dürfte vor allem via Spray zum Einsatz kommen. Denkbar ist auch, Duschmittel oder Body Lotions als Träger zu verwenden. Ein Vorteil von Nootkatone ist, dass es für Mensch und Umwelt deutlich verträglicher ist als herkömmliche Insektenschutzmittel.

Finanzhilfe von US-Behörde

Grundsätzlich lässt sich das Marktpotenzial von Evolvas Produkten schwer einschätzen. Mit der erwarteten Zulassung in den USA öffnet sich für Nootkatone aber ein Markt, der aktuell auf gut 500 Mio. $ geschätzt wird. Bemerkenswert ist ausserdem, dass mit den Centers for Disease Control und Prevention (CDC) eine US-Bundesbehörde das Nootkatone-Projekt finanziell unterstützt hat.

Evolva wird Nootkatone nicht selbst herstellen, sondern Lizenzen dafür vergeben. Wie zu hören ist, hat unterdessen bereits ein sogenannter Beauty Contest respektive eine Ausschreibung unter zehn Interessenten stattgefunden.

Die US-Zulassung als Insektenschutzmittel würde den jüngsten Kursanstieg der Evolva-Aktien weiter befeuern. In einer späteren Phase ist sogar denkbar, dass Nootkatone auch für den Agrarbereich als Pflanzenschutzmittel registriert wird.

EverSweet: Es geht voran

Gestützt wird der Kurs auch durch die Fortschritte mit EverSweet, dem eigentlich bekanntesten Produkt von Evolva. Es handelt sich um einen via Fermentation hergestellten Stevia-Süssstoff, einen natürlichen und kalorienfreien Zuckerersatz.

Der Lizenzpartner dafür ist der privat gehaltene US-Konzern Cargill. Ein Joint Venture zwischen ihm und der niederländischen DSM hat im November die Massenproduktion von EverSweet aufgenommen, in einer Anlage in Blair im US-Bundesstaat Nebraska – dort produziert Cargill auch Sirup aus Mais, der als Basis für den Fermentierungsprozess für EverSweet dient.

Evolva erhält für diesen Süssstoff von Cargill eine Lizenzgebühr von 5% des Umsatzes. Beobachter rechnen damit, dass daraus für die Schweizer Biotech-Gesellschaft 2020 bereits Einnahmen in einstelliger bis knapp zweistelliger Millionenhöhe anfallen. Sie schlagen sich mehr oder weniger direkt in Evolvas Betriebsgewinn nieder.

Die Schätzungen für das Marktpotenzial von EverSweet gehen auseinander. Optimistischere Prognosen erachten bis zu 1 Mrd. $ als möglich, was für Evolva Lizenzeinnahmen bis 50 Mio. $ bedeutete. Es ist auch eine Preisfrage: Das Ziel ist, den Preis für das via Fermentation gewonnene Stevia-Produkt deutlich unter den für pflanzliches Stevia zu senken.

Genügend Fantasie

Auf die Übernahme von Evolva durch den Lizenzpartner Cargill zu spekulieren, ist zu diesem Zeitpunkt unrealistisch. Die Massenproduktion von EverSweet hat eben erst begonnen – je nach Entwicklung erscheint denkbar, dass Cargill zu einem späteren Zeitpunkt alle Rechte an EverSweet erwerben wird.

Aber auch ohne Übernahmespekulationen vermag Evolva die Fantasie anzuregen. Im Grunde lässt sich mit ihren Technologien eine Vielzahl von Ingredienzien und attraktiven Produkten herstellen – aber die Finanzkraft setzt enge Grenzen. Nachdem sich das kleine Unternehmen in der Vergangenheit zu stark verzettelt hatte, muss es sich heute auf drei Hauptingredienzien fokussieren: Die dritte neben Stevia respektive EverSweet und Nootkatone ist Resveratrol, das in Gesundheitsprodukten eingesetzt wird.

Auf Basis dieses Portfolios sollte die noch rote Zahlen schreibende Biotech-Gesellschaft bis zum Jahr 2021 durchfinanziert sein. Mitte 2019 besass sie liquide Mittel von 45 Mio. Fr. Früher oder später wird sie eine weitere Kapitalerhöhung benötigen – doch dann, so die berechtigte Hoffnung, notieren die Aktien weit höher als heute.

Risikofreudige Anleger sollten einsteigen

Eine wichtige Voraussetzung dafür ist die US-Zulassung für das Insektenschutzmittel Nootkatone. Risikofreudige Anleger nutzen die tiefen Kurse von Evolva, um noch vor dem fälligen Bescheid der US-Umweltschutzbehörde einzusteigen.

Dass das von der Börse mit 167 Mio. Fr. bewertete Biotech-Unternehmen nun Vertrauen verdient, zeigt auch eine Personalie: An der Generalversammlung im April wird Beat In-Albon zur Wahl als neuer Verwaltungsratspräsident vorgeschlagen – eine ausgewiesene Fachkraft. Der 67-Jährige fungierte bis Ende 2015 bei Lonza als COO des Segments Specialty Ingredients und brachte dort den Standort Visp wieder auf Vordermann.

Evolva und Cassiopea

in Fr.
Evolva
Cassiopea (angeglichen)
SPI ohne Dividenden (angeglichen)

Cassiopea: Geduld

The Market empfahl Anfang August 2019 bereits eine Wette auf zwei andere kleinere Gesellschaften aus dem Biotech-Sektor. Die Aktien von Molecular Partners haben seither um 72% auf 21.60 Fr. zugelegt, während die von Cassiopea über 5% auf 39.70 Fr. eingebüsst haben. Aber auch Letztere ist nicht verloren – es braucht einfach Geduld.

Der Fokus bei Cassiopea richtet sich zurzeit auf Winlevi respektive Clascoteron 1% Crème zur Behandlung von Akne. Am 20. August teilte das Unternehmen mit, es habe bei der FDA einen Antrag auf Marktzulassung dieses Mittels eingereicht. Am 8. November kam die Meldung, dass die US-Gesundheitsbehörde diesen Antrag zur Prüfung akzeptiert habe.

Die Entscheidung, ob das Präparat für den US-Markt zugelassen wird oder nicht, ist für den kommenden Sommer zu erwarten. In diesem Frühjahr wird noch eine sogenannte Mid Cycle Review stattfinden, bei der die US-Behörden Hinweise geben, ob bei der Prüfung des betreffenden Medikaments ein Problem aufgetaucht ist.

Grundsätzlich sollten die Chancen für Clascoteron 1% Crème gut stehen. Das Mittel habe «bei den klinischen Versuchen keine Nebenwirkungen» gezeigt, betont Chris Tanner, Finanzchef von Cassiopea. Er fungiert zugleich als Leiter des Transactions Office von Cosmo Pharmaceuticals, der Hauptaktionärin von Cassiopea.

Mehrere Szenarien

Geht alles gut, kann das Aknemittel Winlevi respektive Clascoteron 1% Crème Ende dieses oder Anfang des nächsten Jahres auf den US-Markt kommen. Für den Anleger stellt sich die Frage, was Cassiopea mit Blick auf den Vertrieb für Alternativen hat.

Es gibt mehrere Szenarien. Cassiopea kann erstens selbst eine Vertriebsorganisation aufbauen oder zweitens ein kleineres Unternehmen akquirieren, das bereits über eine Vertriebsorganisation verfügt. Die dritte Alternative ist ein Verkauf der Gesellschaft.

Das erste Szenario, der Aufbau einer eigenen Vertriebsorganisation, lässt sich wohl ausschliessen. Diesen Weg war Cosmo Pharmaceuticals gegangen: Sie lancierte vor allem für die Vermarktung von Methylenblau in den USA die Vertriebsgesellschaft Aries – doch dann wies die Gesundheitsbehörde FDA den Zulassungsantrag für dieses Darmfärbemittel im Mai 2018 zurück.

Daraufhin musste Cosmo Aries weitgehend abbauen und Leute entlassen. Es ist nicht anzunehmen, dass man das Risiko eingeht, solch negative Erfahrungen beim Abkömmling Cassiopea zu wiederholen.

Das Verkaufsszenario

Das zweite Szenario erscheint ebenfalls wenig realistisch: Die Übernahme eines Unternehmens mit eigener Vertriebsorganisation würde bedingen, dass Cassiopea eine Kapitalerhöhung durchführt – was unter den Investoren kaum auf Wohlwollen stiesse.

Als weiteres Szenario bleibt ein Verkauf von Cassiopea. Dies setzt die Zustimmung der Zuständigen bei Cosmo Pharmaceuticals voraus, die gut 45% an Cassiopea hält. Weitere 7,5% hält Cosmos VR-Präsident und Hauptaktionär Mauro Ajani via seine Cosmo Holding.

Angesprochen auf die Möglichkeit eines Verkaufs antwortet Chris Tanner, bei Cosmo Leiter des Transactions Office, dass Cosmo diesbezüglich «agnostisch» sei und die Beteiligung an Cassiopea «bei einem guten Preis» verkaufen würde. Aus seiner Sicht wäre ein Angebot «in der Nähe eines dreistelligen Frankenbetrags je Aktie» prüfenswert.

The Market hält an der Meinung fest, dass die Cassiopea-Aktien, die zurzeit knapp unter 40 Fr. notieren, eine Wette wert sind.