Im Fokus

GAM und Credit Suisse sitzen im selben Boot

Ein britischer Lord hat eine Untersuchung eines GAM-Fonds angeregt. Credit Suisse führt einen gleichartigen Fonds, mit ähnlichen Risiken.

Andreas Kälin

Am 10. Juni hat Paul Myners, Lord im britischen Oberhaus, bei seiner Regierung eine schriftliche Anfrage eingereicht. Er erkundigte sich, ob die Finanzmarktaufsicht eine Untersuchung des GAM Greensill Supply Chain Finance Fund führe oder zu führen beabsichtige.

Für prüfenswert hält Myners im Speziellen das Management und die Anlagebewertungen des Fonds sowie die Beziehungen zwischen seinen Managern und den Geschäften, in die sie investierten.

Risikoarm – oder nicht

Lord Myners erklärte gegenüber der Agentur Reuters, dass sich die Aufsichtsbehörde FCA den Anlageprozess von GAM ansehen und prüfen sollte, ob die Investitionen für einen als risikoarm vermarkteten Fonds angemessen seien.

Eine Antwort auf seine Anfrage hat Lord Myners bis spätestens Ende letzter Woche erwartet, wie er gegenüber The Market bekundete, doch bis am Freitagabend hat die Regierung noch nicht geantwortet.

Neue Zweifel

Mit seiner Anfrage werden die Praktiken des Vermögensverwalters GAM wieder in Zweifel gezogen. Was auffällt: Im GAM Greensill Supply Chain Finance Fund gibt es eine Beziehung zum gleichen Partner wie im Fall der Absolute-Return-Bond-Fonds, die GAM im vergangenen Jahr in eine Krise stürzten und die sich seit August im Liquidationsprozess befinden.

Zweitens fällt auf, dass auch die Credit Suisse einen gleichartigen Fonds wie den GAM Greensill Supply Chain Finance Fund führt, mit mutmasslich ähnlichen Risiken – und einem deutlich grösseren Anlagevolumen: Es handelt sich um den CS Supply Chain Finance Fund.

Extreme Fondsbewegungen

In beiden Vehikeln kam es in den vergangenen Wochen zu bemerkenswerten, weitgehend gegenläufigen Bewegungen. Gemäss Bloomberg-Daten ist das Fondsvolumen des GAM Greensill Supply Chain Finance Fund in der ersten Maiwoche abrupt eingebrochen, von 2,1 Mrd. auf 724 Mio. €. Seither ist es weiter gesunken, auf zuletzt noch 154 Mio. €.

Einem GAM-Sprecher zufolge bietet der Fonds quasi eine Alternative zu Geldmarktfonds, die als liquid und sicher gelten: «Typische Investoren für dieses Produkt sind oftmals Corporate Treasurers, die grosse Cashpositionen haben, die sie allenfalls in ein paar Monaten wieder benötigen.» Grössere Zu- oder Abflüsse seien deshalb nichts Aussergewöhnliches und lägen in der Natur des Produkts.

Partner und Investor

Tatsache ist: Eine derart abrupte Bewegung wie in der ersten Maiwoche hat der Fonds noch nie erlebt. Er wurde ab Mitte 2016 sukzessive aufgebaut. In den zwölf Monaten bis Ende April 2019, vor dem Einbruch, bewegte sich sein Anlagevermögen in einer engen Bandbreite von 2,1 bis 2,5 Mrd. €.

Gemäss der Fachzeitung «Financial News» war der grösste Investor des GAM Greensill Supply Chain Finance Fund die Finanzgesellschaft Greensill – also der Partner im Konstrukt, der über Zweckgesellschaften Schuldverschreibungen (Notes) emittiert, in die der Fonds dann investiert. Dem Medienbericht zufolge hat Greensill vor kurzem aber einen Anteil von rund 1,1 Mrd. € am Fonds zurückgenommen.

CS-Fondsvolumen explodiert

Während das Vermögen des GAM-Fonds auf eine marginale Restgrösse geschrumpft ist, hat sich das Volumen des Pendants von Credit Suisse in derselben Zeit massiv ausgeweitet: Seit Ende April ist das Vermögen des CS Supply Chain Finance Fund von 3,4 auf aktuell 6,1 Mrd. $ gestiegen.

Erklären lasse sich die Zunahme mit der grossen Nachfrage nach sehr kurzfristigen Anlagemöglichkeiten, die im aktuellen Marktumfeld noch eine attraktive Rendite bieten, erläutert eine CS-Sprecherin.

Wie das GAM-Pendant arbeitet auch der CS Supply Chain Finance Fund mit Greensill zusammen. «Financial News» zufolge bezieht er sämtliche seiner Assets über die Londoner Finanzgesellschaft.

Greensill: Die Spinne

Immer wieder im Mittelpunkt der Diskussionen steht Greensill und ihr Beziehungsgeflecht. Die vom 42-jährigen Australier Lex Greensill 2011 gegründete Gesellschaft führt David Solo als Senior Advisor auf. Der Amerikaner war bis September 2014 Gruppenchef von GAM und damit Vorgesetzter des Fondsmanagers Tim Haywood. Dieser führte beim Zürcher Vermögensverwalter die verhängnisvollen Absolute-Return-Bond-Fonds, die sich im Liquidationsprozess befinden, und er verwaltete bis zu seiner Suspendierung im Juli 2018 auch den GAM Greensill Supply Chain Finance Fund.

Greensill hat also auf der einen Seite persönliche Beziehungen zu GAM. Auf der anderen Seite unterhält die Gesellschaft eine geschäftliche Verbindung zu Sanjeev Gupta. Auf ihrer Website zitiert sie den 1971 in Indien geborenen, britischen Geschäftsmann mit den Worten: «Supply-Chain-Finanzierung half GFG Alliance, ein globales Industrieunternehmen mit 12 Mrd. $ Umsatz in weniger als vier Jahren aufzubauen.»

Der Gupta-Nexus

In der GFG (Gupta Family Group) Alliance bündelt die Gupta-Familie ihre Aktivitäten. Teil davon ist die 1992 gegründete, im Industrie- und Metallgeschäft tätige Liberty House Group, die 2013 mit der Übernahme eines Stahlwerks in den britischen Markt eintrat. Es war der Start einer Expansionsphase mit einer fast endlos anmutenden Reihe von Projekten und Käufen.

Übernahmen von Stahlunternehmen, auch von notleidenden, brachten Gupta in Grossbritannien den Ruf eines Retters der Industrie ein. Gemäss der «Financial Times» sei dabei GAM eine der wichtigsten Finanzierungsquellen von Gupta gewesen. Im GAM Absolute Return Bond Master Fund waren gemäss Geschäftsbericht per Ende März 2018 allein fast 13% des Nettovermögens von 3,4 Mrd. $ in Anleihen von Liberty Industries investiert – einer der von Gupta kontrollierten Gesellschaften.

Ein Kreis zu CS schliesst sich 

Über Gupta schliesst sich ein Kreis von GAM zum Credit Suisse Supply Chain Finance Fund. Gemäss dem Bericht zum Geschäftsjahr per Ende Oktober 2018 hatte der CS-Fonds von seinem Nettovermögen von 2,06 Mrd. $ beinahe 868 Mio. $ oder 42% in kurzlaufende Notes investiert, die einen Bezug zu Gupta hatten.

Ein CS-Sprecher erläutert gegenüber The Market, dass hinsichtlich Gupta respektive dessen GFG Alliance «ein falsches Verständnis» bestehe. Es sei nicht korrekt, alle Fondspositionen mit GFG-Nexus einfach zu addieren, denn man unterscheide zwischen Single Obligor Notes und Multi Obligor Notes. Der Sprecher fügt zudem an, dass die Risiken im Fonds versichert seien.

Gupta als grosser Schuldner

Grundsätzlich handelt es sich bei Supply Chain Finance um Finanzierungsformen entlang der Lieferkette. Sie umfassen etwa die Debitorenfinanzierung (Factoring) und die Finanzierung von Lieferantenrechnungen (Reverse Factoring).

Für die Multi Obligor Notes gilt demnach: Nicht das Unternehmen, nach dem die jeweilige Position im Fond benannt ist, befindet sich in der Schuldnerposition, sondern seine Debitoren sind die Schuldner.

Bei den Single Obligor Notes ist dagegen das Unternehmen, nach dem die Position benannt ist, auch der Schuldner. Im CS-Fonds entfielen per Ende Oktober 2018 fast 12% des Vermögens auf Notes, bei denen Gupta-Gesellschaften die Schuldner waren. Das ist ein Klumpenrisiko.

Per Ende April sank dieser Anteil auf gut 6%. Unbekannt ist der Prozentsatz zum heutigen Zeitpunkt, nachdem das Vermögen des CS-Fonds in nur neuneinhalb Wochen um 78% auf 6,1 Mrd. $ explodiert ist.

Versteckte Risiken

Nicht bekanntgemacht hat Lord Myners, welche Beziehungen und welche Anlagebewertungen er vor allem im Blick hat und für besonders kritisch hält. Grundsätzlich zeigt er sich besorgt, dass die Aufsichtsbehörde nicht genügend wachsam sei gegenüber den Gefahren, die nicht kotierte Anlagen bergen. Hier könnten seiner Meinung nach versteckte Risiken lauern. Auch der CS Supply Chain Finance Funds war per Ende April zu 80% in nicht kotierte Wertpapiere investiert.

Nicht zuletzt die Anlagen mit Guptas Gesellschaften als Schuldner wecken Sorgen. Die Frage lautet, ob der Geschäftsmann sich mit seiner rasanten Expansion und der Finanzierung nicht übernommen haben könnte. In angelsächsischen Medien wurde bereits thematisiert, ob er in Zahlungsnöten stecke.

Eine Recherche von Reuters hat unlängst ergeben, dass der inzwischen entlassene GAM-Fondsmanager Haywood im Jahr 2017 mehr als 550 Mio. £ in Anleihen eines Geschäfts von Gupta investierte, das Stromgeneratoren mit Biokraftstoffen betreiben soll – die Generatoren stünden aber seit längerem weitgehend still, was die Anleihenrückzahlung in Gefahr bringe.

Insiderkenntnisse

Lord Myners wird wissen, warum er mit seiner Anfrage einen Supply Chain Finance Fund und dessen Beziehungsgeflecht ins Visier genommen hat. Aufgrund der Vielzahl an Tätigkeiten – er war unter anderem Direktor der National Westminster Bank und Financial Services Secretary für das Schatzamt – ist er bestens vernetzt und ein Insider. Aktuell fungiert er als Partner von Cevian Capital, dem grössten aktivistischen Investor in Europa.

Die Annahme lautet, dass Myners' Anfrage gerade auch auf Greensill, über die die Fäden im Supply-Chain-Finance-Netzwerk zusammenlaufen, abzielt. Der GAM- wie der CS-Fonds arbeiten mit der Londoner Gesellschaft zusammen. Zu The Market erläutert ein GAM-Sprecher: «Wir pflegen eine gute Geschäftsbeziehung mit Greensill und arbeiten auch zukünftig daran, unseren gemeinsamen Fonds zusammen weiterzuentwickeln.»