Im Fokus

Günstige Zykliker

The Market macht sich monatlich auf die Suche nach günstig bewerteten Qualitätsaktien. In der Schweiz kommt es zu einer Auswechslung. Die europäische Auswahl wird noch zyklischer.

Gregor Mast

Sie sind derzeit die Überflieger: Aktien von konjunkturunabhängigen, dividendenstarken Unternehmen wie Nestlé & Co. Die Hausse hat jedoch ihren Preis, das Kurs-Gewinn-Verhältnis dieser Werte notiert nicht selten über 25.

Das hat The Market veranlasst, nach günstigeren Alternativen zu suchen, ohne jedoch die Qualität zu vernachlässigen. Im April wurde die erste Staffel dieser Auswahl für die Börsen der Schweiz, der USA und Europas lanciert, monatlich gibt es ein Update. Dieses ist nun fällig.

Zur Erinnerung: The Market sucht nach Aktien von Unternehmen, die eine höhere Kapitalrendite erzielen, ihre Schulden besser tragen können und günstiger bewertet sind als ihr jeweiliger Vergleichsindex.

Die Kriterien

Als Kriterien werden die Rendite auf das eingesetzte Kapital (Return on Invested Capital, ROIC), das Verhältnis Nettoschulden zu Ebitda (Gewinn vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen und Amortisationen) sowie das Verhältnis Unternehmenswert (Enterprise Value, EV) zu Ebit verwendet.

In jeder Region wird in der Auswahlmethodik je nach Aussagekraft zusätzlich ein viertes Kriterium angewendet. In der Schweiz ist es das Wachstum des Buchwerts je Aktie über fünf Jahre, in den USA die totale Ausschüttungsrendite – gemeint ist die Summe aus Dividenden und Netto-Aktienrückkäufen im Verhältnis zum Unternehmenswert – und in Europa das Momentum der Gewinnprognosen.

Strategie funktioniert in Europa und den USA

Im Juni hat sich die Strategie in Europa und den USA ausgezahlt. Die neunzehn günstigsten europäischen Werte notieren 9,9% höher und haben damit den Stoxx Europe 600 mit einem Plus von 5,2% geschlagen. Haupttreiber waren Rohstoffvaloren und Autozulieferer.

In den USA haben sowohl die nach EV/Ebit günstigsten zwanzig Titel (9,5%) als auch die zwanzig Werte mit der höchsten Ausschüttungsrendite (10,9%) besser abgeschnitten als der S&P 500, der im Juni 7,7% avanciert ist.

Einzig in der Schweiz hinken die vierzehn Vertreter (3,1%) dem ohne Dividenden gerechneten SPI (4,8%) hinterher.

Doch was hat sich seit Anfang Juni geändert?

In der Schweizer Auswahl kam es zu einer Auswechslung. Neu dabei ist der Aufzugshersteller Schindler, dessen Titel seit bald zwei Jahren auf der Stelle treten, obwohl der Gewinn je Aktie gestiegen ist. Dadurch hat sich die Bewertung stetig verringert, was den Sprung über die Selektionshürde ermöglicht hat. Aus Bewertungsgründen nicht mehr dabei ist Ypsomed.

Die günstigsten Schweizer Qualitätswerte

Ticker Name Kurs ROIC (in %) Nettoschulden/Ebitda Wachstum Buchwert über 5 Jahre (in %) EV/Ebit
ADVN SW Equity Adval Tech 175 6,6 -1,2 14 7,9
STRN SW Equity Schlatter 38,4 13,7 -2,3 7,7 8
CALN SW Equity Calida 28,5 7,6 -0,5 4,1 10,8
FI/N SW Equity Georg Fischer 928 13,7 0,5 8,1 11
BUCN SW Equity Bucher Industries 337,4 11,8 -0,4 6,9 12
UHR SW Equity Swatch Group 277,9 7,8 -0,7 4,2 12,2
CFT SW Equity Comp. Fin. Trad. 101,5 6,5 0 5,6 12,3
UBXN SW Equity U-Blox 85,15 8,5 -0,3 12 12,4
DKSH SW Equity DKSH 58,1 10,8 -1,6 5,8 12,8
JFN SW Equity Jungfraubahn 143,6 8 -0,5 5,3 13
TIBN SW Equity Titlis-Bahnen 352 9,5 -0,5 12 13,5
VZN SW Equity VZ Holding 264,5 14,9 -3,9 13 13,9
ROG SW Equity Roche 279,9 22,3 0,3 7,3 16,9
SCHP SW Equity Schindler 219,2 24,8 -1,4 8,9 17
Median des SPI 5,9 0,5 3 17,8

Weiterhin mit von der Partie sind auch die illiquiden Papiere des Schweissmaschinenherstellers Schlatter, des Automobilzulieferers Adval Tech und des Brokers Compagnie Financière Tradition. Dazu ist das Geschäft dieser Unternehmen stark zyklisch, was die günstige Bewertung relativiert, sollte sich die Konjunktur verlangsamen.

Relativ wenig Bewegung gab es in den USA, wo sich im Auswahlprozess 75 Firmen aus dem S&P 500 qualifizieren. Wird die Liste nach dem EV/Ebit-Verhältnis sortiert, erscheint neu der Steuerberater H&R Block unter den zwanzig günstigsten Werten.

Die günstigsten US-Qualitätsaktien

Die zwanzig US-Qualitätswerte mit dem niedrigsten Verhältnis aus EV zu Ebit
Ticker Name Kurs ROIC (in %) Nettoschulden/Ebitda EV/Ebit Ausschüttungsrendite (in %)
SYF US Equity Synchrony Financial 35,07 19,8 1,4 5,3 7,3
NUE US Equity Nucor 55,67 19,2 0,7 5,8 6,8
DFS US Equity Discover Financial 78,58 14,6 1,7 6,2 6,8
AMP US Equity Ameriprise Financial 145,75 16,8 0,6 6,5 10,2
HFC US Equity HollyFrontier 45,95 13,7 1,1 6,6 4,2
PCAR US Equity Paccar 72,24 11,7 -1 7,5 6,7
BEN US Equity Franklin Resources 35 11,4 -2,7 7,9 25,3
BIIB US Equity Biogen 235,49 22,3 0,2 8 6,4
PHM US Equity PulteGroup 32,12 14,5 1,6 8,3 3,5
HPQ US Equity HP 20,99 131,2 0,3 8,3 10,6
COP US Equity ConocoPhillips 62,25 12,8 0,6 8,7 5,4
OXY US Equity Occidental Petroleum 49,78 13,3 1 8,8 7,8
HUM US Equity Humana 261,14 15,2 -1,9 8,9 6,9
LYB US Equity LyondellBasell 87,28 21,1 1,6 9,1 8
GPS US Equity The Gap 17,96 13,9 2,1 9,2 5,4
HRB US Equity H&R Block 28,96 20,7 -0,1 9,4 6,7
CAT US Equity Caterpillar 136,6 13,6 0,1 9,5 6,9
LUV US Equity Southwest Airlines 51,54 16,6 0,3 9,5 7,8
CMI US Equity Cummins 172,86 21,9 0,3 9,6 6,3
LRCX US Equity Lam Research 191,34 26,1 -0,4 9,8 11
Median des S&P 500 9,8 2,1 20,4 3

Das Geschäft des in Kansas City beheimateten Unternehmens spürt den Druck durch Online-Anwendungen. H&R Block investiert denn auch in Online- und Do-it-yourself-Tools, was die Marge geschmälert hat. Ab 2021 sollen die Massnahmen wirken und der Gewinn wieder steigen. Davon scheinen auch diverse Grossinvestoren wie BNY Mellon, First Eagle oder Schroders überzeugt, die ihren Anteil substanziell aufgestockt haben.

In der Rangierung nach der Ausschüttungsrendite taucht neu Oracle unter den attraktivsten Werten auf. Das Unternehmen von Firmengründer Larry Ellison, der nach wie vor 34% der Aktien hält, ist relativ spät in das wachstumskräftige Cloud-Geschäft eingestiegen und ist dort immer noch eine kleine Nummer. Doch die Nachfrage zieht an, was 2020 den Umsatz beleben sollte.

Die US-Qualitätsaktien mit der höchsten Ausschüttungsrendite

Die zwanzig Qualitätstitel, die am meisten Geld an die Aktionäre zurückgeführt haben
Ticker Name Kurs ROIC (in %) Nettoschulden/Ebitda EV/Ebit Ausschüttungsrendite (in %)
BKNG US Equity Booking Holdings 1898,42 23,8 -0,6 15,2 30,9
BEN US Equity Franklin Resources 35 11,4 -2,7 7,9 25,3
NTAP US Equity NetApp 62,84 34,1 -1,5 10,6 18,5
AMGN US Equity Amgen 186,35 18,3 0,6 12,1 17,7
ORCL US Equity Oracle 58,01 13,4 1,1 15,7 17,3
AMAT US Equity Applied Materials 45,68 27,7 0,4 11,2 13,2
EBAY US Equity eBay 39,89 17,3 0,9 16,6 11,8
LRCX US Equity Lam Research 191,34 26,1 -0,4 9,8 11
HPQ US Equity HP 20,99 131,2 0,3 8,3 10,6
AAPL US Equity Apple 201,55 23,8 -1,5 12,4 10,6
CSCO US Equity Cisco Systems 54,74 18,8 -0,7 16,1 10,3
AMP US Equity Ameriprise Financial 145,75 16,8 0,6 6,5 10,2
BBY US Equity Best Buy 72,43 24,8 0,7 11,1 9
ROK US Equity Rockwell Automation 164,6 28 0,9 15,7 8,9
HII US Equity Huntington Ingall 224,44 23,5 1,5 11,9 8,6
JWN US Equity Nordstrom 31,49 12,7 1,8 12,2 8,5
LYB US Equity LyondellBasell 87,28 21,1 1,6 9,1 8
LUV US Equity Southwest Airlines 51,54 16,6 0,3 9,5 7,8
OXY US Equity Occidental Petroleum 49,78 13,3 1 8,8 7,8
FFIV US Equity F5 Networks 148,12 36,7 -2,4 11,9 7,6
Median des S&P 500 9,8 2,1 20,4 3

Die Auswahl in Europa besteht weiterhin aus fünfzig Namen aus dem Stoxx Europe 600 Index. Unter den zwanzig günstigsten finden sich neu die französische Werbeagentur Publicis, der deutsche Versorger Eon, das spanische Bauunternehmen ACS sowie der britische Detailhändler Next.

Die zwanzig günstigsten europäischen Qualitätswerte

Ticker Name Kurs ROIC (in %) Nettoschulden/Ebit Analystenmomentum (in %) EV/Ebit
EQNR NO Equity Equinor 173 10 0,4 0,3 4
CNHI IM Equity CNH Industrial 9,114 8,1 0,4 0,9 4,9
BKG LN Equity Berkeley Group 3743 20,5 -1,3 1 5
BWY LN Equity Bellway 2808 21,6 -0,1 -0,4 5,1
BDEV LN Equity Barratt Developments 575,2 15,8 -0,4 1 6
HLE GR Equity Hella 42,68 16 0 1,8 6,2
RIO LN Equity Rio Tinto 4958,5 20,6 0 11 6,3
AAL LN Equity Anglo American 2269 9,9 0,3 3,6 7,5
BOL SS Equity Boliden 238,35 15,2 0,1 9,1 7,7
RRTL GR Equity RTL 45,58 18,2 0,4 0,6 7,9
SKFB SS Equity SKF 169,15 15,7 0,6 4,1 8
JUP LN Equity Jupiter 403,4 20,9 -1,9 3,4 9,1
ML FP Equity Michelin 110,7 12,6 0,9 1,7 9,3
LIGHT NA Equity Signify 26,2 10,6 1,2 5,7 9,7
PUB FP Equity Publicis 46,05 8,7 0,8 0,5 9,8
EOAN GR Equity Eon 9,696 13,6 1 0,7 9,9
RHM GR Equity Rheinmetall 109,05 13,2 0,2 -0,3 10,1
ACS SM Equity ACS 35,88 9,3 0,9 0,9 10,2
TYRES FH Equity Nokian Renkaat 27,55 22,9 -0,1 6,1 10,4
NXT LN Equity Next 5464 31,8 1,3 0,5 11,2
Median des Stoxx Europe 600 7,6 1,5 -0,4 17,7

Publicis ist nicht nur mit einem schwierigen Umfeld konfrontiert, sondern strapaziert auch ihre Bilanz. Sie übernimmt für 4,4 Mrd. $ in bar den Datenspezialisten Epsilon, um sich für die digitale Zukunft zu rüsten. Nur wird die Verschuldung dadurch über den Medianwert des Stoxx Europe 600 steigen.

Eon erholt sich vom Schock der Klimawende, die zwischen 2014 und 2016 zu Verlusten geführt hat. Das Unternehmen stellt sich derzeit neu auf. Es übergibt seine Aktivitäten im Bereich erneuerbare Energien dem Konkurrenten RWE und übernimmt von dessen Tochter Innogy das Vertriebs- und Netzgeschäft. Während die Wettbewerbsbehörden den RWE-Deal abgesegnet haben, erwartet Eon das Okay für das zweite Halbjahr.

Präsident von Real Madrid unter den Champions 

Die Titel des spanischen Bau- und Infrastrukturunternehmens ACS (Actividades de Construcción y Servicios) stehen derzeit ohne News unter Druck. Das Unternehmen von Verwaltungsratspräsident Florentino Pérez, der auch den Fussballclub Real Madrid präsidiert, ist weltweit tätig. Kürzlich wurde die 3,4 km lange Champlain Bridge über den Sankt-Lorenz-Strom eröffnet, die die USA und Kanada verbindet und von ACS mit drei Partnern für dreissig Jahre betrieben wird.

Der britische Detailhändler Next schlägt sich trotz Online-Konkurrenz und der Brexit-Wirren relativ gut. Umsatz und Gewinn sind seit 2016 zwar gesunken, doch schon nächstes Jahr sollte die Scharte ausgewetzt sein – unter anderem weil Next stetig Aktien zurückkauft und so der Gewinn je Titel steigt. Die Valoren notieren rund ein Drittel unter dem Höchst von Ende 2015.

Die europäische Auswahl bleibt – wie die schweizerische und die amerikanische – zyklisch ausgerichtet und würde unter einer starken Abkühlung entsprechend leiden.

Immerhin handeln mit dem Nahrungsmittelkonzern Unilever, dem Bierbrauer Carlsberg, dem Insulinspezialisten Novo Nordisk und dem Pharmagiganten Roche vier defensive Bollwerke ebenfalls günstiger als der Stoxx Europe 600.