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Gute Aussichten für Silber

Gold zeigt steil nach oben, Silber bleibt zurück – eine Chance für Anleger?

Sandro Rosa

Endlich hat es geklappt: Gold hat vor kurzem den wichtigen Widerstand bei 1350 $ durchbrochen, weiteren Avancen steht deshalb wenig im Weg. Während das Edelmetall nun also plötzlich wieder an Popularität gewinnt, bleibt Silber augenfällig zurück.

Der Goldpreis pro Feinunze ist seit Anfang Jahr von 1283 auf 1431 $ gestiegen, derweil Silber praktisch unverändert bei rund 15.40 $ handelt. Damit notiert es am unteren Ende seiner Handelsspanne der vergangenen Jahre von 15 bis 20 $. Mitte 2016 machte es kurz den Anschein, als könne Silber den Widerstand bei 20 $ überwinden – doch seither zeigen die Notierungen wieder nach unten (vgl. Grafik).

Silber kommt (noch) nicht vom Fleck

Preis für eine Unze Silber (in $)

Silber ist auch vom Konjunkturzyklus abhängig

Was steckt hinter dieser Kursschwäche? Gemäss dem Silver Institute, der Interessenvereinigung der Silberbranche, ist die Industrie für mehr als die Hälfte der gesamten Silbernachfrage verantwortlich. Das Metall wird unter anderem für die Herstellung von Smartphones, Solarzellen und medizinischen Apparaten verwendet.

Dieser Umstand ist gemäss Mikhail Sprogis von Goldman Sachs mit ein Grund für das schwache Abschneiden der vergangenen Jahre. Denn die Minenproduktion hatte bis vor kurzem noch stetig zugelegt, obwohl die Industrienachfrage lediglich stabil geblieben war, da insbesondere der Bedarf für die Fotografie zurückging. Dieser Angebotsüberhang belastete die Notierungen, was wiederum dem Investoreninteresse abträglich war.

Doch langsam scheint sich die Angebots-Nachfrage-Situation aufzuhellen, wie Michael Widmer, Rohstoffanalyst bei Bank of America Merrill Lynch (BofAML), bemerkt: «Wir sehen Anzeichen der Stabilisierung. Die Minenproduktion nimmt ab, während die Photovoltaik neue Nachfrage generiert, die vor einer Dekade noch nicht existierte.» Die zunehmende Verbreitung von Elektroautos wird den Bedarf an Silber ebenfalls nachhaltig erhöhen.

Silber folgt typischerweise dem Goldpreis

Weitere Signale deuten darauf hin, dass der Abwärtstrend beim Silber ein Ende finden sollte – etwa der jüngste Ausbruch des Goldpreises nach oben. Denn die beiden Edelmetalle bewegen sich typischerweise im Gleichschritt, da die Treiber der Nachfrage sehr ähnlich sind.

So schreiben die Experten Ronald-Peter Stöferle und Mark Justin Valek vom liechtensteinischen Vermögensverwalter Incrementum: «Starke Bullenmärkte bei Silber geschehen meist nur im Zuge steigender Goldnotierungen, denn Investoren suchen höheren Leverage und landen bei Minenaktien oder eben Silber.» 

Was ebenfalls für Silber spricht, ist die Schere, die sich zwischen dem Gold- und dem Silberpreis geöffnet hat. Jüngst ist das Wertverhältnis der beiden Edelmetalle auf den höchsten Stand seit 28 Jahren geklettert. Mittlerweile kostet eine Gold- über 92-mal so viel wie eine Silberunze. Das ist nicht mehr weit vom Rekordwert von 1991 entfernt. Damals kletterte Gold fast auf das Hundertfache des Silberpreises (vgl. Grafik).

Silber ist günstig relativ zum Goldpreis

Preis für eine Unze Gold relativ zu einer Unze Silber

Das stimmt optimistisch für den Silberpreis. So meint Fred Hickey, Marktstratege und Herausgeber des Börsenbriefs «The High-Tech Strategist»: «Eine hohe Gold-Silber-Ratio geht typischerweise kräftigen Rallys bei Silber und Gold voraus.»

Das bestätigen die Experten von Variant Perception Research: «Wenn Silber im Vergleich zu Gold günstig ist, ist das in der Regel ein positives Signal für beide Metalle.»

Notenbanken öffnen die Schleusen

Hilfe für das Edelmetall kommt zudem von offizieller Seite. Denn trotz Vollbeschäftigung, weltweit kräftig steigender Immobilienpreise und rekordhoher Aktienindizes dürfte die US-Notenbank schon bald die Zinsen senken – das hat Fed-Chef Jerome Powell vergangene Woche klar durchblicken lassen.

«Die letzten beiden Male, als die US-Notenbank die Zinsen gesenkt hatte, löste sie eine massive Rally in Gold und Silber aus», schreibt Fred Hickey. Kein Wunder, denn Edelmetalle schneiden in Niedrigzinsphasen am besten ab.

Die Märkte haben jedenfalls bereits reagiert und die Nominalzinsen weltweit auf Talfahrt geschickt. Damit haben die Opportunitätskosten – Silber wirft wie Gold keinen Ertrag ab – für das Halten von Silber stark abgenommen, was für Schub sorgen sollte. 

Mit den geplanten Zinssenkungen steigt auch die Gefahr einer Blasenbildung und – mittelfristig – einer kräftigen Zunahme der Inflation. Denn offenbar sind die Währungshüter bereit, mit allen Mitteln eine höhere Teuerung zu erzwingen. Das Risiko eines Überschiessens nehmen sie offensichtlich in Kauf, wie Reden von Fed-Gouverneuren belegen.

Neue Ideen wirken inflationär

Auch Ideen wie die Modern Monetary Theory, die postuliert, dass sich ein Land mit eigener Währung nicht um Budgetdefizite kümmern muss, oder das bedingungslose Grundeinkommen dürften inflationäre Wirkung haben.

Es würde deshalb nicht erstaunen, wenn sich Anleger gegen dieses Szenario schützen wollen, indem sie vermehrt in Sachwerte wie Silber investieren. 

Sollte sich die Annahme einer steigenden Inflation als zutreffend erweisen, sei Silber eine der besten Anlagemöglichkeiten, glauben die Experten von Incrementum.

Schwächt sich angesichts der wieder überaus lockeren Geldpolitik des Fed und der jüngst enttäuschenden US-Konjunkturdaten der Dollar ab, würde dies für weiteren Rückenwind sorgen.  

Kein Anstieg der Nachfrage bei ETF

Noch sind die Investoren allerdings zurückhaltend. Während börsengehandelte Goldfonds (ETF) in den vergangenen Jahren stetige Zuflüsse verbuchen konnten, stiessen Silber-ETF bei den Anlegern auf vergleichsweise wenig Anklang. Das dürfte ein weiterer Grund für das Zurückbleiben sein. 

Allerdings lässt sich gemäss BofAML seit Jahresbeginn eine gewisse Belebung der Nachfrage nach Silbermünzen in den USA feststellen. Und auch bei den spekulativen Anlegern, die der US-Börsenaufsichtsbehörde Commodity Futures Trading Commission (CFTC) wöchentlich ihre Positionierungen melden müssen, ist eine steigende Nachfrage zu beobachten. Zum dritten Mal in Folge haben sie nun ihre Wetten auf das Edelmetall erhöht.

Nachdem sie noch vor drei Wochen auf fallende Preise spekuliert hatten, stellen sie sich mittlerweile auf höhere Notierungen ein. Allerdings ist das Exposure noch bescheiden und weit unter dem Niveau vergangener Jahre. Das lässt auf weiteres Aufwärtspotenzial schliessen (vgl. Grafik).

Die Spekulanten werden zuversichtlicher

Netto-Long-Kontrakte auf Silber (in Tausend)

Insgesamt scheint also der Gegenwind, der Silber in den vergangenen Jahren zurückgehalten hat, langsam, aber sicher abzuflauen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sein Preis im Schlepptau des wieder erwachten Interesses für Gold in den kommenden Monaten nach oben tendiert, hat merklich zugenommen.