Im Fokus

Hochdorf braucht einen Deal mit Mechria

Zwischen dem Milchverarbeiter und seinem nun grössten Aktionär ist ein Pokerspiel im Gang. Es geht um die Vertriebsgesellschaft Pharmalys.

Andreas Kälin

Am Montag hat Amir Mechria drei Viertel seines Anteils an Hochdorfs Pflichtwandelanleihe in Aktien gewandelt – vorzeitig. Denn der Wandler läuft bis Ende März 2020. Was bedeutet dieser Schritt von Mechria, der damit grösster Aktionär von Hochdorf geworden ist?

Keine Entlastung

Selbstredend ist damit keine finanzielle Entlastung für Hochdorf verbunden. Dem hochverschuldeten Milchverarbeiter fliessen dadurch keine neuen Mittel zu, die er dringend benötigen würde. Das ausgewiesene Eigenkapital bleibt wie es ist, denn die Wandelanleihe ist ihm schon bisher zugezählt worden; sie belastet denn auch die Nettoverschuldung nicht.

Dennoch ist Mechrias Schritt sehr bemerkenswert. Zur Erinnerung: 2016 verkaufte der Tunesier 51% an seiner Gesellschaft Pharmalys, die milch- und getreidebasierte Babynahrung vor allem im Nahen Osten und in Afrika vermarktet, an Hochdorf.

Pharmalys eingebrochen

Pharmalys wuchs 2016 und explosionsartig im Jahr 2017 – dadurch schraubte sich der Preis, den Hochdorf für den Mehrheitsanteil zahlen musste, letztlich auf sehr hohe 245 Mio. Fr. Danach sank der Umsatz von Pharmalys dann aber rapid, in der ersten Hälfte 2019 lag er mehr als 50% unter Budget.

Gemäss letzter Information von Ende Oktober ist das Geschäft der Gesellschaft nun «weitgehend eingebrochen». Das hat seinen Grund auch darin, dass ihr Geschäftsmodell wegen der erforderlichen Vorfinanzierungen äusserst kapitalintensiv ist: Die Mittel dazu fehlen der Hochdorf-Gruppe.

Die Parteien, die Hochdorf-Führung auf der einen Seite und Mechria auf der anderen, schieben sich gegenseitig den schwarzen Peter für das Pharmalys-Desaster zu. Mechria ist im August von allen Funktionen zurückgetreten, die er bei Pharmalys noch ausübte.

Aufeinander angewiesen

Trotzdem bleiben beide Parteien aufeinander angewiesen. Denn beide leiden gleichermassen unter der Situation. Hochdorf hat vor allem auch wegen des Pharmalys-Desasters eine existenzbedrohend hohe Verschuldung angehäuft: Per Mitte Jahr verletzte das Unternehmen die Kreditbedingungen und musste den Konsortialkredit mit den Banken neu verhandeln. Die Hochdorf-Aktien haben seit dem Höchst Anfang 2017 rund 75% verloren.

Hochdorfs Kursentwicklung seit Pharmalys-Erwerb

Hochdorf
SPI ohne Dividenden, angeglichen

Dieser Kursrückgang trifft auch Mechria: Denn für den Verkauf der Pharmalys-Mehrheit ist er nur zum Teil in bar entschädigt worden. Zu über der Hälfte hat Hochdorf den Kaufpreis in Form der eingangs erwähnten Pflichtwandelanleihe beglichen: Der Wandelpreis beträgt dabei 304.67 Fr.

Die Aktien von Hochdorf notieren aktuell aber nur bei 85.80 Fr. Sprich: Der von Mechria in dieser Woche gewandelte Anteil am Pflichtwandler im Nominalwert von 98,25 Mio. Fr. hat heute nur noch einen Wert von knapp 28 Mio. Fr.

Beide brauchen eine Lösung

Darüber hinaus ist Mechria weiter mit Hochdorf verbunden. Denn er besitzt immer noch 49% an Pharmalys. Und nicht nur das: Pharmalys funktioniert nicht unähnlich einer Briefkastenfirma – wesentliche Tätigkeiten hat sie ausgelagert. Ein grosser Teil des Umsatzes wird über Distributoren abgewickelt, an denen wiederum Mechria beteiligt ist, teilweise mehrheitlich.

So benötigen beide Parteien, Hochdorf und Mechria, eine Lösung für das Pharmalys-Problem. Der Verwaltungsrat des Zentralschweizers Milchverarbeiter prüft erklärtermassen zurzeit «alle Optionen für Pharmalys». Da er sich deren kapitalintensives Geschäftsmodell nicht leisten will und kann, erscheint ein Verkauf eine wahrscheinliche Option. Es gebe aber noch andere Optionen, sagt ein Unternehmenskenner.

Ein möglicher Käufer

Als Käufer für Pharmalys kommt naturgemäss nur Mechria infrage, ob allein oder mit Unterstützung eines Dritten. So ist zurzeit zwischen ihm und Hochdorf ein Pokerspiel im Gange.

Einen wichtigen Schritt konnte die Hochdorf-Gruppe dabei am 23. Oktober verkünden. Sie erreichte in Verhandlungen mit den Banken, dass ihr Konsortialkredit bis Ende September 2023 verlängert wurde und sich von zuvor 151 auf neu maximal 178 Mio. Fr. beläuft. «Die Finanzierung konnte nun sichergestellt werden», triumphierten die Zentralschweizer – mindestens haben sie dadurch Zeit gewonnen.

Zeit läuft gegen alle

Im Grunde läuft die Zeit sowohl gegen die Hochdorf-Gruppe wie gegen Mechria. Erstere muss den Liquiditätsabfluss durch Pharmalys stoppen und versuchen, die auf ein unverantwortliches Mass angewachsenen Debitorenausstände zu reduzieren. Das Pharmalys-Geschäft ist denn auch «weitgehend eingebrochen», weil Hochdorf es weitgehend gestoppt hat.

Das schadet den Interessen von Mechria: Das ganze Pharmalys-Konstrukt inklusive angeschlossener Distributoren ist eigentlich sein Kind geblieben.

Vor diesem Hintergrund ist sein Schritt zu sehen, per 4. November drei Viertel seines Anteils an der Pflichtwandelanleihe vorzeitig zu wandeln. Dadurch ist er, Stand heute, mit einem Anteil von 18,3% an Hochdorf grösster Aktionär.

Drei Grossaktionäre

So gibt es nun drei Grossaktionäre mit einem Anteil über 10%: Amir Mechria, die Stichting General Holdings sowie die Genossenschaft der Zentralschweizer Milchproduzenten (ZMP).

ZMP hat aktuell knapp 12% der ausstehenden Aktien von Hochdorf, besitzt aber ebenfalls Anteile am Pflichtwandler. Nach dessen vollständiger Wandlung spätestens Ende März 2020 sollte die ZMP laut ihrem Geschäftsführer Pirmin Furrer rund 15% an Hochdorf kontrollieren.

Die Genossenschaft hat als Lieferantin ein vitales Interesse am Milchverarbeiter, wie Furrer bestätigt.

Unbekannt ist, was die Motivation des dritten Grossaktionärs ist. Der Anteil der Stichting General Holdings, hinter der der in Hongkong basierte Investor Jethro Goldsmith steckt, beläuft sich zurzeit auf gegen 17% und nach vollständiger Wandlung der Pflichtwandelanleihe auf 13,5%.

Was bezweckt Mechria?

Fraglich bleibt, was Mechria mit der vorzeitigen Wandlung seines Pflichtwandleranteils bezweckt. Will er eine ausserordentliche Generalversammlung verlangen und einen Antrag stellen? Zu beachten bleibt, dass das Stimmrecht bei Hochdorf auf 15% beschränkt ist.

Von Mechria ist zurzeit keine Auskunft zu erhalten. Nicht bestritten wird von dieser Seite aber, dass sich die Causa Pharmalys nur gemeinsam lösen lässt.

Auf der anderen Seite sagt Furrer vom Grossaktionär ZMP, man habe «ein Interesse daran, dass sich eine gute Lösung für alle Parteien findet». Er bekräftigt zudem, dass Hochdorf ihre Produkte auch ins Ausland exportieren müsse.

Mit anderen Worten: Der ansässigen Milchbranche, für die Hochdorf eine systemrelevante Rolle hat, liegt es am Herzen, dass das Unternehmen seine Babynahrung weiterhin via Pharmalys im Nahen Osten oder in Afrika verkaufen kann.

Zwei Prioritäten

Für Hochdorf haben zwei Sachen zurzeit absolute Priorität: Erstens muss das Problem Pharmalys gelöst werden, womöglich durch einen Rückverkauf an Mechria. Zweitens muss für die defizitäre Uckermärker Milch ein Käufer gefunden werden. Die deutsche Produktionstochter wurde 2014 mehrheitlich erworben und steht nun zum Verkauf. Laut einem Unternehmenskenner sollte diese Sache bis Ende Jahr zu klären sein.

Erst wenn diese beiden Probleme gelöst sind, kann Hochdorf die Strategie neu definieren und damit den Kapitalbedarf klären – denn bei allem bleibt klar: Eine Kapitalerhöhung zur finanziellen Sanierung ist für die Gruppe, die per Ende Juni Nettoschulden von 174 Mio. Fr. auswies, nicht vom Tisch. Auch Analyst Ronald Wildmann von Research Partners hat, nachdem Hochdorf Ende Oktober den Konsortialkredit verlängern konnte, eine Kapitalerhöhung zur Schuldentilgung als «unausweichlich» bezeichnet.

Das muss ein Investor einkalkulieren, wenn er in der Hoffnung auf einen Turnaround von Hochdorf ein Aktienengagement erwägt.