Im Fokus

In welchen Aktien Enttäuschungen lauern

Halbleiterunternehmen sind prädestiniert, schlechte Halbjahresergebnisse zu liefern, ebenso Automobilzulieferer. Warum genau das Einstiegschancen eröffnet und wo Enttäuschungen richtig wehtun. 

Ruedi Keller

Die Halbjahresergebnisse nahen – und die nächsten Gewinnwarnungen dürften nicht lange auf sich warten lassen. Vergangene Woche hat Bell gewarnt, dass die gestiegenen Schweinepreise das Betriebsergebnis zur Jahresmitte mehr als 10% unter Vorjahr drücken werden. Die Aktie ist daraufhin 8% eingeknickt.

Zuvor hatte die Nachricht von Broadcom, der Handelskonflikt zwischen den USA und China sowie die Blockade gegen Huawei würden den Chipkonzern dieses Jahr 2 Mrd. $ an Umsatz kosten, eine Schockwelle durch den Halbleitermarkt geschickt – mit Auswirkungen auf die Schweizer Titel AMS und VAT.

Das Management von Komax hatte die Investoren bereits zu Jahresbeginn auf ein schlechtes Halbjahr eingestimmt. Bei vielen Zyklikern lautet die Frage nur noch: Wo kommt es schlimmer als gedacht?

Tiefe Erwartungen an Halbleiterwerte und den Automobilsektor

«Nach diversen Gewinnwarnungen im Sektor sind die Erwartungen an Halbleiterwerte tief», sagt Urs Beck, Fondsmanager bei EFG Asset Management. Die Titel von VAT, Comet und Inficon sähen jetzt zwar günstig aus. «Die in den Kursen enthaltenen Erwartungen sind jedoch noch immer zu optimistisch», ist er überzeugt.

«Grundsätzlich laufen alle konsumnahen Bereiche gut», sagt Rudolf König, Fondsmanager von Entrepreneur Partners. Probleme hätten die Anbieter von Kapitalgütern.

Die Schweizer Technologietitel haben über ein Jahr gesehen im Schnitt fast 25% korrigiert, der Automobilsektor mehr als ein Drittel eingebüsst. Dies kontrastiert mit der Nahrungsmittelindustrie, die über den Zeitraum fast 15% avanciert ist, ebenso der Pharmabereich.

Die Unterperformance der Sektoren Technologie und Automobil

Technologie
Automobil
SPI, indexiert

Die Überperformance der Sektoren Nahrungsmittel und Gesundheit

Nahrungsmittel
Gesundheit
SPI, indexiert

«Im Halbleitersektor erwartet der Markt eine deutliche Abschwächung der Umsätze, etwa bei VAT oder Comet», sagt König. Enttäuschungen würden kommen, seien jedoch weitgehend eingepreist. «Entscheidend wird der Ausblick auf das zweite Halbjahr sein.» In der Tat: Zwischen dem Gespräch und der Publikation hat Comet mitgeteilt, aufgrund der schwachen Nachfrage im Halbleitermarkt werde im ersten Halbjahr keine Ergebnisverbesserung erzielt werden. Und: Kurzfristig werde keine signifikante Marktbelebung erwartet.

Der Ausblick entscheidet

Weiter in die Zukunft blickt Marc Possa, Geschäftsführer und Partner der VV Vermögensverwaltung: «Die temporäre Lähmung im Halbleiterbereich und in der Automobilindustrie drückt wohl die Halbjahresergebnisse. Doch gerade bei Investitionsgütern entsteht aus einem temporären Einbruch ein Nachholeffekt.» Zentral für den Anlageentscheid sei die langfristige Perspektive.

«VAT ist klarer Marktführer bei Vakuumventilen und gibt für Forschung und Entwicklung so viel aus, wie der nächste Konkurrent Umsatz erwirtschaftet», sagt Possa. Die Anlageperspektive bleibe trotz kurzfristiger Kursrückschläge intakt – sie könnten gar als Einstiegschance genutzt werden. «Entscheidend ist, wann der Investitionszyklus wieder nach oben dreht», sagt König von Entrepreneur Partners. Er befürchtet, der Ausblick der Unternehmen auf die Folgequartale könnte die Erwartungen diesbezüglich enttäuschen.

Halbleiterwerte

VAT
Comet
Inficon
SPI ohne Dividenden, indexiert

«Die Ökonomen haben für das zweite Halbjahr eine konjunkturelle Belebung prognostiziert», sagt Sven Bucher, Leiter Research bei der Zürcher Kantonalbank. International seien aber bei vielen Unternehmen die Gewinnschätzungen bereits zurückgekommen, und auch für Schweizer Titel gelte: «Je länger der Handelskonflikt andauert, desto kleiner wird die Wahrscheinlichkeit, dass die Gewinnsteigerung der Unternehmen sich im zweiten Halbjahr deutlich beschleunigt.»

Beträchtliches Spannungsfeld öffnet sich

«Es öffnet sich ein Spannungsfeld zwischen den Börsenbewertungen und den fundamentalen Gewinnaussichten», sagt der ZKB-Analyst. Das Risiko für Enttäuschungen steige: «Auf dem aktuellen Bewertungsniveau können Enttäuschungen auf Titelebene zu harschen Kursreaktionen führen.»

Zusätzlich zu den Halbleiterwerten bereitet die Automobilbranche Sorgen: «Der rückläufige Autoabsatz in China sowie Probleme der deutschen Premiumhersteller, ihre Flotte an die neuen Abgasvorschriften anzupassen, treffen die Schweizer Autozulieferer, insbesondere die Anbieter von Investitionsgütern», sagt Beck von EFG Asset Management.

Industriewerte

Autoneum
Komax
Georg Fischer
SPI ohne Dividenden, indexiert

ZKB-Analyst Bucher sieht Enttäuschungspotenzial bei Georg Fischer, Autoneum, Komax und Feintool. Jedoch hätten die Kurse im Automobilsegment bereits korrigiert, und die Exponierung der einzelnen Unternehmen sei unterschiedlich hoch.

Ein schwieriges Halbjahr für Maschinenhersteller

Maschinenhersteller wie Komax, Klingelnberg oder die zu Conzzeta gehörende Bystronic dürften ein schwieriges erstes Halbjahr durchlebt haben, sagt Beck. Komponentenhersteller wie Autoneum oder Feintool seien weniger betroffen. Bei Dätwyler erwartet der EFG-Fondsmanager sogar, dass das Automobilgeschäft über Vorjahr abschneiden wird.

«Zusätzlich zur Exponiertheit gegenüber dem Automobilsektor leidet Autoneum unter hausgemachten Problemen», sagt König von Entrepreneur Partners: In den USA kämen zwei neue Produktionsanlagen nicht auf Touren. In China bleibe das erwartete Auftragsvolumen aus. Und die Investitionen in die neuen Werke hätten die Bilanz geschwächt.

Auch die Königsklasse ist in Gefahr

Enttäuschungspotenzial ortet König auch bei Ems-Chemie: «Ems hat mit einem starken Umsatz im ersten Quartal die Erwartungen auf ein Niveau gehoben, das im zweiten Quartal nicht einfach zu erreichen sein wird.» Ihre Kunststoffe werden im Automobilsektor und in Mobiltelefonen eingesetzt, zwei Sektoren, die derzeit harzen.

Oerlikon hatte in der Oberflächentechnologie im ersten Quartal die Markterwartungen bereits verfehlt und das auf das Automobilsegment zurückgeführt. Anders als bei Ems sind hier die Investoren gewarnt.

Swatch Group ist für Beck ein Enttäuschungskandidat – mehr als Richemont. «Die Exponiertheit von Swatch gegenüber China ist deutlich höher. Zudem hat Swatch eine geringere Kontrolle über die Verkaufskanäle als Richemont und ist stark von Wiederverkäufern abhängig.» Dagegen hält Analyst Bucher: «Der Handelskonflikt zwischen den USA und China hat bei Swatch Group Spuren hinterlassen, ebenso die Demonstrationen in Hongkong.» Nach dem starken Kursrückgang in den vergangenen zwölf Monaten sollte dies jedoch weitgehend im Kurs eskomptiert sein.

Enttäuschungspotenzial ortet Beck weiter bei Siegfried: «Der Pharmazulieferer hat Qualitätsprobleme mit der Rezyklierung von Rohmaterialien und dürfte die Erwartung an eine steigende Marge im ersten Halbjahr verfehlen.» Das Management sei derzeit bemüht, in Gesprächen mit Investoren die Erwartungen zu dämpfen.

Auch strukturelle Faktoren spielen mit

Auch wenn Enttäuschungen erwartet werden, schützt das nicht vor Kurseinbrüchen: «Der Rückschlag von Bell wegen höherer Schweinepreise kam nicht ganz überraschend», sagt Possa von der VV Vermögensverwaltung. «Dennoch hat die Börse am Tag der Gewinnwarnung regiert, da die Investoren erst mit dem Vorliegen konkreter Zahlen ihre Schätzungen neu berechnet haben.»

Beck erwähnt einen zweiten strukturellen Faktor: «Analysten unterschätzen bei sinkenden Aktien das Rückschlagpotenzial systematisch.» Sie kümmern sich zuerst um ihre Kaufempfehlungen. So komme die Neueinstufung von fallenden Aktien meist mit Verspätung.

Paradoxe Situationen schaffen Einstiegschancen

Gegenteiliges gilt für Leerverkäufer, für die Enttäuschungen zum Kerngeschäft gehören. Sie preschen vor, sobald sich eine Gelegenheit bietet: «In einigen Titeln sind bereits so viele Short-Positionen aufgebaut, dass auch bei schwachen Ergebnissen die Kurse nach oben schnellen können», sagt Fondsmanager König. Wenn viele Leerverkäufer gleichzeitig ihre Positionen schliessen, könne es zu einer massiven kurzfristigen Rally in der betroffenen Aktie kommen.

«Gerade bezüglich der zyklischen Schweizer Small und Mid Caps war die Stimmung schon lange nicht mehr so pessimistisch», sagt Possa. «Contrarians finden dort jetzt Chancen, gerade in Fällen kurzfristiger Enttäuschungen.» Short-Positionen von 10% und mehr der Marktkapitalisierung finden sich laut dem Datenanbieter Markit bei AMS, Autoneum, VAT und Komax. 

In Zyklikern erwartet der Markt Enttäuschungen, nicht jedoch bei defensiven Werten wie Bell, sagt König: «Nestlé, Givaudan und Lindt & Sprüngli handeln nach dem diesjährigen Aufschwung zu so hohen Prämien, dass Enttäuschungen tiefe Spuren hinterlassen würden.»

Defensive Werte

Nestlé
Givaudan
Lindt & Sprüngli
SPI ohne Dividenden