Im Fokus

Jetzt kommen die Gewinnschätzungen auch in den USA unter Druck

Die Hoffnung, dass sich die Unternehmensresultate im zweiten Halbjahr rasch erholen, ist einer der wichtigsten Treiber für die Aktienmärkte. Doch nun zeichnet sich immer deutlicher ab, dass die Analystenprognosen zu optimistisch sind.

Christoph Gisiger

Die Situation ist prekär. Die Vereinigten Staaten werden im Juli zwar den längsten Aufschwung der Landesgeschichte verbuchen können. Seit der Konjunkturzyklus vor 120 Monaten begonnen hat, sind die Aussichten für amerikanische Unternehmen jedoch selten so düster gewesen wie heute.

Der Citigroup Economic Surprise Index, der die Abweichung der Wirtschaftsdaten von den Schätzungen der Ökonomen misst, bewegt sich seit Monaten tief im negativen Bereich. Auch andere Frühindikatoren wie der rückläufige Auftragseingang in der US-Industrie oder die anhaltende Inversion der Zinskurve kündigen Probleme an.

Citigroup Economic Surprise Index

Im Kontrast dazu stehen die Gewinnprognosen zum Geschäftsverlauf der grössten US-Konzerne. Nach den dürftigen Zahlen zum ersten Quartal rechnen Analysten für die laufende Berichtsperiode zwar erneut mit stagnierenden Ergebnissen. Doch dann soll sich das Gewinnwachstum bis Ende Jahr sprunghaft beschleunigen.

Ergebnisentwicklung S&P 500 seit 2016

Veränderung zur Vorjahresperiode, in %

Dass die Prognosen für einen solchen Gewinnschub mehr auf Hoffnung als auf Fakten beruhen, ist seit längerem ersichtlich. Doch jetzt sehen sich auch mehr und mehr Aktienstrategen amerikanischer Grossbanken dazu veranlasst, ihren Ausblick zu dämpfen – kein gutes Zeichen, ist Wallstreet doch für chronischen Überoptimus bekannt.

Handelsdisput trübt Gewinnaussichten

«Investoren fragen uns nach dem Risiko eines Rückgangs der Gewinne im Verhältnis zum Potenzial eines Aufwärtsschubs. Die Mentalität hat sich damit seit Ende April verändert, als Selbstgefälligkeit offenkundig war», konstatiert Tobias Levkovich, US-Aktienstratege von Citigroup.

Zu den grössten Unsicherheitsfaktoren für US-Konzerne gehört der Handelsdisput. «Die Auswirkungen der Sanktionen gegen China abzuschätzen, ist nahezu unmöglich. Berücksichtigt man aber Effekte wie beispielsweise den Boykott gegen Huawei, erscheint es uns vernünftig, den Ausblick etwas zu trimmen», meint Levkovich dazu.

Die Gewinnerwartungen für die Konzerne im S&P 500 tendieren bereits seit Herbst nach unten. Seit Anfang Jahr haben Analysten vor allem für das zweite und dritte Quartal den Rotstift erneut angesetzt. Im Gegensatz dazu sind sie für das Schlussquartal aber nach wie vor guter Dinge und erwarten im Durchschnitt einen Gewinnzuwachs von fast 8%.

Veränderung der Analystenprognosen seit Anfang Jahr

Erwartetes Gewinnwachstum zur Vorjahresperiode, in%
1. Januar
1. April
Aktuell

Das Research-Team von Bank of America fragt sich deshalb, ob die Erwartungen noch immer zu optimistisch sind: «Seit US-Präsident Donald Trump am 5. Mai die Zollerhöhung auf chinesische Importe über Twitter angekündigt hat, sind die Konsensschätzungen für 2019 und 2020 nur 0,1 bzw. 0,3% zurückgekommen», bemerkt Aktienstrategin Savita Subramanian.

«Daraus lässt sich schliessen, dass die Prognosen das Risiko eines Gewinnrückgangs wegen der neuen Zölle und des Huawei-Boykotts nicht ausreichend berücksichtigen», erklärt sie.

Zyklische Sektoren sind am meisten gefährdet

Besonders auffällig: Gerade für Sektoren, die vom Handelsdisput und den Auswirkungen auf die Wirtschaft am meisten betroffen sind, ist die Hoffnung auf eine rasche Erholung weiterhin gross.

Für den Industriesektor zum Beispiel rechnen Analysten für die laufende Berichtsperiode mit stagnierenden Gewinnen. Im dritten und vierten Quartal sollen die Ergebnisse dann aber um 6 respektive 10% gegenüber der Vorjahresperiode anziehen.

Ein ähnlicher Aufwärtstrend wird gemäss dem Datendienst Refinitiv für Konzerne aus den Segmenten Technologie und zyklischer Konsum prognostiziert.

Mit einem markanten Gewinnanstieg rechnen die meisten Analysten ebenfalls für die Finanzbranche. Die Zunahme soll sich dort im Schlussquartal auf nahezu 20% belaufen. Das, obschon sich Kreditausfälle im Zug einer Konjunkturschwäche üblicherweise häufen und die flache bis inverse Zinskurve die Margen der Banken belastet.

Ergebnisentwicklung nach Sektoren

Veränderung zur Vorjahresperiode, in %
Finanzen
Zyklischer Konsum
Industrie
Technologie

Hört man sich dagegen in Corporate America um, herrscht weniger Zuversicht. Aktuellstes Beispiel ist Broadcom. Der Hersteller von Mobilfunk-Chips, die unter anderem von Apple verwendet werden, spricht vor einer «Verlangsamung des Geschäfts auf breiter Basis».

Zahlreiche weitere Konzerne aus der Halbleiterindustrie wie Microchip Technology, Nvidia oder Qorvo warnen vor rückläufigen Auftragszahlen. Das erregt Besorgnis, zumal der Halbleitersektor als Vorlaufindikator für die Gesamtwirtschaft gilt.

Gewinnwarnungen nehmen auch in anderen Branchen zu. Gemäss dem Research-Haus FactSet haben inzwischen 87 Konzerne aus dem S&P 500 den Ausblick seit dem ersten Quartal gedämpft. Demgegenüber haben 25 die Prognose angehoben. Daraus errechnet sich ein Anteil von fast 80% an negativen Ankündigungen, was über dem langfristigen Mittel liegt.

Risiko von Enttäuschungen nimmt zu

Torsten Sløk, Ökonom bei der Deutschen Bank, wirft daher die Frage auf, ob die «Auswirkungen des Handelskonflikts unterschätzt» werden. «Die eintreffenden Konjunkturdaten sind enttäuschend. Auch hat sich die Zuversicht der Unternehmen verändert, seit der Handelskrieg im zweiten Halbjahr 2018 ausgebrochen ist», bemerkt Sløk.

Dennoch messen die US-Börsen dem Risiko einer weiteren Abschwächung der Fundamentaldaten offensichtlich wenig Bedeutung zu. Die Aussicht auf eine Zinssenkung des Federal Reserve hat den Kursen zuletzt nochmals kräftig Auftrieb gegeben.

Der S&P 500 bewegt sich damit nur 2% unter dem Rekordhoch von Anfang Mai. Gemessen am Stand von Anfang Jahr notiert er 16% im Plus. Zum Kurs-Gewinn-Verhältnis von 16,5 sind US-Aktien im Vergleich zu den letzten zehn Jahren (14,8) ohnehin teuer bewertet. Das gilt es zu bemerken, wenn die Analysten ihre Schätzungen nun weiter nach unten revidieren.  

Entsprechend anfällig ist der Markt für böse Überraschungen, wenn Anfang Juli die Abschlusssaison zum zweiten Quartal beginnt. Die Marktstrategen von Morgan Stanley raten aus diesem Grund zu Vorsicht. Für die kommenden zwölf Monate rechnen sie sogar mit einer negativen Entwicklung der Unternehmensergebnisse.

«Die zunehmenden Spannungen in den Handelsbeziehungen bedrohen das Wirtschaftswachstum. Das wiederum bedeutet ein zusätzliches Risiko für den bereits gefährdeten Ausblick zu den Konzerngewinnen», halten sie fest.