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Die Börsenhausse gewinnt an Breite

Ungeachtet des stotternden Konjunkturmotors erholen sich die globalen Aktienindizes seit einigen Wochen. Die zunehmende Marktbreite ist ein positives Signal für die kommenden Monate.

Sandro Rosa

Man stelle sich vor, die Konjunkturprognosen verschlechtern sich, und die Börsen steigen trotzdem.

Der Internationale Währungsfonds hat vor wenigen Wochen die Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft zum vierten Mal in Folge gesenkt, auf gerade noch 3%. Das ist der niedrigste Wert seit der Finanzkrise. Zudem verharrt der wohl wichtigste Frühindikator, der globale Industrie-Einkaufsmanagerindex, immer noch unter der Wachstumsschwelle von 50 Punkten. Die Angst vor der Rezession bleibt gross.

Dennoch geben die globalen Aktienmärkte gerade jetzt Lebenszeichen von sich. Sie steigen nicht nur, die Aufwärtsbewegung ist auch breit abgestützt. Die Zahl der Aktien, die sich in einem Aufwärtstrend befinden, nimmt wieder zu. Im Jargon spricht man von einer zunehmenden Marktbreite.

In der Regel ist dies ein positives Zeichen für den weiteren Börsenverlauf, zeigt eine solche Entwicklung doch, dass Anleger Aktien gegenüber grundsätzlich positiv eingestellt sind – allen Konjunktursorgen zum Trotz.

Wie man die Marktbreite misst

Wie aber lässt sich die Marktbreite überhaupt bestimmen? Ein beliebtes Mass ist die Anzahl Aktien oder Indizes, die über ihrem 200-Tages-Durchschnitt notieren. Je mehr Valoren diese Anforderung erfüllen, desto robuster ist im Allgemeinen die Hausse. Gemeinhin werden Werte über 50 mit einem «gesunden» Aufwärtstrend verbunden.

Umgekehrt ist der Trend in Gefahr, wenn eine zunehmende Anzahl von Titeln unter ihren gleitenden Durchschnitt rutscht, weil das weitere Verkäufe nach sich ziehen könnte.

Wie ein Blick auf die an der New Yorker Börse kotierten Werte zeigt, steht dieses Signal derzeit auf Grün. Aktuell notieren 55% der Aktien über ihrem 200-Tages-Durchschnitt. Das ist eine spürbare Verbesserung im Vergleich zum Jahreswechsel, als zwischenzeitlich weniger als 10% der Valoren über dieser Schwelle handelten. 

Noch besser sieht es für den hiesigen Markt aus. Im breiten Swiss Performance Index handeln mehr als 60% der Anteilscheine über ihrem 200-Tages-Durchschnitt.

Immer mehr Länder im Aufschwung

Die Marktbreite lässt sich nicht nur anhand von Einzeltiteln, sondern auch auf Ebene der Länderindizes ermitteln. Ein Blick auf die knapp fünfzig wichtigsten Industrie- und Schwellenländerindizes von MSCI (in Lokalwährung gemessen) illustriert die Verbesserung der Marktstruktur.  

Von den 49 Länderbarometern, die The Market untersucht hat, notieren 34 oder nahezu 70% über ihrem 200-Tages-Durchschnitt. Die Indizes für die Schweiz, Deutschland, die USA oder Japan notieren klar über dem langfristigen gleitenden Durchschnitt. Damit lässt sich auch auf Indexebene eine deutliche Aufhellung in der Aufwärtsbewegung feststellen.

Denn wie bei den Einzelwerten sackte die Marktbreite zum Jahreswechsel auf einen äusserst niedrigen Wert von unter 10% ab, und auch noch vor einem Monat handelten bloss 40% der Aktienbarometer über ihrem 200-Tages-Schnitt. 

Kumulierte Advance-Decline-Linie

Ein weiteres Mass zur Beurteilung der Marktverfassung ist die kumulierte Advance-Decline-Linie. Sie addiert jeden Tag die Zahl der gestiegenen Aktien und zieht davon die Summe der Valoren mit einem Tagesverlust ab. Bestätigt die Advance-Decline-Linie (ADL) einen Aufwärtstrend an der Börse – sprich, zeigt die kumulierte ADL wie der Börsenindex nach oben –, ist die Hausse intakt. Das ist momentan sowohl in den USA als auch in der Schweiz der Fall.

Zunahme an neuen 52-Wochen-Höchst

Die Marktbreite lässt sich auch anhand der Anzahl Aktien bestimmen, die ein neues 52-Wochen-Höchst erklimmen. In den USA nahm die Anzahl der Titel, die auf ein neues 52-Wochen-Höchst kletterten, seit dem Zwischenhoch im Sommer kontinuierlich ab. Doch seit Anfang Oktober lässt sich wieder eine eindrückliche Verbesserung erkennen. Auch dieser Indikator passt somit ins positivere Gesamtbild.

Ein weiterer Indikator stammt von Callum Thomas vom neuseeländischen Analysehaus Topdown Charts. Er zählt die Länder, die auf einem neuen 52-Wochen-Hoch handeln. Das lässt sich bei fünfzehn der insgesamt betrachteten siebzig Industrie- und Schwellenländer – also bei knapp über 20% der Börsen – beobachten.

Gemäss Thomas ist das entscheidende positive Kriterium, wenn nach einer längeren Periode mit nur wenigen neuen Höchst ein plötzlicher Ausbruch nach oben einsetzt – und genau das ist momentan der Fall:

«Das ist ein klassisches Signal für den Beginn eines neuen Bullenmarktes», schreibt Thomas. Denn die gleiche Entwicklung habe sich zu Beginn der vergangenen drei zyklischen Bullenmärkte von 2009 bis 2011, von 2012 bis 2015 und von 2016 bis 2018 abgespielt.

Intakte Chancen für eine Jahresendrally

Entgegen den negativen Konjunkturnachrichten hat sich die Marktstruktur in den vergangenen Wochen also klar verbessert. Ist damit die Absturzgefahr gebannt und die nächste Phase des Bullenmarktes eingeläutet? Leider ist kein Indikator unfehlbar, das gilt auch für die oben vorgestellten.

Aber die Signale stimmen positiv und sind im Einklang mit den jüngsten Erholungsbewegungen etwa von zyklischen Aktien und von Titeln kleinkapitalisierter Gesellschaften, die typischerweise sensibler auf die Konjunktur reagieren. Damit stehen die Chancen auf eine Jahresendrally nicht schlecht.