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Schindler, Kone & Co: Konsolidierungswelle unter den Liftherstellern

ThyssenKrupp will das Aufzugsgeschäft abspalten – und die finnische Kone will zugreifen. Die Frage ist, was Schindler macht.

Ruedi Keller

Schindler, Kone, Otis und ThyssenKrupp: Diese vier Hersteller dominieren seit Jahren das Geschäft mit Aufzügen und Rolltreppen. Weltweit besetzen sie zwei Drittel des Marktes.

Zählt man den oft vernachlässigten Fünften im Bunde dazu, Mitsubishi Elevators, sind es fast 75%:

Die Marktanteile

Otis
Schindler
Kone
ThyssenKrupp
Mitsubishi
Weitere

Diese eingespielte Marktlage könnte bald aufgemischt werden: Der Plan von ThyssenKrupp, das Aufzugs- und Rolltreppengeschäft abzuspalten, hat das Potenzial, die Branche strukturell umzuwälzen – ähnlich, wie 2015 der Zusammenschluss von Dow und DuPont den Markt für Saatgut und Pflanzenschutzmittel umgepflügt hat.

Die Neugliederung der beiden US-Schwergewichte hat damals weitere Milliardentransaktionen nach sich gezogen: Syngenta wurde von ChemChina übernommen, Monsanto ist in den Armen von Bayer gelandet. Um Bedenken der Wettbewerbsbehörden auszuräumen, gingen gleichzeitig milliardenschwere Geschäftsbereiche an BASF über. Binnen kürzester Zeit hat sich die Agrarbranche neu geordnet, nachdem die Marktanteile zuvor jahrelang klar verteilt gewesen waren.

Anstoss zu einer Konsolidierungswelle

Eine solche Konsolidierungswelle halten Investmentbanker nun auch in der Aufzugs- und Rolltreppenbranche für angestossen. Ein Industrieexperte erwartet Zusammenschlüsse auf mehreren Ebenen: unter den grossen Anlagebauern, im fragmentierten Markt der Unterhaltsanbieter sowie eine Kombination davon.

Technologisch seien zwar alle grossen Anbieter auf hohem Niveau, sagt der Branchenkenner. Zunehmend ausschlaggebend werde jedoch die Dichte der geografischen Präsenz – um Werke besser auszulasten und im margenschwachen Installationsgeschäft preislich mithalten zu können. Gleichzeitig müssten die Anlagebauer stärker ins Wartungsgeschäft vordringen, das rund dreimal so hohe Margen biete, lautet seine Prognose.

Eine Konsolidierung würde Synergien freisetzen; bei Betriebsgewinnmargen knapp über 10% würde es sich keiner der Anbieter leisten können, Effizienzgewinne der Konkurrenz zu ignorieren. Denn Zusammenschlüsse von Wettbewerbern könnten zu Preisdruck führen, der die Profitabilität des eigenen Geschäftsmodells rasch ins Wanken bringen könnte, sagt der Experte.

Die Margenentwicklung

Ebit-Marge im Aufzugs- und Treppengeschäft in %
Otis
Schindler
Kone
ThyssenKrupp

Angesichts des bereits stark konzentrierten Marktes stellt ein Investmentbanker allerdings die Frage: «Was ist wettbewerbsrechtlich überhaupt noch möglich?»

Die Antwort auf diese Frage wird nicht nur bestimmen, wohin die Branche steuern wird. Sie wird ebenso darüber entscheiden, wie vehement die Konsolidierungswelle überhaupt angestossen wird.

Der aktuelle Ausgangspunkt sind die klammen Finanzen von ThyssenKrupp: Das deutsche Industriekonglomerat ist gezwungen, zu Geld zu kommen, nachdem die Wettbewerbsbehörden den ursprünglichen Plan gestoppt haben, das Stahlgeschäft mit Tata Steel zusammenzulegen.

ThyssenKrupp mandatiert JPMorgan und Goldman Sachs

Im Mai hatte ThyssenKrupp angekündigt, die Aufzugssparte auszugliedern und separat an die Börse zu bringen. Die Aussicht, dass die Ertragsperle von ThyssenKrupp erhältlich sein wird, hat nun bei Konkurrenten und Finanzinvestoren Begehrlichkeiten aufkommen lassen – offensichtlich mit Wirkung.

Letzte Woche hat ThyssenKrupp mitgeteilt, «einen strukturierten Prozess für die Bewertung von Angeboten von strategischen Investoren und Finanzinvestoren eingeleitet» zu haben. Medienberichte nennen für die Sparte einen Preis von 15 bis 17 Mrd. €.

Begleitet wird der Verkaufsprozess nach Informationen von The Market von JPMorgan und Goldman Sachs. Die Aufforderung, Gebote einzureichen, ist gemäss Reuters an Kone, Schindler, Otis und Hitachi sowie an die Finanzinvestoren KKR, Bain, Advent, CVC, EQT, Blackstone, Partners Group und Apollo gegangen.

Kone bringt sich in Stellung

Vorgeprescht ist bereits der CEO von Kone, Henrik Ehrnrooth, der in Interviews mit deutschen Zeitungen sofort Interesse an der Übernahme des Aufzugsgeschäfts von ThyssenKrupp öffentlich gemacht hat. Seit mehr als 25 Jahren sei immer wieder über eine solche Verbindung diskutiert worden, sagte Ehrnrooth dem «Handelsblatt».

Angesichts der «komplementären Aufstellung» sowie der «industriellen Logik» eines Zusammenschlusses glaubt der CEO des finnischen Konzerns denn auch, am Ende mit seinem Gebot Erfolg zu haben.

Ein Blick auf die Umsatzverteilung zeigt, dass sich Kone und ThyssenKrupp gut ergänzen würden. Die Finnen erwirtschaften je rund 40% ihres Umsatzes in den Regionen Europa, Naher Osten und Afrika (Emea) sowie Asien-Pazifik (Apac). Rund 20% stammen aus Nord- und Südamerika. Das wiederum ist die Region, in der ThyssenKrupp am stärksten vertreten ist. Am schwächsten sind die Deutschen im Wachstumsmarkt Asien aufgestellt, wo sie nur gut 25% ihres Umsatzes erarbeiten:

Die Herkunft der Erträge

Emea
Americas
Apac

Gemäss Medienberichten sind Private-Equity-Häuser bereits daran, Allianzen auszuloten – untereinander oder in Kombination mit einem industriellen Käufer. Die Idee dahinter: Einzelne Bereiche, in denen Wettbewerbshüter Probleme sehen könnten, werden an Finanzinvestoren abgespalten, um dennoch die Freigabe für einen Deal zu erhalten.

Offen ist, wer das Rennen machen wird – ein industrieller Käufer, ein Finanzinvestor oder eine Kombination davon. Oder ob ThyssenKrupp die Aufzugssparte am Ende doch an die Börse bringt – weil dies ohne wettbewerbsrechtliche Hürden machbar ist und der angeschlagene Industriekonzern mit einem Minderheitsanteil weiterhin am Cashflow partizipieren könnte.

Zusammenschluss schafft neuen Champion

Sicher ist: Ein Zusammenschluss von Kone und ThyssenKrupp würde den mit Abstand grössten Aufzugshersteller der Welt entstehen lassen – rund doppelt so gross wie Schindler und rund 50% grösser als der heutige Branchenprimus Otis.

Mit Otis wird zudem im nächstem Jahr ein weiterer Konsolidierungskandidat freigelassen: Das US-Konglomerat United Technologies will sich 2020 in drei Teile aufspalten und das Aufzugsgeschäft verselbständigen.

Otis streckt die Fühler aus

Bereits heute soll sich das Management von Otis nach möglichen Partnern umsehen, sagen Quellen gegenüber The Market. Das Gerücht, die Amerikaner hätten bei Schindler angeklopft, hat der Schweizer Lift- und Rolltreppenhersteller letzte Woche jedoch als «völlig unbegründet und sachlich falsch» zurückgewiesen.

Dass sich Schindler mit Otis verbündet, beschreiben Insider denn auch als höchst unwahrscheinlich. Für Patron Alfred N. Schindler – die Familien Schindler und Bonnard kontrollieren 44,2% des Kapitals und 71,1% der Stimmen im Konzern – sei dies ein «No Go».

Doch auch Alfred N. Schindler sei sich bewusst, dass sich der Schweizer Konzern bewegen müsse, wenn die Konkurrenz konsolidiere, sagt die mit den strategischen Überlegungen bei Schindler vertraute Person.

Schulterschluss von Schindler und Mitsubishi?

Mitsubishi sei zudem daran, das eigene Portfolio zu überprüfen, darunter auch eine Verselbständigung des Aufzugsgeschäfts, berichtet die Auskunftsperson. Früher hätten für diesen Bereich, in dem die Japaner weltweit auf Rang fünf liegen, Zukäufe im Vordergrund gestanden. Heute erwäge der Konzern auch eine Ausgliederung.

Eine Sprecherin von Schindler erklärt, es sei kein Schulterschluss mit Mitsubishi geplant.