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Schmolz + Bickenbach: Um was Haefner und Vekselberg streiten

Martin Haefners Plan einer Kapitalerhöhung für den Stahlhersteller stösst auf Widerspruch bei der grössten Aktionärin und einem ehemaligen Stahlindustriellen.

Andreas Kälin und Daniel Zulauf

Rund 220'000 Quadratmeter umfasst das Areal von Schmolz + Bickenbach (S+B) in Emmen. Daneben hält der in der Krise steckende Stahlhersteller weitere Immobilien, wie ein attraktives Geschäftshaus in Düsseldorf.

Geht es beim Machtkampf, der sich um Schmolz + Bickenbach aktuell abspielt, letztlich um den umfangreichen Immobilienbestand des Konzerns? Ins Spiel bringt diese Variante der einstige Stahlindustrielle André von Moos, ehemals Chef des Stahlwerkes Von Moos und damit eines Teils der heutigen S+B-Gruppe.

Haefner gibt sich grosszügig

Die Geschichte ist verworren. Am 23. Oktober hat S+B angekündigt, eine Kapitalerhöhung zu planen. Konkret hatte der Verwaltungsrat beschlossen, auf einen Vorschlag von Martin Haefner einzugehen. Dieser ist mit einem Anteil von 17,5% zweitgrösster Aktionär von S+B und Vizepräsident im Verwaltungsrat.

Haefners Vorschlag: S+B soll sich über eine Kapitalerhöhung neue Eigenmittel von 189 bis 350 Mio. Fr. beschaffen, wovon er selbst bis zu 325 Mio. Fr. einbringen würde – das ist erstaunlich grosszügig.

Liwets Vorstoss

Am 29. Oktober meldete der Stahlhersteller einen Vorstoss der Liwet Holding, mit einem Anteil von 26,9% grösster Aktionär. Liwet, an welcher der Russe Victor Vekselberg 44% hält, verlangt die Einberufung einer ausserordentlichen Generalversammlung: Dort sollen vier von sieben S+B-Verwaltungsräte abgewählt werden – darunter VR-Präsident Jens Alder, ein Schulfreund von Haefner.

Was die Geschichte verwirrend macht, ist der Umstand, dass sich keiner der Grossaktionäre öffentlich zur Sache äussert. So gibt es viele Fragen, einige Thesen – und etwas Licht im Dunkeln.

Allein keine Zukunft

Eine erste These ist, dass die S+B-Gruppe allein auf sich gestellt keine industrielle Zukunft hat. Der frühere Stahlindustrielle von Moos weist darauf hin, dass die Automobilindustrie – für die Stahlindustrie und speziell für S+B ein zentraler Abnehmer – mit dem Wechsel zur Elektromobilität andere Legierungen nachfragen werde. Zu deren Fertigung brauche es neue Technologien.

Dafür benötige S+B einen starken Partner, sagt von Moos. Er denkt, dass eine Lösung zusammen mit dem österreichischen Stahlkonzern Voestalpine «ein gutes Ergebnis» für S+B bringen könnte. «Finanz und Wirtschaft» kolportierte bereits, dass Voestalpine an S+B Interesse bekundet habe.

Stahlaktien unter Druck

Schmolz + Bickenbach
Voestalpine (in Fr. und angeglichen)

Keine industrielle Agenda?

Eine zweite These ist, dass im Immobilienbestand von S+B noch viel Wert schlummert. Das Areal in Emmen ist zweieinhalbmal so gross wie die Viscosistadt, das Areal der ehemaligen Viscosefabrik in Emmenbrücke, das sich in der Umnutzung befindet. Per Ende Juni bilanzierte S+B sämtliche Grundstücke und Gebäude mit 252 Mio. €.

Eine dritte These deutet von Moos an. Er sagt, er könne im vorliegenden Plan von Haefner kein industrielles Konzept erkennen: «Daraus kann ich nur den Schluss ziehen, dass er eine nicht industrielle Agenda fährt.»

These einer Filettierung

Das läuft auf die Vermutung hinaus, dass Haefner auf eine Filettierung von S+B zielt. Dabei könnte der industrielle Teil verkauft werden, an Voestalpine. Nicht benötigte Immobilien würden davon abgespalten und mit der Zeit einer wertvermehrenden Umnutzung zugeführt.

S+B-Sprecher Ulrich Steiner kann der These einer Aufspaltung nichts abgewinnen. Er geht davon aus, dass Haefner aus industriellen Überlegungen heraus weiter in S+B investieren will. Steiner zeigt sich «erstaunt», dass dem zweitgrössten Aktionär ein Interesse an den Immobilien nachgesagt wird, und verweist auf den Umstand, dass das Areal in Emmen Industriegelände ist und vor einer Umnutzung erst einer Altlastensanierung bedürfe.

Altlasten nicht so gross

Gemäss von Moos ist indes die Schadstoffbelastung «nicht so gross, als dass dies ein Killerargument für eine alternative Nutzung des heutigen Industrieareals wäre». Nicht alle Flächen seien gleich stark belastet und es gebe auch solche, die keine nennenswerte Belastungen aufwiesen.

Im Übrigen sind die Risiken des Areals den Eingeweihten nicht unbekannt. S+B veranlasste vor ein paar Jahren eine detaillierte Umweltanalyse zu den im Boden steckenden Altlasten. Ungeachtet dessen bleibt festzuhalten, dass die Absichten des zweitgrössten Aktionärs Haefner unbekannt sind.

Auch Liwet sieht Geldbedarf

Aus dem Umfeld des grössten Aktionärs ist zu vernehmen, dass der Vorstoss von Haefner und vor allem das Vorgehen des S+B-Verwaltungsrats abgelehnt wird, nicht aber die Kapitalerhöhung per se. Die Liwet Holding, durch Alexej Moskov im S+B-Verwaltungsrat vertreten, streitet nicht ab, dass der hochverschuldete Stahlhersteller frische Mittel braucht.

Bezweifelt wird oft, dass Liwet an einer Kapitalerhöhung mitmachen könnte, weil ihr Hauptaktionär Victor Vekselberg unter US-Sanktionen steht. Tatsächlich kann er nicht einfach Geld an die Liwet überweisen, weil diese mit Banken arbeitet, die mit Vekselberg keinen Kontakt haben dürfen oder wollen.

«Vorgehen unprofessionell»

Liwet ist indes von den Sanktionen nicht betroffen und hätte selbst offenbar genügend Mittel zur Hand, um eine Kapitalerhöhung bei S+B voll mitzumachen, heisst es aus ihrem Kreis. Was die Liwet-Verantwortlichen stört, ist das aus ihrer Sicht völlig unprofessionelle Vorgehen vor allem des Verwaltungsrats von S+B.

Aus dieser Perspektive müsste der Verwaltungsrat erst einen Businessplan erstellen und den dafür erforderlichen Kapitalbedarf klar definieren. Der von ihm genehmigte Haefner-Plan erfüllt dies nicht: Vorgesehen ist, dass die Kapitalerhöhung zwischen 189 bis 350 Mio. Fr. bringen soll – das ist eine sehr breite Spanne, selbst wenn S+B klar zu verstehen gibt, die obere Limite anzupeilen.

Die Kontrollwechselklausel

Es kommt ein weiterer Aspekt dazu: Haefner macht sein grosszügiges Mitmachen davon abhängig, dass er dadurch seinen S+B-Anteil am Schluss auf mindestens 37,5% erhöhen resp. gegenüber heute mehr als verdoppeln kann. Sowohl die bis Juli 2022 laufende Anleihe wie der Konsortialkredit weisen aber eine Kontrollwechselklausel auf.

Überschreitet ein Aktionär einen Anteil von 33,3%, müssen diese Schulden umgehend zurückgezahlt werden. Bei Krediten kann man versuchen, mit den Banken eine Verhandlungslösung zu finden. Im Fall der Anleihe geht das nicht, wie S+B-Sprecher Steiner bestätigt: Falls Haefner einen Anteil von 37,5% erwirbt, muss S+B die Anleihe über 350 Mio. €  sofort zurückkaufen, zu einem Kurs von 101.

Ohne Banken geht es nicht

Das hiesse, S+B müsste auch diese Anleihe refinanzieren: Das geht nicht ohne Hilfe der Banken, die an der Perspektive einer Aufstockung des Konsortialkredits aber keine Freude haben werden. Von Liwet ist zu hören, dass man über solche Punkte und Konsequenzen vorher mit den Banken verhandeln sollte, bevor man mit dem Plan einer Kapitalerhöhung an die Öffentlichkeit geht.

Das für Liwet unprofessionelle Verhalten bei S+B ist der Grund für ihren Vorstoss, an einer ausserordentlichen GV vier von sieben Verwaltungsräten abwählen zu lassen.

Klar zu vernehmen ist aus Liwets Umfeld zudem der Standpunkt, dass man einer Filettierung von S+B nicht zustimmen würde.

Aufforderung an Haefner 

Der Ball liegt nun wieder bei Haefner. Auch der frühere Industrielle von Moos meint, die Minderheitsaktionäre und vor allem die Mitarbeitenden von S+B «haben einen zumindest moralisch-ethischen Anspruch darauf, zu erfahren, wohin die Reise mit Haefner als die Strategie bestimmendem Unternehmer gehen soll».

Denn gemäss von Moos will Haefner ja «offensichtlich seinen bisherigen Einfluss auf S+B deutlich erhöhen und andere gewichtige Aktionärsgruppen ausbooten». Da stelle sich die Frage, warum.

Absichten undurchsichtig

Will Haefner, wenn er denn nicht auf eine Filettierung von S+B zielt, weiterfahren wie bisher, oder will er die auf die Herstellung von Qualitäts- und Edelstählen ausgerichtete Gruppe in eine grundsätzlich andere Richtung lenken? Falls Letzteres die Absicht wäre, würden frische Eigenmittel von 350 Mio. Fr. laut von Moos dafür «bei weitem nicht ausreichen».

Dazu kommt, dass Haefner, der den Autoimporteur Amag lenkt, unternehmerisch nicht im Stahlgeschäft verankert ist. Woher würde er das Know-how für eine industrielle Strategie für S+B holen?

Plan nicht vertrauenswürdig

Klar ist schon jetzt: Haefners Absichten bleiben mit den vorliegenden Informationen undurchsichtig. Seinem Plan zur Kapitalerhöhung kann kein Vertrauen geschenkt werden – was den Verwaltungsrat in ein schlechtes Licht rückt. VR-Präsident Jens Alder macht zum zweiten Mal in kürzester Zeit eine schlechte Figur, nachdem er schon im Übernahmegerangel um den Stromversorger Alpiq als dessen Präsident stark in die Kritik geriet.

The Market meint: Auf die von Grossaktionär Haefner und Präsident Alder vertretene Weise ist S+B nicht zu retten.