Im Fokus

Schweizer Aktien mit Value und Momentum

Sie sind nicht unbedingt bei den Schnellsten, ebenso wenig sind sie die Billigsten. Doch in der Kombination der beiden Qualitäten erreichen die hier vorgestellten Schweizer Aktien Spitzenplätze.

Daniel Zulauf und Sandro Rosa

Nach einer mehr als zehnjährigen Börsenhausse wird die Titelselektion für jeden Investor zur Qual. Aktien mit einem offensichtlich günstigen Chancen-Risiko-Profil sind in diesem Markt schon lange keine mehr zu finden.

Abwarten, bis der Wind dreht, ist eine naheliegende Möglichkeit, dem Risiko überteuerter Investitionen auszuweichen. Doch auch diese Option kann schmerzen: Sollten die Zinsen in Amerika und Europa weiter sinken, was die Märkte derzeit vorwegnehmen, könnte die Korrektur an den Aktienmärkten noch längere Zeit auf sich warten lassen.

Ein anderer Ansatz ist es, mit dosiertem Risiko investiert zu bleiben. Aber in welchen Titeln steckt noch genügend Potenzial, das die hohen Bewertungsrisiken aufzuwiegen vermag? Die Antwort auf die Frage muss natürlich jeder Anleger für sich selbst finden. Doch immerhin gibt es Möglichkeiten, das Problem mit System anzugehen.

Die Auswahlkriterien

The Market hat ein Modell konstruiert, mit dessen Hilfe das Börsentableau nach Opportunitäten durchkämmt werden kann. Es kombiniert zwei beliebte, aber grundverschiedene Selektionsmethoden: die Value- und die Momentum-Strategie.

Hinter dem Momentum-Ansatz steht die Annahme, dass sich die historisch gute Performance einer Aktie in die Zukunft fortschreiben lässt – mindestens für eine gewisse Zeit. Entsprechend fokussieren Momentum-Investoren in der Titelselektion auf Performance-Daten.

Demgegenüber setzt ein Value-Anleger auf Aktien, von denen er glaubt, ihr wahrer Wert werde vom breiten Publikum verkannt. Erfolgreiche Value-Investoren zeichnen sich oft durch eine gute Kenntnis der Unternehmen aus und sind versiert im Lesen von Bilanzen.

Spontan verspricht die Verbindung der beiden Strategien allerdings kein sinnvolles Ergebnis. Schliesslich liegt es in der Natur der Sache, dass besonders günstige Aktien keinen guten Lauf an der Börse haben und umgekehrt. Doch die negative Korrelation der Strategien ergibt einen Diversifikationsvorteil, der durch empirische Studien nachgewiesen ist. Diesen Vorteil können Investoren nutzen.

Weder heissgelaufen, noch zu teuer

Eine niedrige Bewertung ist im vorgestellten Modell also ebenso wenig das alleinige Selektionskriterium wie die historisch gute Performance. Doch von der Kombination dieser Selektionskriterien versprechen wir uns im Idealfall, einerseits vergleichsweise günstig bewertete Aktien zu finden, die gerade im Begriff sind, entdeckt zu werden, und andererseits auf Titel zu stossen, die zwar schon beliebt, aber eben noch nicht heiss begehrt sind.

Das Vorgehen: Zunächst filtern wir die punkto Performance historisch konstantesten Titel aus dem Schweizer Börsentableau. In die engere Auswahl kommen diejenigen Titel, die in den jährlichen Kursranglisten der vergangenen zehn Jahre mindestens fünf Mal zu den besten 30% gehörten. Das war bei 49 von den insgesamt mehr als 200 Aktien des Swiss Performance Index der Fall. 

Anschliessend unterziehen wir die Auswahl einer Plausibilitätsprüfung. Wir wollen das Modell von zufälligen Ausreissern möglichst freihalten. Deshalb entfernen wir die kleinsten Titel mit dem geringsten Free Float im Handel. Auch die Aktien der Immobiliengesellschaft PSP Swiss Properties nehmen wir aus dem Modell heraus. Immobilienunternehmen folgen ihren eigenen Gesetzmässigkeiten und sind mit anderen Gesellschaften nur sehr bedingt vergleichbar.

Nun unterziehen wir die bereinigte Auswahl dem Performance- und dem Bewertungstest. Für die Performance wählen wir die 52-Wochen-Rendite. Dieser Entscheid ist nicht zufällig. Finanzwissenschaftliche Untersuchungen weisen nach, dass zwischen der historischen Jahresperformance und der zukünftigen Entwicklung ein deutlicher Zusammenhang besteht. Anders ausgedrückt ist die Chance relativ hoch, dass ein Top-Performer über die letzten 52 Wochen auch während der nächsten ein bis zwei Jahre vorne bleibt, bis er von den zurückgebliebenen Aktien eingeholt wird.

Als Bewertungskriterium wählen wir das Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV). Im Wissen, dass die Eigenkapitalausstattung der Unternehmen je nach Branche stark variieren kann, entscheiden wir uns für eine relative Betrachtungsweise, die branchenbedingte Verzerrungen verhindert. Wir vergleichen für jedes Unternehmen das aktuelle KBV mit dem Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre und erfahren so, ob in der aktuellen Bewertung eine Prämie oder ein Abschlag steckt. 

Die Kombination der beiden Elemente ergibt eine Rangliste der nach unserem Selektionsschema zwanzig besten Schweizer Werte (vgl. Tabelle).

Schweizer Aktien mit Potenzial

Ticker Name Kurs (Fr.) 52-Wochen-Rendite (%) Performance-Konstanz KBV zur Historie Branche
SCHP SE Equity Schindler PS 223 4,3 6 -3% Kapitalgüter
LISP SE Equity Lindt & Sprüngli PS 7140 10,3 6 1% Nahrungsmittel
HELN SE Equity Helvetia 126 11,4 5 13% Versicherung
BRKN SE Equity Burkhalter 78 -5,4 7 -22% Kapitalgüter
COPN SE Equity Cosmo Pharma 98 -15,4 6 -48% Biotech
BCVN SE Equity Banque Cantonale Vaudois 780 5 5 5% Banken
VAHN SE Equity Vaudoise Aussurances 499 -2,5 6 -6% Versicherung
BEAN SE Equity Belimo 6000 44,1 5 62% Kapitalgüter
RIEN SE Equity Rieter 148 -10,3 6 -18% Kapitalgüter
SWTQ SE Equity Schweiter 947 -6,4 6 -11% Kapitalgüter
IFCN SE Equity Inficon 628 32,1 5 40% IT-Hardware
COTN SE Equity Comet 95 13,6 7 -8% IT-Hardware
BOSN SE Equity Bossard 152 -16,6 6 -25% Kapitalgüter
FORN SE Equity Forbo 1751 22,3 6 36% Langlebige Konsumgüter
INRN SE Equity Interroll 2470 48,8 5 95% Kapitalgüter
KARN SE Equity Kardex 172 32,2 5 72% Kapitalgüter
VZN SE Equity VZ Holding 258 -18,9 5 -24% Finanz
STMN SE Equity Straumann 878 17,9 5 41% Medizinaltechniker
LEON SE Equity Leonteq 34 -36,8 5 -66% Finanz
PGHN SE Equity Partners Group 784 7,7 6 32% Finanz
EMSN SE Equity Ems Chemie 625 3,4 8 10% Grundstoffe
KUD SE Equity Kudelski 6 -30,3 5 -42% IT-Hardware
EMMN SE Equity Emmi 916 10 7 39% Nahrungsmittel
TAMN SE Equity Tamedia 111 -26,5 5 -33% Medien
TEMN SE Equity Temenos 177 20,2 6 142% Software

Schindler: Grosse Kontinuität mit massvoller Bewertung

Zuoberst in der Klassifikation tauchen die Partizipationsscheine des Lift- und Rolltreppenherstellers Schindler auf. Das mag angesichts der eher bescheidenen Jahresperformance dieser Titel erstaunen. Doch die Valoren sind wegen ihrer stabilen und weit überdurchschnittlichen Kursentwicklung im Lauf der vergangenen zehn Jahre in die Auswahl gekommen, und der flache Kursverlauf seit Anfang 2018 hat ein Überschiessen der Bewertung verhindert.

Das aktuelle Kurs-Buchwert-Verhältnis der Schindler-Papiere liegt unter dem Fünfjahresmittel, was die Papiere auch bewertungsmässig relativ attraktiv erscheinen lässt. Gebremst wurde ihr Aufstieg nicht zuletzt, weil befürchtet wurde, dass sich die Konjunktur in China massiv verlangsamt. Mit einem dortigen Umsatzanteil von rund 15% ist Schindler zwar sehr exponiert. Doch ein wesentlicher Ertragspfeiler bildet das relativ stabile Servicegeschäft, das auf der grossen installierten Basis des 145-jährigen Traditionskonzerns basiert.

Temenos: Wachstum lässt Bewertung verblassen

Am unteren Ende der Rangliste tauchen die Aktien des Bankensoftwareherstellers Temenos auf. Auch dieses Unternehmen profitiert in hohem Mass von relativ ertragsstabilen Serviceverträgen, die für die Finanzierung des kräftigen Wachstums hilfreich sind. Die Titel haben den starken Einbruch aus der herbstlichen Börsenflaute weggesteckt und liegen im 52-Wochen-Vergleich wieder weit vorne.

Die Temenos-Valoren wären zweifellos gut für einen Spitzenplatz in unserer Liste, wenn da nicht das Bewertungskriterium wäre. Die Firma hat die extrem hohen Wachstums- und Gewinnerwartungen in der jüngeren Zeit zwar souverän erfüllt, doch die stark gestiegene Nettoverschuldung zeigt an, dass Temenos das Wachstum immer weniger aus eigener Kraft finanzieren kann. Temenos weist alle positiven und negativen Charakeristika eines reinen Wachstumstitels auf. Dazu gehört auch die im historischen Vergleich überaus hohe Bewertung.

Bossard, Schweiter, Rieter: «Reculer pour mieux sauter»

Im Mittelfeld unserer Rangliste finden sich zahlreiche Industriewerte, die typischerweise sensibel auf Konjunktursignale reagieren. Zu dieser Gruppe gehören Aktien von Unternehmen wie Rieter, Schweiter oder Bossard. Die Firmen verfügen in ihren Märkten zwar über ausgezeichnete Positionen, sind in den vergangenen zwölf Monaten aufgrund verschiedener Faktoren unter Druck geraten.

So litten die Titel des stark in der Automobilbranche tätigen Schraubenspezialisten Bossard zunächst unter dem Tesla-Effekt, der später durch Ängste vor neuen amerikanischen Handelsschranken für europäische Autokonzerne abgelöst wurde.

Auch die Aktien des Verbundwerkstoffspezialisten Schweiter wurden in den vergangenen zwölf Monaten zurückgestuft. Durch den Einstieg in das europäische Geschäft mit Acrylglasplatten, die unter anderem in der Werbetechnik eingesetzt werden, hat die Konjunkturanfälligkeit von Schweiter zugenommen.

Und schliesslich gerieten auch die Aktien des Textilmaschinenherstellers Rieter durch den internationalen Handelsstreit unter Druck. In China ist die Textilbranche mit Neuinvestitionen zurückhaltender geworden. Derweil lasten in der Türkei die starke Abwertung der Lira und die höheren Zinsen auf dem Geschäft der Bekleidungsindustrie.

Doch die drei Industriefirmen sind finanziell gut abgesichert und haben die Kraft, eine Delle durchzustehen. Dementsprechend könnten die Titel bei einer Deblockierung in den angesprochenen Bereichen rasch von einer Aufhellung des geschäftlichen Umfeldes profitieren. Interessant sind die Papiere für Anleger auch mit Blick auf die Bewertung, die in den vergangenen zwölf Monaten deutlich gesunken ist.

Die Mischung macht es aus

Hinter unserer Titelselektion verbergen sich viele spannende Geschichten aus den einzelnen Unternehmen. Nicht jede wird einen guten Verlauf nehmen. Im Idealfall wird der vorliegende Aktienkorb in seiner Gesamtheit aber eine überdurchschnittliche Performance hervorbringen. Damit sind wir wieder am Anfang unseres Beitrags – beim Thema Diversifikation. Es ist die Mischung von Performance- und Bewertungskriterien, von der wir uns einen besonderen Nutzen versprechen.