Risk Barometer

Was die Anlegerstimmung verrät

Die Bewertung einer Anlage im Kaufzeitpunkt entscheidet langfristig über den Investitionserfolg. Kurzfristig diktiert jedoch das Sentiment der Marktteilnehmer den Börsenverlauf.

Sandro Rosa

Obschon auf lange Sicht die Bewertung die Rendite einer Aktie bestimmt, gibt in der kurzen Frist vor allem die Stimmung der Anleger die Richtung der Märkte vor. «Der Zeitpunkt des maximalen Pessimismus ist der beste Zeitpunkt zum Kaufen, und der Zeitpunkt des maximalen Optimismus ist der beste Zeitpunkt zum Verkaufen», brachte es der legendäre britische Fondsmanager Sir John Templeton auf den Punkt.

Die Überlegung ist simpel: Je euphorischer die Anleger, desto höher sind die Hürden für Unternehmen oder Konjunkturdaten, ihre Erwartungen zu übertreffen. Das Enttäuschungspotenzial – und somit die Gefahr eines Kursrückschlags – nimmt zu. Ist die Stimmung im Keller, braucht es hingegen wenig, um Kursavancen auszulösen. Schon der berühmte Ökonom John Maynard Keynes sprach von den «Animal Spirits», die an der Börse herrschen.

Deshalb kann es bei Kauf- und Verkaufsentscheiden helfen, wenn man ein genaueres Bild von der Risikoneigung im Markt hat. Und das ist das Ziel von The Market: die Marktstimmung systematisch zu erfassen und zu beobachten. Doch wie lässt sich die Risikofreude der Börsianer ermitteln?

Wie man die Stimmung misst

Eine beliebte Methode sind Umfragen unter Privatanlegern oder Anlagechefs. Dabei will man von den Investoren typischerweise erfahren, ob sie steigende, fallende oder unveränderte Börsen erwarten.

In Europa ist die Sentix-Umfrage bekannt, in den USA unter anderem diejenige der Privatanlegervereinigung American Association of Individual Investors. Letztere will jede Woche von ihren Mitgliedern wissen, wie sie die Aussichten für amerikanische Aktien über die nächsten sechs Monate einschätzen. Wie die aktuellen Resultate zeigen, erwarten 29% der Befragten steigende, 33% fallende und die restlichen 38% seitwärts tendierende Börsen. Damit haben die «Bären» momentan ein leichtes Übergewicht.

Umfrageresultaten haftet der Makel an, dass die Aussagen nicht zwingend mit den tatsächlichen Handlungen der Anleger übereinstimmen. Marktdaten liefern ein rascheres und stärkeres Signal: Erwirbt ein Investor Put-Optionen, um sich vor fallenden Kursen zu schützen, oder schichtet er von Aktien in Obligationen um, fliesst immer Geld. Liegt er falsch mit seiner Einschätzung, schlägt sich das unmittelbar in seinem Vermögen nieder. Marktdaten liefern also tendenziell verlässlichere Anhaltspunkte. Deshalb ist es sinnvoll, Umfragewerte mit Informationen aus anderen Quellen zu ergänzen.

The Market hat die wichtigsten Stimmungskennzahlen in ein Gesamtmass aggregiert – das Risk Barometer:

Zusätzlich zu Umfragewerten und Optionspreisen fliessen Positionierungsdaten von Hedge Funds, Kreditrisikoaufschläge sowie Kursveränderungen von riskanteren gegenüber defensiveren Marktsegmenten ein. Insgesamt werden für die Auswertung neun verschiedene Risikokennzahlen berücksichtigt.

Alle diese Daten spiegeln in der einen oder anderen Form den Risikoappetit der Börsianer. Fasst man sie zusammen, lässt sich auf einen Blick erkennen, wie es um die Risikoneigung im Markt steht – und ob eine erhöhte Gefahr von Kursrückschlägen besteht oder ob sich die Wahrscheinlichkeit für eine Trendwende nach oben erhöht hat.

Was das Risk Barometer sagt

Welches Signal sendet das Risk Barometer aktuell aus? Bewegte sich der Indikator zu Beginn des Septembers wieder nach oben und liess auf eine zunehmende Risikofreude schliessen, ist er zuletzt auf 42 Punkte zurückgefallen. Damit notiert er wieder unter seinem langjährigen Mittelwert von 50, wobei die Skala von 0 bis 100 reicht.

Zusammengefasst lässt sich demnach eine wieder gestiegene Skepsis unter den Marktteilnehmern konstatieren. Allerdings lässt sich noch kein exzessiver Pessimismus – und damit für Contrarian-Anleger eine potenzielle Kaufgelegenheit – erkennen.