Im Fokus

Was für den Euro spricht

Seit Monaten neigt die europäische Einheitswährung zur Schwäche. Allerdings mehren sich die Anzeichen einer Gegenbewegung.

Sandro Rosa

An der Währungsfront braut sich etwas zusammen. «Wir sollten Draghi haben anstatt unsere Fed-Person», liess US-Präsident Donald Trump vor kurzem gegenüber dem TV-Sender Fox News verlauten. Und letzte Woche meinte er, die USA sollten mit den grossen Währungsmanipulatoren gleichziehen und den Dollar schwächen.

Das waren bloss die jüngsten Breitseiten, die das Staatsoberhaupt in Richtung Notenbank Fed abgefeuert hat. Schon seit einiger Zeit beklagt sich Trump über zu hohe Zinsen und einen zu starken Dollar. Das Gegenstück ist unter anderem der schwache Euro.

Kostete dieser Anfang 2018 noch 1.25 Dollar, sind es aktuell nur noch rund 1.12. Gegenüber dem Franken hat ein ähnlicher Schwund stattgefunden: Im April 2018 notierte der Euro noch bei 1.20, mittlerweile liegt er wieder bei niedrigen 1.113.

Schwacher Euro

Euro zum Dollar
Euro zum Franken

Vorderhand vermochten die präsidialen Verbalinterventionen dem Greenback kaum etwas anzuhaben. Aber wer weiss, vielleicht wird Trump ja erhört, und der Euro steht vor einem baldigen Comeback. The Market beleuchtet an dieser Stelle die Vorzüge der europäischen Einheitswährung.

Abnehmender Zinsnachteil

Noch vor einem halben Jahr rechneten die meisten Ökonomen für 2019 mit drei US-Zinserhöhungen. Inzwischen haben die Erwartungen um 180 Grad gedreht – alles andere als mindestens eine Zinssenkung noch in diesem Jahr wäre eine herbe Enttäuschung für den Markt. Die Aussicht auf steigende US-Renditen, während der Europäischen Zentralbank die Hände gebunden sind, hatte dem Greenback lange Rückenwind verliehen. 

Denn normalerweise reagieren die Währungen auf die Zinsdifferenzen: Steigen die Zinsen in einem Land, wird seine Währung typischerweise von ausländischen Anlegern nach oben getrieben, fallen sie, neigt die Valuta hingegen zur Schwäche.

Schrumpft also der relative Zinsvorteil, wie das derzeit zwischen den USA und Deutschland zu beobachten ist, müsste der Dollar eigentlich nachgeben. Im Oktober betrug der Renditevorsprung zweijähriger US-Staatsanleihen gegenüber dem deutschen Pendant noch fast 3,6 Prozentpunkte. Seither hat er sich auf 2,5 Punkte verringert (vgl. Grafik). 

Doch obwohl die Renditedifferenz bei den zweijährigen Staatsanleihen abgenommen hat – das Gleiche lässt sich auch bei den zehnjährigen Zinsen beobachten –, hat das Währungspaar (noch) nicht reagiert. Um die Lücke zu schliessen, müsste die europäische Einheitswährung auf rund 1.20 bis 1.25 zulegen. Damit aber besteht Aufholpotenzial. 

Konjunkturdaten besser als erwartet

Pessimisten verweisen auf die Konjunktur, die in der Eurozone kaum Freude aufkommen lässt. Das Gros der Daten der letzten Wochen deutet auf eine stetige Abschwächung hin – besonders das exportorientierte Deutschland scheint auf eine Rezession zuzusteuern. Der deutsche Industrie-Einkaufsmanagerindex verharrt bereits seit sechs Monaten unter der Wachstumsschwelle von 50 Punkten.

Allerdings gaben die Wirtschaftsdaten gemessen an den Erwartungen in der Eurozone zuletzt ein besseres Bild ab als in den USA. Der von der Grossbank Citigroup ermittelte Economic Surprise Index für Europa notiert auf –10, während er für die USA mit –58 massiv darunter liegt. Mit einer Differenz von fast 50 Punkten schneidet der Alte Kontinent im Vergleich so gut ab wie letztmals vor fast zwei Jahren, als noch von einem weltweit synchronen Aufschwung die Rede war (vgl. Grafik). Auch diese Entwicklung spricht für den Euro.

Gemessen an den Erwartungen schlägt sich Europa besser

Differenz zwischen erwarteten und tatsächlichen Konjunkturdaten (Eurozone minus USA)

Währungsstratege Kit Juckes von der französischen Bank Société Générale sieht die konjunkturellen Vorteile künftig ebenfalls eher in Europa. «Der Konsens ist allzu optimistisch, was die Konjunkturabschwächung in den USA im nächsten Jahr betrifft», warnt er.

«Für die USA rechnen wir mit einem Wachstum, das über das Jahr gesehen unter demjenigen der Eurozone liegen wird.» Das wiederum dürfte dem Euro endlich Auftrieb verleihen.

Euro ist unterbewertet

Nach dem Aufwärtstrend der vergangenen Jahre gehört der Dollar im Quervergleich zu den teureren Währungen. Auf Basis der von der OECD berechneten Kaufkraftparität zeigt sich, dass die US-Valuta hinter der norwegischen Krone, dem Franken und der dänischen Krone die teuerste der wichtigen Währungen ist. Der Euro ist im Vergleich ungemein günstig: Die Bewertung signalisiert einen Abschlag von über 20% zum Greenback (vgl. Grafik).

Der Euro ist unterbewertet

Relative Bewertung zum Dollar auf Basis Kaufkraftparität (in %)

Das bedeutet nun zwar nicht, dass der Euro sogleich zur Aufholjagd ansetzen muss – wie bei den meisten Vermögenswerten ist die Bewertung  primär auf lange Sicht wichtig. Dennoch deutet die Unterbewertung darauf hin, dass der gescholtene Euro durchaus Spielraum nach oben hat.

Unbeliebt bei Spekulanten

Ein Blick auf die Positionierungsdaten der Spekulanten deutet in die gleiche Richtung. In der Summe wetten die spekulativen Marktteilnehmer auf einen fallenden Euro – die Nettopositionen bewegen sich im negativen Bereich. Allerdings hat sich der Pessimismus zuletzt etwas verringert, was ein frühes Anzeichen einer Gegenbewegung im Euro sein könnte (vgl. Grafik).

Unbeliebter Euro

Anzahl spekulativer Kontrakte auf den Euro (netto) (in Tausend)

Zudem dürfte beim Dollar demnächst eine wichtige Unterstützung wegfallen, wie die Experten vom kanadischen Analysehaus BCA Research bemerken: Seit der Steuerreform von Donald Trump habe der Greenback nämlich von der Rückführung von Geldern aus dem Ausland profitiert. Dieser Trend neigt sich nun aber langsam dem Ende zu.  

Trump als Gefahr

Noch hat der Euro allerdings ebenfalls mit Gegenwind zu kämpfen. Zwar ist die Entscheidung der EU-Kommission, wegen des Schuldenwachstums im vergangenen Jahr kein Disziplinarverfahren gegen Italien zu eröffnen, positiv für den Euro. Dennoch lauern nach wie vor politische Risiken. 

Das wohl grösste ist die Drohung Donald Trumps, die europäischen Automobilhersteller mit höheren Zöllen zu bestrafen. Denn paradoxerweise könnten gerade die Trump'schen Massnahmen dazu führen, dass der Dollar stärker wird. Nimmt die Weltwirtschaft nämlich weiter Schaden, dürfte die US-Währung von ihrem Status als sicherer Hafen profitieren – wie fast immer in Krisenzeiten.

Das liess sich auch während der Finanzkrise beobachten: Obschon sie in den USA ihren Anfang nahm, erstarkte der Greenback, anstatt sich abzuschwächen. Der US-Präsident tut also gut daran, die von ihm angezettelten Handelskriege so rasch als möglich beizulegen. Dann wird der Dollar auch wieder schwächer – und der Euro nach oben zeigen.