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Was für europäische Aktien spricht

Trotz schlechter Nachrichten halten sich die europäischen Indizes wacker – gerade im Vergleich mit den USA. Die Chancen, dass sie künftig sogar besser abschneiden, waren schon lange nicht mehr so gut wie heute.

Gregor Mast

Europa steckt im Schlamassel. Die deutsche Industrie driftet in die Rezession. US-Präsident Donald Trump ist gerade daran, seinen Handelsstreit auf Europa auszuweiten, und Ende Monat droht ein ungeregelter Brexit. Die Europäische Zentralbank sah sich aus all diesen Gründen genötigt, die geldpolitischen Schleusen noch weiter zu öffnen.

Umso überraschender fällt der Blick auf die Börsenentwicklung der vergangenen zwei Jahre aus – gerade im Vergleich mit den USA, wo die Wirtschaft immer noch einigermassen rund läuft und wo in den Indizes wachstumsstarke Sektoren wie Technologie übervertreten sind. Sowohl der S&P 500 als auch der paneuropäische Stoxx Europe 600 pendeln seit Anfang 2018 seitwärts:

Europa und die USA fast gleichauf

S&P 500
Stoxx Europe 600 (angeglichen)

Noch überraschender ist der Blick auf das Investorenvertrauen, das in Europa im September deutlich gestiegen ist, während es sich in den USA abgekühlt hat, wie der Investor Confidence Index von State Street zeigt (vgl. Grafik). Im Gegensatz zu vielen anderen Stimmungsindikatoren basiert dieser Index nicht auf einer Umfrage unter Anlegern, sondern auf den Transaktionen Tausender institutioneller Investoren, die State Street als Depotbank benützen.

Europäische Investoren sind zuversichtlicher als amerikanische

State Street Investor Confidence Index
Europa
USA

Was steckt hinter diesem Lebenszeichen? Schaffen es die europäischen Aktienmärkte nach Jahren der Lethargie endlich, den USA das Wasser zu reichen?

Peter Berezin vom kanadischen Analysehaus BCA Research ist zuversichtlich. Die monetären Rahmenbedingungen hätten sich auf dem Alten Kontinent deutlich verbessert. «Die Eurozone profitiert vom schwachen Euro und vom Rückgang der Risikoprämien auf Peripherie- und Unternehmensanleihen», sagt er gegenüber The Market.

Die besseren Finanzierungsbedingungen dürften das Wachstum antreiben, glaubt Berezin. Die Schwäche der deutschen Industrie beunruhigt ihn nicht, schliesslich notiere der Einkaufsmanagerindex für den Dienstleistungssektor auch in Deutschland noch über der Wachstumsschwelle von 50 Punkten.

Industriezyklus dürfte bald drehen

Dazu komme, dass der typische Industriezyklus rund drei Jahre dauere. Expansion und Kontraktion erstreckten sich über je achtzehn Monate. Der aktuelle Zyklus habe im Januar 2018 gedreht – die Zeit für einen Aufschwung sei also reif. Das gelte umso mehr, als nicht der ganze Industriesektor schwächle, sondern nur einzelne Segmente wie die Autobranche.

Zuversichtlich stimmen ihn Signale aus der Politik, künftig vermehrt auf fiskalische Stimuli zu setzen. An einen vermehrten Einsatz der Fiskalpolitik glaubt auch Anatole Kaletsky vom Analysehaus Gavekal Research. In Europa steige das Bewusstsein, dass die starke Exportabhängigkeit angesichts des Handelsstreits ein Risiko sei. Deshalb werde sogar in Deutschland über Fiskalprogramme diskutiert.

Berezin geht davon aus, dass sowohl Binnen- als auch Auslandnachfrage anziehen werden. «Deshalb könnte Europa über die nächsten sechs bis zwölf Monate positiv überraschen.» Natürlich bedinge das, dass der Handelsstreit zwischen den USA und China nicht eskaliere und China seine Wirtschaft wie erwartet stimuliere.

Damit Europa nachhaltig besser abschneidet als die USA, müssen sich die Finanzwerte erholen, die in den europäischen Indizes dominieren (vgl. Grafik). Auch da ist Berezin zuversichtlich. «Sollte das Wachstum anziehen, werden die Zinsen am langen Ende steigen.» Dadurch versteilere sich die Zinskurve, was den Finanzwerten zugutekomme.

In Europa dominieren Finanzwerte, in den USA Technologie

Sektorgewichte im MSCI-Index (in %)
MSCI Europa
MSCI USA

Ein weiteres Argument für europäische Valoren dürfte ausgerechnet der verworrene Brexit-Prozess liefern. Der Anstieg des Investorenvertrauens ist denn auch hauptsächlich auf den Zufluss in britische Werte zurückzuführen, wie State Street schreibt.

Obwohl derzeit nichts auf eine Lösung hindeutet, glauben weder Berezin noch Kaletsky an einen ungeordneten Brexit. «Weder die Bevölkerung noch die Politik wollen einen harten Brexit», sagt Berezin. Er wisse nicht, ob es zu einem Soft Brexit oder zu einem weiteren Referendum komme – beides würde aber das Pfund beflügeln.

Technologiesektor büsst an Momentum ein

Für ein Aufholen der europäischen Börsen spricht auch die Dominanz des Technologiesektors in den US-Indizes, der seit einiger Zeit schwächelt. So kommen einstige Zugpferde wie Alphabet, Facebook, Amazon oder Netflix nicht mehr richtig vom Fleck.

Anleger fürchten sich vor dem Eingriff des Regulators, dem die monopolartige Stellung dieser Konzerne ein Dorn im Auge ist. Zudem schwächt sich bei einigen Unternehmen das Wachstum ab.

Dazu kommt, dass es beim Konflikt zwischen den USA und China weniger um den Handel als um die geopolitische und die technologische Vorherrschaft geht. Es habe ein neuer kalter Krieg begonnen, sagt Louis-Vincent Gave von Gavekal im Gespräch mit The Market, und ein wichtiger Schauplatz sei der Technologiesektor, weil die USA da einen Wettbewerbsvorteil hätten.

Schlachtfeld vermeiden

Technologieaktien seien deshalb wie Immobilien im Elsass im Juli 1914. «Wenn Sie etwas nicht wollen, dann sind es Vermögenswerte auf dem Schlachtfeld», sagt Gave.

Dazu kommt, dass die US-Präsidentschaftswahlen von November 2020 ihren Schatten vorauswerfen. Wenig hilfreich ist dabei der Auftrieb, den Senatorin Elizabeth Warren als mögliche demokratische Herausforderin von Donald Trump verspürt. Sie liegt an den Wettbörsen vor dem ehemaligen Vizepräsidenten Joe Biden, dem bisherigen Favoriten.

«Sie könnte das am weitesten links politisierende Staatsoberhaupt in der Geschichte der USA werden», sagt Gave. Sie wolle Banken stärker regulieren, die grossen Tech-Konzerne aufspalten und Ölfracking verbieten.

Wichtigste Wettbewerbsvorteile sind in Gefahr

«Damit wird sie die wichtigsten Wettbewerbsvorteile Amerikas angreifen: Finanz, Technologie und Energie.» Vor diesem Hintergrund könnten sich ausländische Investoren zumindest teilweise von den USA abwenden.

Wird Warren tatsächlich zur offiziellen Kandidatin der Demokraten gekürt, dürften dem US-Aktienmarkt unruhige Monate bevorstehen.

Die Chancen für ein besseres Abschneiden der europäischen Börsen waren selten so gut wie jetzt. Damit sie auch wirklich abheben, müssen sich indes die Anzeichen verdichten, dass die Weltwirtschaft das Gröbste überstanden hat. So hat Peter Berezin Europa noch nicht auf «Übergewichten» hochgestuft. «Wir warten, bis sich der Aufschwung der Weltwirtschaft klarer abzeichnet.»