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Was, wenn die Bondblase platzt?

Die grössten Exzesse spielen sich derzeit am Anleihenmarkt ab. The Market erläutert, was die Blase zum Platzen bringen und wo das Geld aus den Bondverkäufen hinfliessen könnte. 

Gregor Mast und Christoph Gisiger

Seit Jahren treibt die expansive Geldpolitik die Vermögenspreise höher. Aus diesem Grund sind viele Börsen heute teuer. Die grössten Exzesse treten derzeit aber nicht am Aktienmarkt auf, sondern bei Anleihen.

Das gilt vor allem für Bonds mit sehr langer Laufzeit. Die Verzinsung auf dreissigjährige US-Treasuries ist auf ein Allzeittief gesunken. Weil sich Kurse und Zinsen gegenläufig bewegen, notiert ihr Preis entsprechend so hoch wie noch nie. Und dies, obwohl die USA ein gewaltiges Defizit im Staatshaushalt aufweisen.

Noch eindrücklicher ist die Entwicklung der hundertjährigen Anleihe der Republik Österreich. Der Kurs ist seit Anfang Jahr 75% vorgerückt. Seit der Emission 2017 hat er sich verdoppelt und übertrumpft damit Amazon und Netflix, die beiden FAANG-Aktien mit der besten Performance:

Regierungsanleihe schlägt FAANG-Aktien

100-jährige Anleihe von Österreich
Amazon (in €, angeglichen)
Netflix (in €, angeglichen)

«Anleihen sind verdammt teuer», schreibt Hedge-Fund-Legende Cliff Asness in einem Report. Das zeigt sich etwa beim Vergleich des nominalen Wirtschaftswachstums mit der Verzinsung zehnjähriger Staatsanleihen. Im Gleichgewicht sollten sich die Werte in etwa entsprechen. In den USA bewegen sich die Zinsen jedoch seit Jahren unter der Wachstumsrate:

Kevin Duffy vom US-Investmenthaus Bearing Asset Management spricht denn auch unverblümt von der grössten Preisblase aller Zeiten. Ihr Kern sind seiner Meinung nach die Verzerrungen bei den Staatsanleihen, wobei die Exzesse längst andere Segmente wie Hochzins- und Unternehmensanleihen, Autokredite, grosskapitalisierte Technologieaktien oder passive Anlageinstrumente ergriffen hätten.

Eine Blase der Superlative

Das macht die Bondblase auch gefährlich: «Die letzten zwei Spekulationsblasen haben sich mit Technologie und Immobilien auf spezifische Sektoren beschränkt», sagt Duffy im Gespräch mit The Market. «Die Anleihenblase ist jedoch ein Monster ganz anderer Natur.»

Den Run auf Bonds erklärt er mit der Erwartung der Anleger, dass die Zentralbanken wegen der Konjunkturschwäche neue Stimulusprogramme lancieren und ohne Rücksicht auf den Preis Staatsanleihen kaufen werden. Verstärkt wird der Auftrieb durch Spekulanten, die sich gerne auf gut laufende Anlagen stürzen – und das sind derzeit Bonds.

Gegen Ende einer Übertreibung ist gemäss Duffy oft ein Effekt wie bei einem schwarzen Loch zu beobachten: Immer mehr Geld strömt ins Zentrum der Blase, während es an der Peripherie bereits zu ersten Problemen kommt.

Das liess sich sowohl beim Platzen der Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende als auch in der Rohstoffblase 2008 beobachten. Obschon Internetaktien im März 2000 abstürzten, zog der Nasdaq Composite im Sommer nochmals kräftig an, weil Investoren in Valoren grosser IT-Ausrüster wie Cisco Systems, Lucent Technologies oder Sun Microsystems flüchteten.

Dass deren Geschäftsgang wiederum stark von der Nachfrage der kollabierenden Internetfirmen abhängig war, wurde in der Manie völlig vernachlässigt. Und 2007 glaubten Anleger, die Schwellenländer seien immun gegen die Wachstumsschwäche im Westen. Umso mehr Geld floss dann in die dortigen Börsen und in Rohstoffanlagen, obwohl die Finanzkrise schon zu schwelen begonnen hatte.

Erste Warnsignale

Heute könnte die laufende Korrektur in den Aktien- und den Anleihenpreisen von Unternehmen wie Tesla und Netflix ein erstes Warnsignal für das Platzen der Bondblase sein, denkt Duffy.

Verschärfen könnte sich die Situation auch durch einen Kredit-Event. So haben etwa die Aktien wie auch die Anleihen von General Electric in den vergangenen Tagen gravierende Schwankungen mitgemacht, nachdem Anschuldigungen zu immensen Bilanzbetrügereien im Stil von Enron laut geworden waren. Ein Kollaps der ehemaligen Industrie-Ikone würde die Kreditmärkte erschüttern, schleppt sie doch fast 110 Mrd. $ Schulden mit sich:

Bonds von General Electric brechen ein

Kurs der ewigen Anleihe von GE (Coupon 5%)

Anzeichen einer Verschlechterung der Kreditbedingungen sieht Duffy trotz den niedrigen Zinsen ferner bei der Finanzierung von Explorations- und Produktionsgesellschaften im Energiesektor. «Diese Firmen haben momentan Schwierigkeiten, sich Geld zu beschaffen.» Gestiegen seien ebenso die Zinsen für Darlehen von Kleinunternehmen, Autofinanzierungen und Hypotheken auf Geschäftsimmobilien.

Das endgültige Aus für die Bondblase wäre das Anziehen der Inflation, weil die Notenbanken dann gegensteuern und die Zinsen anheben müssten. Da die Teuerung trotz der krampfhaften Ankurbelungsversuche der Notenbanken weltweit niedrig bleibt, glaubt derzeit kaum jemand an dieses Szenario.

Doch das grosse Geldangebot, das die Zentralbanken kaum je werden abschöpfen können, und der zunehmende Protektionismus könnten dereinst für eine böse Überraschung sorgen.

Strategien für das Bondbeben

Wohin aber fliesst das Geld aus dem Bondmarkt ab, wenn die Blase dereinst platzt?

Frühere Exzesse zeigen, dass sich nach jeder Übertreibung auch «Anti-Blasen» bilden. Diese entstehen dann meist in Segmenten, die von den Investoren in der Manie völlig vernachlässigt worden sind. Beim Platzen einer Blase bergen solche Bereiche deshalb das grösste Potenzial.

Im Jahr 2000 zum Beispiel waren das die despektierlich als Old Economy bezeichneten Aktien aus traditionellen Wirtschaftsbereichen wie Industrie, Bergbau und Transport. Ihr Tiefst markierten sie fast exakt im Höhepunkt der Technologieblase.

Als sicherer Hafen könnte sich beim Platzen der Bondblase der Rohstoffsektor erweisen – vor allem, wenn die totgeglaubte Inflation tatsächlich anzieht. Weil der damit verbundene Zinsanstieg aber mit einer  globalen Rezession einhergehen dürfte, bieten Investments im Bereich Energie und Industriemetalle wenig Sicherheit.

Vielversprechender sehen die Perspektiven für Gold und Minenaktien aus, deren Wert sich umgekehrt zum Vertrauen in die Zentralbanken entwickelt. Potenzial dürfte sich ausserdem in Agrarrohstoffen eröffnen, die weniger vom Konjunkturzyklus abhängig sind.

Chancen könnte gemäss Duffy auch der Retail-Sektor bieten, wo der Glaube, dass Amazon die Welt beherrschen werde, die Kurse auf Depressionsniveau gedrückt hat.