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Welche Länder mit Value und Momentum überzeugen

Value oder Momentum? Warum nicht beides? The Market untersucht 25 Länderindizes punkto Bewertung und Kursentwicklung und zeigt, welche Börsen am besten abschneiden.

Sandro Rosa

Sollen Anleger auf günstige Aktien setzen (Value) oder auf solche, die sich zuletzt stark entwickelt haben (Momentum)? Für gewisse Börsianer handelt es sich dabei fast schon um eine Glaubensfrage. Ein agnostischer Ansatz – sprich, eine Kombination der beiden Anlagestile – verspricht derweil die bessere Rendite.

Für Aktien oder Indizes heisst dies, auf eine möglichst günstige Bewertung bei gleichzeitig erfreulicher Kursentwicklung zu setzen. Ein solcher Ansatz hat sich in diversen Untersuchungen als bestechende Kombination erwiesen. Denn Value und Momentum schneiden in der Regel nicht gleichzeitig gut oder schlecht ab. Oft bereitet ein Ansatz Freude, während der andere zurückbleibt.

Wer die Bewertung im Blick hat, vermeidet überteuerte Überflieger. Denn je länger das Momentum einer Börse andauert, desto eher entkoppeln sich die Kurse von der Realität – der Markt wird zu teuer. Ergänzt man umgekehrt die Bewertung mit der Anforderung, Börsen müssten ein positives Momentum aufweisen, lässt sich die Gefahr mindern, dass man in eine Bewertungsfalle tappt – also in Anlagen investiert, die zwar günstig scheinen, aber dennoch weiter an Wert ­verlieren. 

Im Folgenden untersucht The Market 25 Länderindizes punkto Bewertung und Kursentwicklung und zeigt, welche am besten abschneiden.

Die Länder mit der attraktivsten Bewertung

Um zu eruieren, welche Börsen günstig oder teuer sind, verwendet The Market das Kurs-Gewinn-Verhältnis von Robert Shiller (Shiller-KGV). Während beim «klassischen» KGV der Preis einer Aktie oder eines Index mit dem Gewinn bloss eines Jahres verglichen wird, verwendet das Shiller-KGV die durchschnittlichen Gewinne der letzten zehn Jahre.

Dadurch werden die Gewinnschwankungen der einzelnen Jahre geglättet und der Einfluss verzerrender Ausschläge abgeschwächt. Da ein direkter Vergleich der Länder wegen der teilweise grossen Unterschiede in der Sektorzusammensetzung in der Regel nicht sinnvoll ist, hat The Market die aktuelle Bewertung für jeden Markt mit seinem langjährigen Durchschnitt verglichen und die prozentuale Abweichung ermittelt.

Welche Märkte bestechen momentan durch eine vorteilhafte Bewertung? Die Schweiz zählt leider nicht dazu. Gemäss Berechnung der britischen Grossbank Barclays beträgt das Shiller-KGV für den hiesigen Markt aktuell knapp über 28 – was rund 16% über dem langjährigen Schnitt von etwa 24 liegt:

Teure niederländische Valoren

Bewertungsabweichung vom langfristigen Shiller-KGV-Mittelwert (in %)

Von den untersuchten fünfzehn Industrieländern schneiden lediglich die USA und die Niederlande schlechter ab. Für die Niederlande beträgt die Überbewertung gar mehr als 50%. Merklich erfreulicher ist das Bild für die Börsen in Japan, Israel und Singapur, die unter dem langjährigen Mittel handeln.

In den Schwellenländern gehören die Türkei, China und Südkorea zu den am attraktivsten bewerteten Handelsplätzen. Einzig Brasilien sticht bezüglich der Bewertung negativ hervor. Das aktuelle Shiller-KGV übertrifft den langjährigen Durchschnitt um mehr als 40%. Da ist ziemlich viel Optimismus in den Kursen enthalten – und ein entsprechend grosses Enttäuschungspotenzial.

Günstige türkische Börse

Abweichung des Shiller-Kurs-Gewinn-Verhältnisses vom Mittelwert (in %)

Die Länder mit dem stärksten Momentum

Wie sieht es beim Momentum aus? The Market verwendet die Kursentwicklung über die vergangenen sechs Monate als Mass für das Momentum. James O’Shaughnessy, CEO der gleichnamigen Vermögensverwaltungsfirma, zeigt in seinem Buch «What Works on Wall Street», dass die US-Aktien mit den kräftigsten Kursgewinnen über sechs Monate häufig auch in den darauffolgenden Monaten stark abschneiden. 

Aber auch akademische Studien kommen zum Schluss, dass auf eine mittlere Frist von drei bis zwölf Monaten die bisherigen Gewinner im Durchschnitt weiterhin besser abschneiden als die bisherigen Verlierer.

Eine mögliche Erklärung für den Momentum-Effekt liegt in der Natur der Anleger, die nur zögerlich auf neue Informationen reagieren. Verbessert (oder verschlechtert) sich der Geschäftsgang eines Unternehmens, unterschätzen die Marktteilnehmer dies oft. Erst nach und nach spiegelt sich die Veränderung in den Kursen – das sorgt für ein während Monaten andauerndes Momentum. 

The Market hat deshalb 25 Industrie- und Schwellenländerbarometer des Indexanbieters MSCI auf Basis der Kursveränderung der vergangenen sechs Monate sortiert (in Lokalwährung). Je höher das Momentum, desto besser schneidet ein Land ab.

Die Industrieländerbarometer mit dem grössten Schwung finden sich in Australien, den Niederlanden und der Schweiz. Die USA schrammen knapp an einem Podestplatz vorbei. Deutlich weniger überzeugend war hingegen die Performance in den letzten sechs Monaten im Vereinigten Königreich, in Singapur, Hongkong sowie Israel. 

Schwungvolle australische Börse

Momentum gemessen an der Sechsmonatsrendite (in %)

Bei den Schwellenländern verfügt Brasilien über den grössten Schwung. In den vergangenen sechs Monaten hat es alle anderen betrachteten Länder hinter sich gelassen. Aber auch Russland und Taiwan haben den Anlegern Freude bereitet. Von Polen und China lässt sich das leider nicht behaupten: Beide Barometer haben mehr als 10% eingebüsst.

Kraftlose chinesische Aktien

Momentum gemessen an der Sechsmonatsrendite (in %)

Die Gesamtnote: Japan schwingt obenaus

Wie verändert sich nun die Hierarchie, wenn die beiden Faktoren kombiniert werden? Den Spitzenplatz erklimmt Japan, das in Bezug auf die Bewertung die Nase vorn hat, aber auch bei der jüngsten Kursentwicklung im Quervergleich zu überzeugen vermag. Russland, Südkorea und Deutschland schaffen es ebenfalls in die Spitzengruppe.

Einige Märkte wie etwa Singapur, Brasilien, Israel, China und die Niederlande schneiden zwar in einer der beiden Kategorien gut ab, fallen jedoch in der anderen ab. Deshalb schaffen sie es lediglich ins Mittelfeld. Wegen der unvorteilhaften Bewertung belegt der hiesige Aktienmarkt – trotz ansprechendem Momentum – bloss Rang fünfzehn.

Indien, Südafrika und das Vereinigte Königreich bilden die Schlusslichter. Sie bieten eine wenig attraktive Mischung aus stolzer Bewertung und einer unterdurchschnittlichen Kursentwicklung.

Japan, Russland und Korea belegen die Podestplätze

Land Rang: Bewertung Rang: Momentum Gesamtrang
Japan 1 10 1
Russland 12 3 2
Korea 6 15 3
Deutschland 11 11 4
Türkei 3 19 5
Spanien 9 13 6
Australien 21 2 7
Frankreich 16 8 8
Singapur 4 20 9
Taiwan 18 6 10
Italien 15 9 11
Brasilien 24 1 12
Schweden 13 12 13
Mexiko 10 16 14
Schweiz 22 5 15
Israel 2 25 16
China 5 23 17
Niederlande 25 4 18
Polen 7 22 19
USA 23 7 20
Hongkong 8 24 21
Kanada 19 14 22
Indien 17 17 23
Südafrika 14 21 24
UK 20 18 25