Im Fokus

Welchen Schweizer Aktien der ESG-Boom Schub verleiht

Der Trend zu nachhaltigem Investieren wächst rasant – in der Schweiz zuletzt mit einer jährlichen Rate von 80%. The Market bespricht die Themen, die ziehen, und zeigt auf, welche Schweizer Aktien davon profitieren.

Ruedi Keller

Nachhaltiges Anlegen gewinnt immer grösseren Einfluss: 2018 waren weltweit mehr als 30'000 Mrd. $ in Unternehmen investiert, die aufgrund ihrer Position in Bezug auf Umwelt, Gesellschaft und Führungsstruktur selektioniert wurden. Kurz heisst dieser Investitionsansatz ESG, was für Environment, Social und Governance steht.

Das Wachstum dieser Anlageklasse ist beeindruckend. Global sind die Investitionen, die von einem ESG-Ansatz geleitet werden, in zwei Jahren um ein Drittel gestiegen. In Europa wird bereits rund die Hälfte aller professionell verwalteten Gelder mit Blick auf Nachhaltigkeit investiert, ein Drittel davon gemäss definierten ESG-Kriterien.

Auch in der Schweiz wächst die Investitionsform rasant: «Die Wachstumsrate der Schweizer ESG-Gelder hat sich in den letzten Jahren auf zuletzt mehr als 80% per annum beschleunigt», sagt Sabine Döbeli, CEO von Swiss Sustainable Finance (SSF), dem Schweizer Verband für nachhaltiges Investieren mit 140 Mitgliedern.

Die letzte Marktstudie des SSF zeigt, dass in der Schweiz 2018 die gemäss ESG-Kriterien verwalteten Vermögen auf gegen 720 Mrd. Fr. gestiegen sind. Das entspricht einem guten Fünftel aller hierzulande verwalteten Vermögen. Und der Anteil erhöht sich weiter: «Auch für das abgelaufene Jahr, zu dem wir gerade die neuen Daten erheben, zeichnet sich eine weitere, deutliche Zunahme von ESG-Geldern ab», sagt Döbeli, wobei Aktien hinter Immobilien die stärkste nach ESG-Kriterien bewirtschaftete Anlageklasse sind.

Das Volumen nachhaltiger Anlagen in der Schweiz

in Mrd. Fr.

Klare Auswirkungen auf die Bewertung

Das Ausmass, das der Trend mittlerweile angenommen hat, zeigt klare Auswirkungen auf den Aktienmarkt: «Nachhaltige Anlagen haben in den vergangenen Jahren global so stark zugenommen, dass sich das auf die Preise auszuwirken beginnt», sagt Döbeli.

Unternehmen, die in der Gunst stehen, profitieren von tieferen Refinanzierungskosten, für solche, die gemieden werden, wird es teurer, sich zu refinanzieren: «Das verschafft den ESG-konformen Unternehmen bessere Investitionsbedingungen, was sich in einem stärkeren Wachstum niederschlagen sollte, wovon wiederum die Investoren profitieren», sagt Döbeli.

Branchenstudien zeigen, dass Gesellschaften mit positivem ESG-Momentum – also solche, die sich bezüglich Nachhaltigkeit stark verbessern – überdurchschnittlich performen.

Zu viel Geld für zu wenige Unternehmen?

Alles eitel Sonnenschein also? «Gelder, die in thematische Fonds fliessen, müssen im definierten Fokus investiert werden, auch wenn das zur Verfügung stehende Anlageuniversum bereits hoch bewertet ist», sagt Matthias Fawer, Analyst ESG & Impact Investing bei Vontobel Asset Management.

Er spricht damit die Beobachtung an, dass die Aktien, die im Fokus von ESG-Geldern stehen, oft bereits sehr teuer sind. Dank des Zuflusses in diesen Anlagestil könnten die Kurse dieser Unternehmen möglicherweise noch weiter steigen, ganz unabhängig vom bereits erreichten Bewertungsniveau: «Die Motivation, gemäss ESG-Kriterien zu investieren, ist nicht rein auf die Maximierung des Gewinns ausgelegt, sondern nimmt in den Blick, mit welchen Auswirkungen die Renditen erwirtschaftet werden», sagt Döbeli.

Gleiche Rendite bei geringerem Risiko

Für den Bewertungsaufschlag gegenüber dem breiten Markt gibt es neben dem Volumeneffekt eine weitere Erklärung: «Eine Investition mit einer integrierten ESG-Bewertung wirkt wie ein zusätzlicher Risikofilter, was eine überdurchschnittliche Bewertung ermöglicht», sagt Analyst Fawer. Studien zeigen, dass mit einem ESG-Ansatz ähnliche Renditen wie mit konventionellen Anlagen erzielt werden, dies jedoch mit geringerem Risiko.

Eine ESG-Analyse nimmt nicht nur die Position des Unternehmens in Bezug auf Umwelt, Gesellschaft und Führungsstruktur unter die Lupe. Gleichzeitig werden auch Risiken genau geprüft, die zu öffentlichen Kontroversen führen können:

«Der US-Pharmakonzern Johnson & Johnson erhält zwar von vielen Ratingagenturen eine hohe ESG-Note. Wegen der Kontroverse um den Missbrauch seiner Opioide wird er aber von vielen ESG-Investoren gemieden», sagt Fawer. Ähnliche Mechanismen wirkten bei den Schweizer Titeln Credit Suisse, UBS, Nestlé und Novartis: «Sie alle verfügen über ein solides ESG-Rating, wegen diverser Kontroversen sind sie aber aus ESG-Sicht nicht erste Wahl.»

Ergänzt werden nachhaltige Anlagestrategien zunehmend durch den Ansatz des Impact Investing: «Beim Impact Investing steht weniger die Beurteilung individueller ESG-Parameter eines Einzelunternehmens im Fokus, sondern die positive Wirkung seiner Produkte und Dienstleistungen auf die grossen Herausforderungen unserer Welt: den Klimaschutz, die Wasserversorgung, die Verstädterung etc.», sagt Fawer.

Die Schweizer Unternehmen im «Sweetspot»

The Market hat mit den beiden ESG-Spezialisten und mehreren konventionellen Schweizer Fondsmanagern analysiert, welche Schweizer Aktien im «Sweetspot» dieses Trends stehen und welche künftig auf Rückenwind hoffen könnten.

Im Fokus stehen Unternehmen, deren positiver Einfluss global auf Umwelt und Gesellschaft ausstrahlt. Ein weiteres gemeinsames Merkmal ist: Die Aktien fast aller dieser Gesellschaften, die bereits im ESG-Fokus stehen, notieren schon heute über dem Kursziel, das die Analysten im Schnitt für in zwölf Monaten setzen.

Die Schweizer ESG-Aktien

Kaufempfehlung in % Kapitalisierung in Mrd. Fr. Kurs in Fr. Zielkurs in Fr. KGV Sustainalytics ESG Risk Rating MSCI Rating
Pierer Mobility 100
1,16 51,5 83 25 n.a. n.a.
Schweiter 60
1,78 1250 1237 20 27.9 A
SIG Combibloc 57,1
4,82 15,06 15,13 20 18.8 AA
Gurit 50
0,75 1598 1320 17 32.1 B
Georg Fischer 50
3,99 972,5 1062 17,5 27.7 AAA
ABB 45,2
52,4 24,16 25,26 18 19.5 AA
Landis+Gyr 37,5
2,71 92,85 94 17,5 13 AA
Sonova 27,3
16,2 252,3 216 26 n.a. AA
Stadler Rail 25
4,84 48,42 47 22 n.a. n.a.
Geberit 4,5
19,5 528,2 448 29 14.1 AA
Belimo 0
4,34 7070 5581 40,5 25.2 AA

Belimo profitiert von Klimazielen

Die Notwendigkeit effizienterer Heizungen und Lüftungen spielt dem Spezialisten und Weltmarktführer für Stellantriebe und Sensoren in die Hände, ohne dessen Steuerungen energiesparsame Systeme kaum auskommen. Zudem dürfte die Marktnische politisch gefördert noch an Tempo zulegen. Denn beispielsweise Europa hat in einem «EU Green Deal» beschlossen, bis 2050 klimaneutral zu werden. «Das wird Mittel in die energetische Gebäudesanierung leiten, wovon die in diesem Bereich aktiven Unternehmen profitieren werden», sagt Analyst Fawer.

Die Kehrseite der rosigen Perspektiven ist die Bewertung mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von über 40. Der Zielkurs der Analysten liegt deutlich unter dem aktuellen Aktienpreis. Trotz dieser Parameter hält ein Fondsmanager, mit dem The Market gesprochen hat, weiter an den Titeln von Belimo fest. Sein Argument: Trotz der hohen Bewertung wird weiterhin ESG-Geld in Belimo fliessen, wovon er sich weitere Kursgewinne erhofft.

Ein zweiter Fondsmanager hat Belimo kürzlich abgestossen. Auch er hat das Thema ESG gespielt, jedoch anders herum: Er hat die Aktien bereits vor zwei Jahren gekauft, als das ESG-Rating von MSCI für Belimo noch auf C stand. Heute lautet es AA. Von der parallel verlaufenden Kurssteigerung hat er profitiert.

Belimo

Kursziel in 12 Monaten
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Wasser hebt die Bewertung von Georg Fischer und Geberit

Das Thema Wasser steht als eines der siebzehn Uno-Nachhaltigkeitsziele mitten im ESG-Fokus: «Unternehmen wie Georg Fischer preisen ihre Trinkwasserleitungen damit an, dass in der bestehenden Infrastruktur rund ein Drittel des Trinkwassers versickert», sagt Analyst Fawer.

Geberit, die Sanitärausrüstung für das Innere von Gebäuden liefert, punktet beim Thema Wassersparen sowie bei der Ausbildung von lokalem Installations- und Wartungspersonal. «Beide Unternehmen dürften vom Megatrend ‹Trinkwasser und sanitäre Anlagen für alle› profitieren.»

Georg Fischer

Kursziel in 12 Monaten
Aktueller Kurs

Geberit

Kursziel in 12 Monaten
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Strom elektrisiert Landis+Gyr und ABB

«Elektrizität wird im Zusammenhang mit erneuerbaren Energien eine immer wichtigere Rolle spielen», sagt Fawer. Aus Impact-Sicht sieht er hier ABB und Landis+Gyr im Fokus.

«Den intelligenten Strommessgeräten von Landis+Gyr sowie der Regel- und Schalttechnik von ABB wird in zunehmend komplexer werdenden Stromnetzen entscheidende Bedeutung zukommen», sagt der ESG-Analyst. Die beiden Aktien sind bislang jedoch noch nicht so heiss gelaufen wie andere ESG-Favoriten: «Noch befinden sich international viele Versorger – sie sind die Kunden von ABB und Landis+Gyr – in einer Neuorientierung und investieren erst zurückhaltend in neue Netztechnologie», erklärt Fawer.

ABB

Kursziel in 12 Monaten
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Landis+Gyr

Seit IPO
Kursziel in 12 Monaten
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Das Thema Verkehr treibt Stadler Rail an

Die Klimabelastung durch den Individual- und den Luftverkehr lenkt den Fokus der ESG-Investoren in Richtung Eisenbahn. Selbst zwei Gewinnwarnungen haben dem Schweizer Börsenneuling Stadler Rail so kaum etwas anhaben können, sagen mehrere Fondsmanager. Sie führen die Anomalie direkt auf den unablässigen Zustrom von ESG-Geldern in den Schweizer Eisenbahnhersteller zurück.

Konkurrenten wie die kanadische Bombardier oder die deutsche Siemens sind Konzerne, bei denen das Zuggeschäft nur einen Teil der Einnahmen ausmacht. Reine Eisenbahnunternehmen finden ESG-Investoren neben Stadler in der französischen Alstom oder dann in Asien.

Stadler Rail

Kursziel in 12 Monaten
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Windenergie lässt Gurit und Schweiter abheben

Vom aktuellen Boom in der Windenergie profitieren Gurit und Schweiter. Letztere stellt nicht nur Verbundwerkstoffe und Kernmaterialien für die Rotorblätter her, sondern verfügt auch über grosse eigene Balsaholzplantagen, die den derzeit hoch begehrten Rohstoff liefern.

Gurit setzt hingegen vermehrt auf PET-Schäume, die sie zunehmend mit eigenen Recyclinganlagen fertigen will.

Da Gurit auch Verbundwerkstoffe für die Luft- und die Raumfahrtindustrie herstellt, ist sie chemielastig, was sich im relativ tiefen ESG-Rating spiegelt. Umgekehrt lässt gerade dies Raum für eine Höherstufung – möglicherweise getrieben durch die neu intensivierten Bemühungen im PET-Recycling.

In Bezug auf den Geschäftsgang gilt es zu beachten, dass die staatliche Förderung der USA für Windräder 2021 ausläuft, was Gurit und Schweiter für das laufende Jahr nochmals Schub geben dürfte. Auch China und Indien haben grosse Pläne in Bezug auf alternative Stromerzeugung. Doch ob die Nachfrage aus diesen beiden Ländern die erwartbare Absatzdelle in den USA wettmachen wird, ist noch unklar.

Gurit

Kursziel in 12 Monaten
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Schweiter

Kursziel in 12 Monaten
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Die Plastikaversion hilft SIG

«SIG stellt sich aus Nachhaltigkeitssicht sehr gut dar und verwendet für ihre Getränkeverpackungen Karton aus zertifiziert nachhaltigen Wäldern oder aus Recyclingpapier», sagt Analyst Fawer. Das SIG-Management betont zudem die bessere CO2-Bilanz der Materialien gegenüber PET- oder Glasverpackungen.

Aktuell profitiert das Unternehmen auch von der wachsenden Kritik an Plastikverpackungen: Auf Druck der Konsumenten bemühen sich die grossen Nahrungsmittelkonzerne um alternative Verpackungsformen, teilweise basierend auf den Abfüllsystemen von SIG.

Zusammen mit Unilever ist SIG daran, kohlensäurefreie Getränke in ihren Kartonverpackungen zu konfektionieren. Ausserdem arbeitet sie mit Nestlé daran, Strohhalme für Getränke statt aus Plastik aus Karton herzustellen.

SIG Combibloc

Seit IPO
Kursziel in 12 Monaten
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Auch Sonova wird gehört

Klar im Fokus der Aufmerksamkeit steht beim Thema ESG derzeit der erste Buchstabe, die Ökologie, was auch die bisherige Auswahl an Schweizer ESG-Titeln zeigt. Doch auch vom zweiten Buchstaben, von den sozialen Aspekten, profitieren Unternehmen in der Schweiz, beispielsweise Sonova, deren Produkte besseres Hören ermöglichen, sagt SSF-CEO Döbeli.

Sonova

Kursziel in 12 Monaten
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Pierer Mobility gibt Gas

Auf den ersten Blick überraschend ist der Vorschlag eines Fondsmanagers, bei Pierer Mobility auf den ESG-Trend zu setzen. Die an der Schweizer Börse kotierte Pierer stellt unter den Marken KTM, Husqvarna und Gasgas Motorräder her – und besitzt gar kein ESG-Rating einer grossen Agentur.

Genau hier liegt jedoch der Investitionsansatz des Fondsmanagers: Pierer setzt als Zweiradspezialist nicht nur auf Motorräder, sondern engagiert sich auch bei E-Bikes. Nach einer Übernahme soll der für 2020 in Aussicht gestellte Umsatz mit E-Bikes von 100 Mio. € sich künftig vervielfachen. Ziel von Pierer ist es, ein bedeutender Anbieter von E-Bikes zu werden, womit der Zweiradspezialist künftig ins Blickfeld von ESG-Investoren kommen dürfte.

Pierer Mobility

Seit IPO
Kursziel in 12 Monaten
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Dunkle Wolken über der Solarindustrie

Dass Impact-Investitionen trotz aller Wachstumshoffnung einer steten Überwachung bedürfen, hat die Solarindustrie vor Augen geführt.

Vor wenigen Jahren gehörte die deutsche Solarindustrie noch zur globalen Elite. Heute ist sie kaum mehr existent. In der Schweiz ist es der einstige Überflieger Meyer Burger, der unter der veränderten Lage im Solarmarkt leidet.

Meyer Burger mag zwar technologisch führend sein. Massenproduktion mit billigeren Herstellungsverfahren und chinesische Subventionen haben den Schweizer Konzern jedoch in arge Bedrängnis gebracht.

Meyer Burger

Kursziel in 12 Monaten
Aktueller Kurs

«Aus Investitionsperspektive ist es oft interessant, auf junge Technologien zu setzen, doch nicht alle werden sich behaupten können», sagt ESG-Analyst Fawer und mahnt: «Wer auf Zukunftstechnologien setzt, muss periodisch überprüfen, ob ein Unternehmen die Verfahren entwickelt, die sich auch durchsetzen.»

Vom Boom zur Verwerfung

Dass Investitionen nach ESG-Kriterien keine kurzfristige Mode sind, daran zweifelt kaum ein Fondsmanager – selbst die nicht, deren Anlagephilosophie wenig mit dem ESG-Ansatz gemein hat. Sie warnen jedoch bezüglich einzelner Themen, beispielsweise Wasser. Dieses Motiv hatte die Investoren schon kurz vor der Finanzkrise begeistert. «Thematisches Anlegen hat immer dann Hochkonjunktur, wenn sich der Zyklus dem Ende zuneigt», mahnt ein Fondsmanager.

Ein zweiter Fondsmanager sieht die Risiken in der schieren Masse an ESG-Geldern, die teilweise blindlings in wenige Unternehmen fliesst – unabhängig von der Bewertung und rein von der Motivation getrieben, etwas Gutes zu tun. Der Fondsmanager befürchtet Verwerfungen, falls sich die für diese Unternehmen bezahlten Börsenkurse zu weit weg vom inneren Wert bewegen.

Gute Unternehmensführung ist der gemeinsame Nenner

Völlig einig sind sich ESG- und konventionelle Investoren hingegen in einem Punkt: «Von den drei ESG-Kriterien ist der Governance-Aspekt im Schnitt der stärkste Performancetreiber», sagt SSF-CEO Döbeli.

«Aus ESG-Sicht bildet eine einwandfreie Geschäftsführung die Basis, um nachhaltige Wirtschaftsziele zu erreichen.»

Den Glauben an das dritte Kriterium halten auch die befragten Fondsmanager hoch, die die Rendite in den Vordergrund stellen: «Investiere nur in ein gutes Unternehmen!»