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Wie es mit dem Ölpreis weitergeht

Seit Anfang Jahr sind die Rohölnotierungen rund 15% eingebrochen. Das Coronavirus drückt auf die Nachfrage und belastet die Anlegerstimmung. Ist der Preisrückgang gerechtfertigt?

Sandro Rosa
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So schnell kann es gehen: Noch Anfang Jahr keimten Ängste vor einem Ölpreisschock auf. In der Nacht auf den 3. Januar hatte die US-Armee den iranischen General Kassem Soleimani getötet, was zu einer beängstigenden Verschärfung des ohnehin schon angespannten Verhältnisses zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran geführt hatte.

Prompt schnellten die Rohölnotierungen in die Höhe. Am 6. Januar erreichte der Preis für ein Fass der Sorte Brent fast 69 $ – das, nachdem er im vierten Quartal des vergangenen Jahres stetig gestiegen war.

Nicht einmal einen Monat später ist aus dem Preisschub ein Rückschlag geworden: Aktuell kostet ein Fass Brent nur noch 58.5 $ oder rund 15% weniger als im Jahreshöchst.

Coronavirus als Gefahr

Der Grund ist das Coronavirus, das sich rasant ausbreitet und Erinnerungen an die Sars-Epidemie von 2003 weckt. Die chinesische Regierung hat, nach anfänglichem Zögern, resolut reagiert und das Zentrum der Epidemie, die 11-Mio.-Stadt Wuhan, abgeriegelt, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern. Die Quarantäne betrifft mittlerweile Millionen von Chinesen. Inzwischen wurden Flugverbindungen von und nach China eingestellt und Landesgrenzen geschlossen.

Am Donnerstag, 30. Januar, hat der Notfall-Ausschuss der Weltgesundheitsorganisation WHO eine «gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite» ausgerufen. Wie sich das Ganze entwickeln wird, weiss niemand. Das sorgt für Verunsicherung. Eine Befürchtung ist, dass die fragile konjunkturelle Erholung der vergangenen Monate zunichtegemacht wird – und die Nachfrage nach Rohöl markant zurückgeht.

Überschätzter Einfluss auf die Nachfrage?

Hat die jetzige Epidemie einen ähnlichen Einfluss auf den Ölmarkt wie Sars, als die Nachfrage rund 3% gefallen war, dürfte sie diesmal um gegen 0,4 Mio. Fass pro Tag abnehmen, schätzt Ökonom Kieran Clancy vom Londoner Researchanbieter Capital Economics. Zum Vergleich: Der gesamte globale Konsum beläuft sich auf täglich 100 Mio. Fass. Die Ökonomen von Goldman Sachs beziffern den Nachfrageverlust auf rund 0,26 Mio. Fass.

Allerdings dürften diese Zahlen eher konservativ geschätzt sein. Schliesslich ist China heute viel enger mit der Weltwirtschaft verzahnt, was die negativen Effekte auf umliegende Länder verstärken könnte. Zudem ist der Anteil von Benzin und Flugzeugtreibstoff am gesamten Erdölverbrauch Chinas heute höher als 2003 – angesichts der gestrichenen Flüge und der Transportverbote in China könnte der Rückgang diesmal deshalb einschneidender sein.

Dennoch stellt sich die Frage, ob der Rückgang des Ölpreises von 15% gerechtfertigt ist.

Michel Salden, Portfoliomanager bei Vontobel Asset Management, ist skeptisch: «Der durch die Coronavirus-Ängste ausgelöste Ausverkauf auf den Ölmärkten ist übertrieben», schreibt er. Das Virus werde wahrscheinlich zu einem Rückgang der Ölnachfrage um 0,2 bis 0,3 Mio. Fass führen, aber die Investoren übersähen den Produktionsausfall in Libyen von 1,5 Mio. Fass. Auch wenn also der Nachfragerückgang deutlich höher ausfallen sollte als 2003, wird damit bestenfalls die Reduktion in Libyen kompensiert.

Geringer Rückgang während Finanzkrise

Ein weiterer Vergleich ist interessant. Auch im verheerendsten Konjunktureinbruch seit der Grossen Depression ging die Ölnachfrage nur unwesentlich zurück, wie Value-Investor Marcos Hernández Aguado vom Vermögensverwalter SIA Funds kürzlich gegenüber The Market sagte: «2008, in der schwersten Wirtschaftskrise seit fünfzig Jahren, sank die Nachfrage nur um 200'000 Fass pro Tag.»

Natürlich könnten sich diese Schätzungen und Vergleiche als falsch erweisen. Aber sie geben einen Hinweis, dass die Nachfrage weniger stark tangiert sein könnte, als es die Marktpreise vermuten lassen.

Hinzu kommt, dass sich dank der Liquiditätsspritzen der Notenbanken, der fallenden Anleihenrenditen im vergangenen Jahr sowie der Entschärfung im US-chinesischen Handelskrieg die globalen Wachstumsperspektiven jüngst wieder etwas aufgehellt haben. Das wiederum sollte die Nachfrage nach Erdöl stützen.

Begrenzte Kapazität

Derweil scheint sich auf der Angebotsseite eine Verknappung abzuzeichnen. So meint Marcos Hernández Aguado, die Schieferölförderung in den USA habe ihren Höhepunkt erreicht und sei, wie man 2019 gesehen habe, bei einem Preis von weniger als 60 $ pro Fass nicht rentabel.

Zudem sind die Fremdkapitalgeber jüngst deutlich zurückhaltender geworden: De facto können Ölkonzerne nur noch im Umfang ihres selbst erwirtschafteten Cashflows investieren. Damit schrumpfen die Investitionen, was das künftige Angebot belastet. Einen Hinweis auf diesen Trend liefert der Rückgang an US-Bohrlöchern von rund 870 im Jahr 2018 auf nur noch 675. Ob die Produktion allein durch Effizienzgewinne gehalten werden kann, ist keineswegs klar.

Hinzu kommt die Gefahr von möglichen weiteren Ausfällen in Libyen, aber auch im Irak. Derweil ist der US-iranische Konflikt zwar in den Hintergrund getreten, schwelt aber weiter. Eine Eskalation kann nicht ausgeschlossen werden – was das Angebot ebenfalls beeinträchtigen könnte.

Entscheidend dürfte allerdings das Verhalten des Erdölkartells Opec+ sein. Es wird kaum tatenlos zusehen, wie die Notierungen fallen. Mit grosser Wahrscheinlichkeit wird unter der Führung Saudi-Arabiens die bis Ende März beschlossene Produktionsdrosselung verlängert, wenn sich die Opec-Länder am 5. und 6. März in Wien treffen.

Nachfrage- oder Angebotsdefizit?

Angesichts dieser Ausgangslage erwarten einige Marktbeobachter ein Angebotsdefizit in diesem Jahr. So rechnet Caroline Bain, Rohstoffanalystin bei Capital Economics, damit, dass der Ölmarkt gegen Ende Jahr in ein Defizit rutscht. Die Nachfrage werde das Angebot übersteigen. Bis zum Jahresende prognostiziert sie Brent deshalb bei 75 $ pro Fass. Das entspricht einer Verteuerung von 30%.

Zum selben Schluss gelangt Robert Ryan vom kanadischen Analysehaus BCA Research, der für 2020 und 2021 ebenfalls ein Angebotsdefizit erwartet. Er prognostiziert einen Preis von 67 $ für Brent im Jahr 2020 und 70 $ für das Jahr 2021.

Zuversichtliche Händler

Weniger optimistisch, zumindest für die kurze Frist, ist Warren Pies, Energieanalyst bei Ned Davis Research. Er argumentiert, dass all die oben erwähnten Faktoren – besseres Wachstum, das Abflauen des Handelskonflikts und anhaltende geopolitische Spannungen – zu einem nachhaltig steigenden Preis hätten führen müssen. Doch jeder Preisanstieg sei umgehend verpufft. In Kombination mit der Befürchtung, dass das Coronavirus die Konjunktur und damit die Nachfrage schwächen dürfte, werde der Abwärtsdruck vorderhand anhalten.

Dafür spreche auch die Positionierung der Rohstoffhändler: Ihre Short-Positionen seien im Dezember auf einen äusserst niedrigen Wert gesunken, was auf einen zu ausgeprägten Optimismus im Markt hindeute.

Kurzfristig würde eine anhaltende Preisschwäche deshalb nicht überraschen, zumal die Negativnachrichten zum Coronavirus kaum so bald abreissen werden. Angesichts des fundamental eher engen Marktes, der durch die zu erwartenden Massnahmen der Opec+ noch enger werden könnte, sollten sich die Ölnotierungen im Jahresverlauf jedoch wieder Richtung 70 $ bewegen.