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Wie es mit dem SMI weitergeht

Das Schweizer Leitbarometer hat sich in den vergangenen Monaten überaus erfreulich entwickelt und im September gar ein neues Rekordhoch erklommen. Kann es in diesem Tempo weitergehen?

Sandro Rosa

Defensiv ist Trumpf. So zumindest lautete in den vergangenen Monaten die Devise. Und einer der defensivsten Indizes überhaupt ist der Swiss Market Index (SMI). Es überrascht deshalb wenig, dass das Schweizer Leitbarometer zu den wenigen Indizes gehört, die mit der US-Börse – die ebenfalls mit defensiven Qualitäten punktet – mithalten können.

Seit Januar 2018 hat der SMI rund 15% zugelegt, der S&P 500 gegen 16%, während die europäischen Aktienmärkte und der Schwellenländerindex von MSCI spürbar zurückgeblieben sind. Anders als etwa der Dax und die Emerging Markets hat der SMI den Kurstaucher von Ende 2018 mehr als wettgemacht (vgl. Grafik). 

Der SMI gehört zu den Besten

Rendite seit Januar 2018 (inklusive Dividenden)
SMI
S&P 500
Euro Stoxx 50
Schwellenländer
Dax

Trotz hartem Franken gehört der SMI also zu den stärksten Indizes und hat diese Woche im Tagesverlauf gar ein neues Rekordhoch erreicht. 

Defensive Zusammensetzung hat geholfen

Die fallenden Zinsen haben hierzulande für Rückenwind gesorgt. Denn im SMI geben die defensiven Branchen Basiskonsum und Pharma den Ton an – zusammen stellen sie mehr als die Hälfte der Börsenkapitalisierung (vgl. Grafik). Und just diese defensiven Sektoren stehen bei den Anlegern seit einiger Zeit hoch im Kurs.

Quelle: SIX Group, themarket.ch

Quelle: SIX Group, themarket.ch

Das ausgeprägte Sicherheitsbedürfnis vieler Börsianer liess sie primär in stabile Unternehmen investieren. Zusätzlich suchten Anleger angesichts der niedrigen Zinsen nach einem Anleihenersatz – und fanden ihn ebenfalls in defensiven Bollwerken, die weniger von einer Konjunkturabschwächung betroffen sind. Die zyklischen Titel, die stärker vom Auf und Ab der Wirtschaft abhängen, büssen bei sinkenden Anleihenrenditen hingegen typischerweise an Attraktivität ein.

Wie Berechnungen von Société Générale zeigen, haben Schweizer Aktien besonders deutlich auf die fallenden Zinsen reagiert – im Jargon spricht man von einer stark negativen Korrelation zwischen den Aktien- und den Bondrenditen. 

Seit einigen Tagen lässt sich allerdings am Markt eine Rotation aus den defensiven Valoren in zyklischere Segmente beobachten. Gleichzeitig sind die Zinsen wieder leicht gestiegen. Im Markt hofft man auf eine konjunkturelle Belebung dank der jüngsten Liquiditätsspritze der Europäischen Zentralbank und dem Stimulusprogramm in China. 

Peter Berezin, Chefstratege beim kanadischen Analysehaus BCA Research, erwartet genau eine solche Entwicklung. Er rechnet damit, dass sich das globale Wachstum stabilisieren und sich in den kommenden Monaten erholen wird. In einem solchen Umfeld dürften die langfristigen Anleihenrenditen höher tendieren. Das würde das Umschichten in zyklische Aktien begünstigen. Davon würden Schwellenländer oder der Dax überdurchschnittlich profitieren, der SMI würde zurückbleiben.

Stolze Bewertung von Schweizer Aktien

Nicht nur steigende Zinsen sind eine mögliche Hürde für den SMI. Ein Blick auf die relative Bewertung zeigt, dass die hiesigen Valoren zu den teuersten in Europa gehören. Typischerweise handelt der SMI mit einem Aufschlag gegenüber seinen europäischen Vergleichsindizes. Denn Anleger sind in der Regel bereit, für stabile Unternehmen mit solider Bilanz mehr zu bezahlen als für stark konjunkturabhängige Gesellschaften.

Aktuell aber ist die Bewertungsprämie für Schweizer Aktien deutlich höher (über zwei Standardabweichungen) als im langjährigen Durchschnitt, wie die Analysten von Morgan Stanley berechnet haben. Die Marktteilnehmer rechnen also mit einer anhaltend hohen Gewinndynamik. 

Optimistische Anleger

Nicht nur die Bewertung signalisiert, wie beliebt der Markt ist. Die Umfrage von Bank of America Merrill Lynch bestätigt den Befund. Die Grossbank befragt jeden Monat Hunderte von Fondsmanagern nach ihrer Positionierung und ihren Markteinschätzungen. Unter anderem will sie von den Profis jeweils auch wissen, welche Märkte sie in Europa über- oder untergewichten. Schweizer Aktien schwingen momentan klar obenaus, gefolgt von Deutschland und Spanien.  

Beliebte Schweizer Aktien

Welche Aktienindizes die Fondsmanager über das kommende Jahr über- oder untergewichten würden (Nettopositionierung)

Weshalb ist das wichtig? Ist ein Markt allzu beliebt, ist das ein Signal dafür, dass das Gros der Marktteilnehmer bereits entsprechend positioniert ist – und es bald zu einer Gegenbewegung kommen könnte. Im Gegenzug braucht es bei verschmähten Titeln und Märkten oft nur wenig, um eine Erholung auszulösen.

Mit anderen Worten: Die starke Performance der vergangenen Monate hat die Erwartungen im Markt nach oben geschraubt. Können sie nicht erfüllt werden, wird es schwierig. Damit dürften die kommenden Monate eher schwierig werden für den SMI und die Dynamik ins Stocken geraten.

Gegenwind für den Schweizer Markt

Allerdings: Wenn sich der Handelskrieg zwischen den USA und China wieder verschärft und/oder die Weltwirtschaft weiter an Schwung einbüsst, dürften Anleger mit den defensiven Bollwerken des SMI besser – oder zumindest weniger schlecht – fahren als mit den meisten anderen Indizes.

«Der SMI sollte in einer Zeit höherer Volatilität widerstandsfähiger sein», meint Roland Kaloyan, Chefaktienstratege bei der französischen Bank Société Générale. Absolut gesehen würde dann aber auch der SMI Federn lassen müssen.