Im Fokus

Was Anlageexperten für 2020 erwarten

Mit dem nahenden Jahreswechsel richtet sich der Fokus der Anleger auf das kommende Jahr. Wie positionieren sich die Strategen der wichtigsten Banken? Und welche Schlüsse können Investoren daraus ziehen?

Sandro Rosa
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2019 geht als eines der besten Börsenjahre in die Finanzgeschichte ein. So verzeichnet der Swiss Market Index per 19. Dezember im Vergleich zum Jahresanfang einen Zuwachs von rund 25% – kommt es in den letzten Handelstagen des Jahres nicht noch zu dramatischen Verwerfungen, wird es das fünft- oder das sechstbeste Jahr für den hiesigen Leitindex überhaupt. 

Aber auch andere Börsenbarometer wie der S&P 500 (+27,5%), der Dax (+25%) oder der Nikkei 225 (+19%) können eindrückliche Kursavancen vorweisen. Der MSCI Welt, der Aktien aus allen Industrieländern abbildet, notiert nahezu 24% höher als noch Anfang Jahr.

«Welcher Idiot würde nach dem längsten Bullenmarkt der Geschichte einen Bärenmarkt für Aktien für 2020 prognostizieren?», fragt der unkonventionelle Marktstratege Albert Edwards von Société Générale deshalb provokativ. Natürlich niemand. 

Das belegt ein Blick in die Markteinschätzungen von über einem Dutzend Banken, Vermögensverwaltern und unabhängigen Researchhäusern für das kommende Jahr. Der Tenor ist eindeutig: Auch nach dem Kursschub des zu Ende gehenden Jahres sind Aktien weiterhin ein Kauf.

Aktien bevorzugt

Praktisch alle Researchabteilungen rechnen für 2020 mit weiteren Kursavancen. Zwar warnen sie davor, ähnlich hohe Renditen wie 2019 einfach fortzuschreiben, aber positiv gestimmt sind die meisten Experten – ein einig Volk von Marktstrategen. Im Schnitt prognostizieren sie Kursgewinne von rund 6 bis 10%. Zufälligerweise entspricht das gerade in etwa der typischen jährlichen Aktienentwicklung. 

«Die Präferenz zwischen Aktien und Anleihen ist klar: Die Dividendenrendite des S&P 500 übertrifft die Rendite auf zehnjährigen US-Staatsanleihen. Das kommt selten vor, aber in 94% der Fälle, in denen es geschah, haben Aktien in den darauffolgenden zwölf Monaten besser abgeschnitten als Bonds – im Schnitt um zwanzig Prozentpunkte», schreibt Savita Subramanian von Bank of America Merrill Lynch in ihrem Ausblick. Den US-Leitindex sieht sie Ende 2020 bei 3300 Punkten. Derzeit notiert er bei 3200.

David Kostin von Goldman Sachs erwartet, dass sich der Gewinnzyklus  im nächsten Jahr fortsetzt, was den S&P 500 auf 3250 Punkte hieven sollte. 

Zu den vorsichtigeren Instituten gehört auch Credit Suisse. Die Schweizer Grossbank erwartet für den US-Aktienmarkt einen Zuwachs von 6,5%, für die Eurozone nahezu 6% und für die Schweiz knapp über 4%. «Wir erwarten, dass das Wirtschaftswachstum im Jahr 2020 eher verhalten ausfallen wird und die Renditen im allgemeinen unter dem Niveau von 2019 liegen. Einen breiten Abschwung oder gar eine Finanzkrise halten wir jedoch für unwahrscheinlich», meinen die Analysten von Credit Suisse. 

USA abbauen, Europa aufstocken

Ebenfalls weitgehend Einigkeit herrscht punkto regionaler Aufteilung. Nach Jahren, in denen der US-Markt hoch oben in der Anlegergunst stand und den Rest der Welt massiv hinter sich gelassen hat, spricht sich nunmehr ein grosser Teil der Strategen für ein Umschichten aus der US-Börse in europäische Titel oder Aktien aus Schwellenländern aus.

«Unser Entscheid, in Aktien ausserhalb der USA umzuschichten, gründet in der Erwartung eines stärkeren globalen Wachstums 2020», meint Peter Berezin von BCA Research. Zudem seien die Bewertungen ausserhalb der USA in der Regel deutlich attraktiver. In Aktien aus der Eurozone ortet er für die kommenden Monate das grösste Potenzial. 

Das spiegelt sich auch in den Prognosen von Mislav Matejka von JPMorgan: Er traut Valoren aus der Eurozone ein ansehnliches Plus von 10% zu. Noch besser allerdings schätzt er die Aussichten für Schwellenländeraktien (+12%) ein. US-Titel dürften mit einem Kursgewinn von 8% im Vergleich zurückbleiben.

Zu den wenigen Abweichlern gehört Alastair Pinder von HSBC. Er glaubt, das Risiko für fallende Gewinne sei bei europäischen Valoren angesichts der strukturellen Wachstumshemmnisse besonders gross. Derweil sei auch die Unterstützung von fiskal- und geldpolitischer Seite ungenügend. Pinder bevorzugt deshalb US-Aktien und Titel aus Schwellenländern.

Wirtschaft findet aus dem Tief

Gründe für den sich ausbreitenden Optimismus gibt es durchaus, sind doch Anzeichen auszumachen, dass die Konjunkturdelle überwunden ist. So zeigt der globale Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe, der sich seit Mitte 2018 auf einem Sinkflug befunden hatte, seit dem Sommer wieder nach oben. Zuletzt hat er die Schwelle von 50 überschritten, was eine höhere Wachstumsdynamik signalisiert.

Der deutsche Ifo-Index der Geschäftserwartungen zeigte zuletzt ebenfalls wieder nach oben und deutet darauf hin, dass auch Europa das Tal der Tränen langsam durchschritten haben könnte.

Zusätzlich sorgen die Währungshüter erneut für Unterstützung. Erstmals seit der Finanzkrise lockern alle wichtigen Notenbanken gleichzeitig ihre Geldpolitik, wie die Strategen vom Hongkonger Analysehaus Gavekal Research bemerken. Zudem wird die Fiskalpolitik in Europa und in Japan 2020 expansiv, während sie in den USA weitgehend neutral bleiben dürfte. Auch dies sollte die Konjunktur unterstützen.

Hinzu kommen die (temporäre?) Entspannung im US-chinesischen Handelskrieg mit der Einigung auf einen Phase-1-Deal und bescheidene chinesische Stimulierungsmassnahmen. Das sind allesamt erfreuliche Entwicklungen.

Value und Zykliker favorisiert

Die optimistische Sicht auf die Weltwirtschaft erklärt auch, weshalb die Mehrheit der Strategen Substanzwert- gegenüber Wachstumsaktien den Vorzug gibt und in der Tendenz auf Zykliker setzt. «Nimmt man vergangene Kursbewegungen zum Massstab, hat die aktuelle Rotation zurück in Value-Aktien weniger als die Hälfte hinter sich», glauben die Experten von JPMorgan. Mit anderen Worten: Value wird in den kommenden Monaten besser abschneiden als die lange beliebten Wachstumstitel.

Georg Ruzicka, Leiter des Aktienresearch-Teams bei LGT, stösst ins gleiche Horn: «Wir denken, dass gewisse Value-Aktien deutlich hinter dem Markt zurückgeblieben sind und 2020 Aufholpotenzial aufweisen.» Da scheint es nur folgerichtig, dass Finanztitel auffallend oft als Sektorfavoriten erwähnt werden.

Ungeliebte Anleihen

So zuversichtlich die Strategen für Aktien sind, so wenig vermögen sie sich für Anleihen zu erwärmen. Wie immer in den vergangenen zehn Jahren ist der Konsens auch diesmal überzeugt, dass die Zinsen steigen werden.

Nachdem die Zinsen 2019 auf breiter Front gefallen sind, würde eine solche Gegenbewegung tatsächlich nicht überraschen. Allerdings lagen die Prognostiker, die höhere Bondrenditen erwarteten, in den vergangenen Jahren meist falsch. Wenn Bonds empfohlen werden, dann oftmals solche aus Schwellenländern oder aus dem Hochzinssegment.

Dollar schwächt sich ab

Auch in Bezug auf den Dollar sind sich die meisten Experten einig: Er wird im kommenden Jahr schwächer tendieren. Typisch ist die Einschätzung von Tim Hayes von Ned Davis Research: «Der Dollar bleibt gegenüber den meisten Währungen überbewertet.» Er wird unter Druck geraten, wenn sich die Differenz der Realzinsen zwischen den USA und dem Rest der Welt verringert. Das sei wahrscheinlich, wenn sich die Konjunktur im kommenden Jahr ausserhalb der USA wieder belebe.

«Die Anzeichen für einen schwächeren Dollar verdichten sich», meint auch Romain Cabasson von Axa Investment Managers. Die Zinssenkungen der US-Notenbank Fed hätten dazu beigetragen, die Attraktivität der Währung zu schmälern.

Divergierende Meinungen zu Gold

Weniger klar ist das Verdikt zu Gold. Keinen Gefallen daran finden die Strategen vom Analysehaus Capital Economics: «Edelmetalle dürften Mühe bekunden, da die geldpolitische Unterstützung abnehmen wird, während die physische Nachfrage schwach bleiben dürfte.»

Goldman Sachs hingegen ist zuversichtlich für den Goldpreis und prognostiziert einen Anstieg von aktuell rund 1475 auf 1600 $ pro Feinunze. Noch immer vorhandene konjunkturelle Sorgen, die hohe politische Unsicherheit und die nur mässige Wachstumsbeschleunigung sollten die Investitionsnachfrage nach Gold beleben.

Wirklich alles in Butter?

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Finanzgilde – einmal mehr – zuversichtlich ins neue Jahr blickt und sich für eine konjunkturelle Belebung positioniert. Sie setzt auf Aktien, verschmäht Bonds – insbesondere Staatsanleihen –, erwartet einen schwächeren Dollar und in der Tendenz einen leicht niedrigeren Goldpreis.

Doch ist diese optimistische Sicht gerechtfertigt? Denn nach der kräftigen Aufwärtsbewegung der vergangenen Monate scheinen die Börsen bereits eine Konjunkturaufhellung vorwegzunehmen. Der zunehmende Optimismus spiegelt sich auch in der zuletzt eindrücklichen Rotation in zyklische Werte und Value-Aktien. Umfragen unter amerikanischen Kleinanlegern zeigen, dass der Anteil der Bullen zuletzt wieder kräftig zugenommen hat. Das ist oft ein Warnsignal. 

Was aber, wenn die Konjunktur enttäuscht? Der Aufschwung zeigt sich vorderhand erst in gewissen Frühindikatoren.

Derweil basieren die Kursgewinne des vergangenen Jahres vor allem auf dem Prinzip Hoffnung. «Der überwiegende Teil der Rendite stammt aus der Ausweitung der Bewertung. In den USA und Europa waren die Unternehmensgewinne nahezu unverändert und in Asien und Japan leicht negativ», bemerkt Peter Oppenheimer von Goldman Sachs.

Aus Contrarian-Sicht würde es also nicht überraschen, wenn US-Aktien und der Dollar weiter stark bleiben und Europa sowie Schwellenländer einmal mehr enttäuschen. 

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