Im Fokus

Vorsicht mit Schwellenländer-Aktien

Argentinien und Hongkong zeigen es: Die politische Unsicherheit in den Schwellenländern steigt. Hinzu kommt die globale Konjunkturabschwächung. Die nächsten Monate dürften für Aktien aus den Emerging Markets deshalb schwierig werden. 

Sandro Rosa

Die politischen Risiken in den Schwellenländern rücken wieder in den Vordergrund. Anleger in argentinischen Vermögenswerten mussten es vor knapp zwei Wochen schmerzhaft erfahren: Innerhalb nur eines Tages halbierte sich der Dollarwert des MSCI Argentinien, und auch die Staatsanleihen des Landes sackten ab.

Der Auslöser war das überraschend starke Abschneiden des oppositionellen Präsidentschaftskandidaten Alberto Fernández in den Vorwahlen. Er war der frühere Kabinettschef von Ex-Präsidentin Cristina Kirchner, die für das aktuelle wirtschaftliche Malaise mitverantwortlich ist.

Marktstratege Russell Napier rechnet deshalb mit einem Scheitern des argentinischen Rettungsprogramms des Internationalen Währungsfonds – und mit Turbulenzen für Anlagen aus Schwellenländern.

Argentinien ist indes nicht der einzige Krisenherd. Hinzu kommen der Handelsdisput zwischen den USA und China wie auch Spannungen innerhalb Asiens: Zwischen China und Hongkong, Indien und Pakistan um die Region Kaschmir sowie der Handelszwist zwischen Japan und Südkorea. 

Schwellenländeraktien halten sich gut

Angesichts der Fülle an negativen Nachrichten halten sich die Emerging Markets erstaunlich gut. Zwar ist der Schwellenländer-Index von MSCI, der über 1100 Unternehmen aus 26 Ländern umfasst, zuletzt hinter dem vergleichbaren Barometer für die Industrieländer zurückgeblieben. Seit Jahresanfang resultiert allerdings immer noch ein Kursgewinn – in Dollar gerechnet, notabene (vgl. Grafik).

Ist also alles in Butter, und sind die eingangs erwähnten Sorgen übertrieben? Schliesslich sind die Gefahren ja bekannt und deshalb wohl weitgehend eingepreist. Oder folgt das böse Erwachen erst noch?

Risse im Fundament

Leider deutet Einiges auf weiteres Ungemach hin, wie Schwellenländer-Chefstratege Arthur Budaghyan vom Analysehaus BCA Research darlegt.

Er warnt sogar vor einem Einbruch von Schwellenländer-Vermögenswerten, denn die konjunkturellen Aussichten seien überaus schwach. Sowohl die Exporte als auch die konjunktursensitiveren heimischen Sektoren schrumpfen seit einiger Zeit.

Auch der schwächere Renminbi sei Ausdruck der abnehmenden Wachstumsdynamik in den Schwellenländern, argumentiert Budaghyan.

Als Reaktion auf die Ankündigung von Donald Trump, weitere Importzölle auf chinesische Güter zu verhängen, reduzierte Peking am 5. August den Effort zur Stützung des Yuan. Prompt durchbrach die Währung die Marke von 7 Yuan pro Dollar (vgl. Grafik).

Quelle: BCA Research, themarket.ch

Quelle: BCA Research, themarket.ch

Damit sei die Abwertung allerdings noch nicht zu Ende. Budaghyan rechnet damit, dass sich der Renminbi zusätzliche 5 bis 6% abschwächen wird – was wiederum andere Schwellenländer-Währungen und auch die Börsen mit nach unten ziehen dürfte.

Im Gegensatz zum Renminbi bleibt der Dollar fest. Die amerikanische Valuta hat sich gegenüber den Währungen der sechs wichtigsten US-Handelspartner seit 2018 von rund 88 auf aktuell über 98 verteuert (vgl. Grafik unten). Die Stärke ist Ausdruck des enttäuschenden globalen Wachstums – nicht einmal die Kehrtwende der US-Notenbank vermochte den Greenback nachhaltig nach unten zu drücken.

Die starke US-Valuta belastet das Wachstum der Emerging Markets doppelt: Ihre in Dollar aufgenommenen Schulden verteuern sich und ihre Kaufkraft nimmt ab, weil Importe kostspieliger werden.

Chinas Schwäche wird zum Problem

Gemäss BCA Research ist der sino-amerikanische Handelsstreit an Chinas Wachstumsverlangsamung mitschuldig, nicht aber der Hauptgrund. Das zeige ein Vergleich zwischen Chinas Importen und den Exporten: Die Ausfuhren hätten angesichts der Zollschranken stärker fallen müssen als die Einfuhren. Das Gegenteil ist jedoch eingetreten.

Der schwächere Renminbi wird laut BCA Research die Importschwäche noch verstärken, da ausländische Güter, die oft in Dollar gehandelt werden, für die Chinesen nun teurer werden.

Gemäss Daten der britischen Grossbank HSBC ist China mittlerweile für 16,5% aller Schwellenländer-Exporte verantwortlich. Vor zehn Jahren lag der Anteil noch bei 10,7%. Damit besteht eine beträchtliche Gefahr, dass Chinas Probleme auf andere Länder abfärben.

Bestes Beispiel ist Südkorea, dessen Exporte sei acht Monaten in Folge zurückgehen, wie Albert Edwards von Société Générale bemerkt. Das Land ist nicht nur ein Opfer des sino-amerikanischen Konflikts, sondern liegt auch mit Japan in Handelsfragen im Clinch.

Der Won, Koreas Währung, hat sich in diesem Jahr bereits deutlich abgewertet – und China reagiert wohl auch auf diese Entwicklung.

«China wird weiter auf die Won-Schwäche reagieren, indem es den Renminbi im Gleichschritt abwerten lässt», meint Albert Edwards. Damit wird China so schnell keinen positiven Wachstumsbeitrag zur Weltwirtschaft leisten.

Die fallenden Rohstoffnotierungen seien ein weiteres Signal für die globale Nachfrageschwäche, meint Arthur Budaghyan. Auch das Zurückbleiben von zyklischen Aktien, deren Erfolg massgeblich vom Gang der Weltwirtschaft abhängt, deuten auf einen breiten Abschwung hin. 

Unverändert hohe Erwartungen

Dennoch sind Investoren ziemlich zuversichtlich. Gemäss Bhanu Baweja von UBS rechnet der Analystenkonsens für die im Schwellenländerindex von MSCI enthaltenen Unternehmen mit einem Gewinnwachstum im «mittleren einstelligen Prozentbereich».

Baweja ist jedoch pessimistischer, denn der UBS EM Cycle Index, der misst, in welcher Konjunkturphase sich die Emerging Markets befinden, leuchtet rot auf: die Wachstumsdynamik ist schwach und verliert zudem weiter an Schwung (vgl. Grafik) – das wird sich negativ auf die Ergebnisse der Unternehmen auswirken.

Bhanu Baweja erwartet deshalb einen mittleren Gewinnrückgang von 3% für Emerging-Markets-Unternehmen. «In den Vermögenspreisen sind die Handelsrisiken praktisch nicht eingepreist», schreibt er.

Arthur Budaghyan von BCA Research teilt diese Einschätzung. Auch er prognostiziert rückläufige Gewinne für Schwellenländer-Unternehmen. In Dollar lässt sich im Vergleich zum Vorjahr bereits ein Rückgang von rund 10% beobachten – und typischerweise folgen die Profite in Lokalwährung kurz darauf (vgl. Grafik).

Quelle: BCA Research

Quelle: BCA Research

Mike Pyle, Chef-Anlagestratege bei BlackRock Investment Institute, warnt ebenfalls vor zu hohen Erwartungen: «Wir haben Schwellenländer-Aktien in Anbetracht der zu optimistischen Markterwartungen auf neutral herabgestuft».

Auf welche Länder setzen?

Vor dem Hintergrund der sich verdichtenden Warnsignale dürfte es für Schwellenländer in den kommenden Monaten schwierig werden. Wer dennoch investieren möchte, sollte zumindest die besonders verwundbaren Länder wie die Türkei oder Südafrika meiden.

«Die grössten Chancen sehen wir in Lateinamerika, wie etwa in Mexiko und Brasilien, wo die Bewertungen attraktiv und die ökonomischen Rahmenbedingungen stabil sind», meint Mike Pyle.

Auch UBS setzt auf Brasilien. Die Börse sei zwar teuer, aber das Gewinnwachstum der Unternehmen robust und die Rentenreform sorge für ein positives Umfeld.

Zudem empfiehlt die Schweizer Bank den russischen Markt. Er nehme bereits eine schleppende Gewinnentwicklung vorweg und biete mit einer geschätzten Dividendenrendite von fast 8% einen komfortablen Sicherheitspuffer. 

BCA Research setzt zusätzlich zu Mexiko und Russland unter anderem auf Ungarn, Polen und die Tschechische Republik - Volkswirtschaften, die weniger stark von China abhängen. Das schützt zwar nicht vollends vor dem Abschwung, sollte aber für ein besseres Abschneiden sorgen.