Im Fokus

Zykliker dominieren Qualitätsauswahl

The Market macht sich monatlich auf die Suche nach vernünftig bewerteten Qualitätsunternehmen. In der Schweiz fällt ein Titel aus der Liste, in Europa feiern die britischen Hausbauer ein Comeback.

Gregor Mast
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Zyklische Werte sind derzeit gefragt. Seit einigen Monaten schneiden Finanz- und Industrievaloren gut ab. Das war nicht immer so. Noch bis Frühherbst waren defensive Qualitätstitel wie Nestlé in Mode, die von vielen Anlegern als Anleihenersatz gekauft wurden.

Die hohe Bewertung vieler dieser Namen hat The Market veranlasst, sich an den Börsen der Schweiz, Europas und der USA monatlich auf die Suche nach günstig bewerteten Qualitätsaktien zu machen.

Was Qualität genau ist, ist nicht einheitlich definiert. The Market versteht darunter Aktien von Unternehmen, die eine höhere Kapitalrendite erzielen, die Schulden besser tragen können und günstiger bewertet sind als ihr Vergleichsindex.

Was Qualität ausmacht

Als Kriterien werden die Rendite auf das eingesetzte Kapital (ROIC), das Verhältnis aus Nettoschulden zum Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) sowie der Unternehmenswert (Enterprise Value, EV) in Relation zum Ebit verwendet.

In jeder Region wird je nach Aussagekraft ein viertes Kriterium eingesetzt. In der Schweiz ist es das Wachstum des Buchwerts je Aktie über fünf Jahre, in den USA die totale Ausschüttungsrendite – Dividenden und Nettoaktienrückkäufe im Verhältnis zum Unternehmenswert – und in Europa das Momentum der Gewinnprognosen.

Obwohl in den drei Auswahlen viele Namen aus den derzeit gefragten zyklischen Industrien vertreten sind, konnten seit der letzten Erhebung einzig die zwanzig US-Werte mit der höchsten Ausschüttungsrendite ihren Vergleichsindex schlagen (vgl. Grafik). Enttäuschend schnitten die nach EV-Ebit-Verhältnis günstigsten Valoren ab, die sowohl in den USA als auch in Europa dem Vergleichsindex weit hinterherhinken.

EV-Ebit-Verhältnis funktionierte nicht, die Ausschüttungsrendite hingegen schon

Kursentwicklung seit 29.11. in %

So viel zum Rückblick. Wer aber qualifiziert sich in diesem Monat? In der Schweiz kommt es zu nur einer Veränderung: Perrot Duval ist nicht mehr dabei. Das Verhältnis aus Nettoverschuldung zu Ebitda ist auf 1,2 gestiegen und liegt damit über dem Median aller 215 im SPI vertretenen Aktien von 1,1.

Der einzige nicht zyklische Wert bleibt damit Roche. Das Unternehmen geht mit Immuntherapien in der Krebsbehandlung neue Wege und spielt in diesem Bereich zusammen mit Merck und Bristol-Myers Squibb in der ersten Liga. Diese Therapien befähigen das Immunsystem des Patienten, Krebszellen zu identifizieren und anzugreifen.

Ebenfalls wenig Bewegung gab es in der amerikanischen Auswahl, wo sich 76 Namen qualifizieren. In der nach dem EV-Ebit-Verhältnis sortierten Liste dominieren weiterhin Industrie-, Finanz- und Energiewerte. Der bei Anlegern beliebte Technologiebereich ist einzig mit dem Computer- und Druckerhersteller HP vertreten.

Die Papiere des Tech-Dinosauriers haben sich erholt, seit Konkurrent Xerox Anfang November eine Übernahmeofferte vorgelegt hat. Bisher lehnt HP den Vorstoss ab. Das Zusammengehen wird indes vom aktivistischen US-Investor Carl Icahn unterstützt, der an beiden Unternehmen beteiligt ist.

HP taucht auch unter den zwanzig Werten mit der höchsten Ausschüttungsrendite auf, wo der Technologiebereich mit Oracle und Cisco Systems sowie den Speicherspezialisten Seagate Technologies und NetApp prominenter vertreten ist:

Eine spannende Wette dürfte Cisco sein, wie «The Pulse» kürzlich berichtet hat. CEO Chuck Robbins treibt die Transformation des Hardwarekonzerns voran. Bis Mitte 2020 sollen 30% der Einnahmen aus dem lukrativen Softwarebereich stammen. Eine zusehends wichtigere Rolle spielen ferner Angebote im Bereich Sicherheit. Die Neuausrichtung macht sich in festeren Margen bemerkbar. Zudem dürfte das Unternehmen vom Aufbau der Infrastruktur für den neuen Mobilfunkstandard 5G profitieren.

Am meisten Bewegung gab es wie gewohnt in der europäischen Auswahl, weil das Analystenmomentum berücksichtigt wird, das naturgemäss schwankt. Insgesamt qualifizieren sich 53 Namen. Wirklich neu ist allerdings keiner der nach dem EV-Ebit-Verhältnis günstigsten Titel.

Nach längerer Zeit gibt Hella ihr Comeback (vgl. Tabelle). Der Automobilzulieferer, der auf Lichttechnik, Elektronik und Assistenzsysteme spezialisiert ist, war letztmals Ende Juli vertreten.

Wieder dabei sind auch die britischen Hausbauer Barratt Developments und Berkeley Group. Nach dem überzeugenden Wahlsieg von Boris Johnson, der umgehend den Austrittsdeal mit Brüssel nachverhandelte, waren britische Vermögenswerte gefragt. Entsprechend stufen Analysten ihre Gewinnschätzungen für britische Aktien hoch.

Insgesamt bleiben die drei Auswahlen stark zyklisch. Das würde zum Bumerang, wenn sich die Erholung der Weltwirtschaft als Strohfeuer erweist, weil Margen und Kapitalrenditen schrumpfen und sich die günstige Bewertung als Illusion entpuppt. Zieht das Wachstum indes an, steht einem guten Abschneiden wenig im Weg.