Grafik der Woche

Charts im Fokus: Hat der Zinszyklus gedreht?

Die Notenbanken in den Industrieländern machen sich Gedanken übers «Tapering». Derweil haben diverse Schwellenländer-Notenbanken schon damit begonnen, die Leitzinsen zu erhöhen.

Sandro Rosa
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Die US-Notenbank Fed und die Europäische Zentralbank denken laut über ein Tapering nach. Am Donnerstag fassten die europäischen Währungshüter den Beschluss, das Tempo der Anleihenkäufe im Rahmen des Pandemic emergency purchase programme (PEPP) zum Jahresende hin leicht zu drosseln. Seit März erwirbt die EZB Anleihen von öffentlichen Haushalten und Unternehmen im Umfang von monatlich 80 Mrd. €, der Konsens rechnet mit einer Verlangsamung auf rund 70 Mrd. €.

Das Fed stellt ähnlich Gedanken an. Allerdings blieb Fed-Chef Jerome Powell an der letzten Notenbanksitzung vage, wann genau mit dem Tapering begonnen werden soll. Ein Entscheid dürfte am kommenden Fed-Meeting vom 21. und 22. September auf der Agenda stehen, wenn die Arbeitsmarktdaten für den August vorliegen und der Effekt der Delta-Pandemiewelle auf die Konjunktur abgeschätzt werden kann.

Die peruanische Notenbank erhöht den Leitzins

Während die beiden wichtigsten Notenbanken sich mit dem Tapering auseinandersetzen, sind viele Schwellenländer-Notenbanken bereits einen Schritt weiter und haben damit begonnen, die Leitzinsen anzuheben.

Gestern Donnerstag hat z.B. der Banco Central de Reserva del Perú (BCRP) den Leitzins von 0,5 auf 1% angehoben. Das war bereits der zweite Schritt in diesem Jahr. Zwar geben die Währungshüter Entwarnung, die jüngste Entscheidung bedeutete nicht unbedingt einen neuen Zinserhöhungszyklus.

Angesichts des Inflationsdrucks könnte es dennoch der Fall sein, dass weitere Massnahmen folgen: «Der Ausschuss achtet besonders auf neue Informationen über die Inflationserwartungen und die Entwicklung der Wirtschaftstätigkeit», schreibt die BCRP in der Pressemitteilung.

Brasilien hat bereits viermal erhöht

Bereits viermal gestrafft in diesem Jahr hat der Banco Central do Brasil. Begonnen hat die Zentralbank im März, als sie den Leitzins Selic überraschend aggressiv um 75 Basispunkte (Bp) auf 2,75% anhob. Das war die erste Straffung seit sechs Jahren und die kräftigste Erhöhung seit Juni 2010. Seither folgten drei weitere Schritte auf aktuell 5,25%, wobei sich die letzte Erhöhung auf einen ganzen Prozentpunkt belief.

Die restriktive Haltung der Zentralbank ist darauf zurückzuführen, dass die Inflation im August auf über 9% und damit auf den höchsten Stand seit fünf Jahren geklettert ist.

Neuer Zinserhöhungszyklus in Russland

Auch die Russische Zentralbank hat bereits einen neuen Zinserhöhungszyklus eingeläutet. Heute erhöhte sie den Leitzins um 25 Bp auf 6,75% – das war bereits die fünfte Anhebung in diesem Jahr. Insgesamt haben die Währungshüter in Moskau die Zinsen in diesem Jahr um 250 Bp angehoben.

Gouverneurin Elvira Nabiullina erklärte, der Inflationsdruck sei nach wie vor beträchtlich, da die Nachfrage schneller zunehme als die Produktionskapazitäten ausgeweitet werden könnten. In diesem Umfeld bestehe das Risiko, dass die Inflation nach oben überschiesse, nicht zuletzt angesichts der bereits hohen Inflationserwartung in der Bevölkerung. Im August ist die Jahresteuerung auf 6,7% geklettert, die Kernrate erreichte 7,1%.

Die Türkei leidet unter strukturellem Inflationsdruck

Im März hatte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan den Notenbankgouverneur entlassen, weil dieser die Leitzinsen um zwei Prozentpunkte auf 19% erhöht hatte, um den hartnäckigen Inflationsdruck zu bekämpfen. Seither ist die Teuerung von rund 16 auf 19,25% und damit auf den höchsten Stand seit April 2019 gestiegen. Der neue Notenbankchef, Sahap Kavcioglu, hat die Leitzinsen entgegen den Erwartungen vieler Marktbeobachter bislang nicht gesenkt.

Sein Spielraum ist auch begrenzt: «Die hohen Inflationserwartungen in der Türkei sind strukturell bedingt und tief verwurzelt», schreibt Andrija Vesic vom Analysehaus BCA Research. «Daher bedarf es einer dauerhaften und strengen geldpolitischen Straffung und einer grossen wirtschaftlichen Rezession, um eine spürbare Desinflation zu erreichen». Davon will Erdogan jedoch nichts wissen. Im Gegenteil: Er macht Druck auf die Notenbank, die Zinsen wieder zu senken. Das wäre Gift für die türkische Lira.

Die Bank of Korea sorgt sich um Finanzstabilität

Als erste grosse asiatische Volkswirtschaft erhöhte Südkorea am 26. August die Leitzinsen um 25 Bp auf 0,75%. Das war die erste Straffung der Bank of Korea seit fast drei Jahren. Weitere Zinserhöhungen dürften folgen, da die Zentralbank in den sich aufbauenden Finanzrisiken eine grössere Bedrohung für die Wirtschaft sieht als im jüngsten Virusausbruch.

Die Notenbank erwartet für dieses Jahr unverändert ein Wachstum von 4% und prognostiziert – dank vermehrter Impfungen – eine weitere Erholung des Konsums, während die Exporte und Investitionen robust blieben. Allerdings erhöhten die Währungshüter ihre Inflationsprognose auf 2,1% (was über dem Ziel liegt) und wiesen auf die sich beschleunigende Verschuldung der Privathaushalte hin.

Zinserhöhungen um den Globus

Die Liste der Länder, die in diesem Jahr die Leitzinsen erhöht haben, wird also immer länger. Zu den oben erwähnten Nationen kommen mindestens weitere 21 hinzu, darunter Mexiko, Chile, die Ukraine, Tschechien und Island.

Frappant ist die Diskrepanz zwischen Schwellen- und Industrieländern, wie eine Grafik von Callum Thomas vom Researchanbieter Topdown Charts zeigt. Während sich bereits knapp über die Hälfte der Schwellenländer-Notenbanken («EM») im Straffungsmodus befindet, halten sich die Industrieländer («DM») vornehm zurück. Wie lange noch?