Grafik der Woche

Charts im Fokus: Kommt es zum Gewinnschub?

Die Börsen befinden sich im Höhenrausch, die Anleger erwarten ein kräftiges Wachstum der Unternehmensgewinne. Ist der Optimismus gerechtfertigt?

Sandro Rosa
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Die Aktienmärkte eilen von Rekordhoch zu Rekordhoch. Allein seit Jahresbeginn ist der MSCI World um 9,4% vorgeprescht.

Wie lange kann das noch gutgehen?, fragt sich mancher Anleger. Um die Börsen bei guter Laune zu halten, müssen die Unternehmen ihre Gewinne in den kommenden Monaten kräftig steigern. Wird ihnen das gelingen, angesichts steigender Inputkosten?

Aktienstratege Mislav Matejka von der US-Investmentbank JPMorgan ist zuversichtlich, dass sie das schaffen werden. Die Gewinne seien entscheidend getrieben von der konjunkturellen Dynamik – und diese sei heuer eindrücklich. Die Weltwirtschaft werde von einer Wachstumsrate von –3,3% auf +6% beschleunigen, was die Unternehmensprofite nach oben schiessen lassen werde.

Frühindikatoren lassen auf höhere Gewinne schliessen

Ins gleiche Horn stösst Ned Davis, Gründer des gleichnamigen Research-Hauses: «Der jüngste Anstieg des Einkaufsmanagerindex bedeutet, dass die Gewinne in der ersten Hälfte dieses Jahres in die Höhe schnellen sollten», schreibt er in einem aktuellen Marktkommentar zur US-Börse.

Quelle: Ned Davis Research

Einen engen Zusammenhang zwischen konjunkturellen Frühindikatoren und Unternehmensgewinnen lässt sich auch in Europa beobachten. Ein Gewinnwachstum von 30% für die Unternehmen auf dem Alten Kontinent sei in Anbetracht der robusten Einkaufsmanagerindizes deshalb nicht unrealistisch, meint Matejka.

Besteht indes nicht die Gefahr, dass steigende Inputkosten – die Rohstoffpreise zeigen seit einigen Monaten steil nach oben – die Margen erodieren lassen werden?

Ein Blick zurück gibt Entwarnung, denn die Produzentenpreise und die Gewinnmargen der Unternehmen bewegen sich in der Regel nahezu im Gleichschritt: steigende Inputkosten und höhere Margen gehen Hand in Hand, fallende Inputkosten und geringere Margen ebenso.

Während einzelne Unternehmen durchaus damit zu kämpfen haben dürften, höhere Kosten an ihre Kunden weiterzugeben, gilt das auf Indexebene offenbar nicht.

Ein weiteres Indiz, dass die Gewinne nicht in Gefahr sind, liefert die National Federation of Independent Business in den USA. Ihr zufolge planen mehr Unternehmen in den USA, ihre Preise zu erhöhen, als höhere Löhne zu bezahlen. Auch das dürfte der Profitabilität dienlich sein.

Hohes Gewinnwachstum antizipiert

Vor diesem Hintergrund erscheint das von den Analysten für dieses Jahr prognostizierte Gewinnwachstum weniger abenteuerlich. So erwarten die Profis für die im MSCI World enthaltenen Unternehmen um nahezu 30% höhere Profite. Aufgrund ihrer in der Tendenz zyklischeren Ausrichtung sollten europäische Unternehmen ihre Gewinne noch kräftiger ausweiten können. An der Spitze sehen die Analysten Firmen aus dem Vereinigten Königreich: ihnen trauen sie eine Gewinnexpansion von stolzen 56% zu.

Wie die Vergangenheit lehrt, wurden in früheren Erholungsphasen ähnliche Raten erzielt. 2003 und 2010, als sich Wirtschaft und Börse von der Technologieblase respektive von der Finanzkrise erholten, legten die Gewinne ebenfalls deutlich zu.

Bekanntermassen sind die Analysten oft zu optimistisch, was die Gewinnentwicklung betrifft. Die hohen Erwartungen zum Jahresanfang werden im Verlauf des Jahres mit schöner Regelmässigkeit nach unten revidiert. Das scheint in Erholungsphasen allerdings nicht zu gelten. Sowohl 2003 und 2010 war der Konsens viel zu vorsichtig. Für die Eurozone erwartete er 2003 einen Zuwachs von 35% (für die USA: 14%), realisiert wurde ein Plus von 54,5% (USA: 23%). 2010 lag die Erwartung bei 27% (USA: 26%), tatsächlich waren es dann 39,5% (USA: 48%).

Einen ersten Hinweis darauf, ob die Analysten auch in dieser Erholung zu vorsichtig sind, werden die kommenden drei Wochen liefern, wenn die Berichtssaison richtig in Fahrt kommt. Sowohl in den USA als auch in Europa ist die Woche vom 26. April die geschäftigste.

Wolken ziehen auf

Für das aktuelle Jahr ist das Umfeld ideal, doch die längerfristigen Aussichten für die Profitabilität amerikanischer Unternehmen verschlechtern sich. Um einen Teil der gewaltigen Fiskalprogramme zu finanzieren, schlägt US-Präsident Joe Biden nämlich höhere Unternehmenssteuern vor, die über die kommenden 15 Jahre Einnahmen von rund 2 Bio. $ generieren sollen.

Gemäss Schätzungen von Goldman Sachs würde die Umsetzung der Steuererhöhungen die Gewinne der S&P-500-Firmen im nächsten Jahr um rund 9% reduzieren. Gesellschaften in anderen Ländern müssen sich möglicherweise ebenfalls auf höhere Steuern einstellen, denn die USA haben kürzlich die Idee einer globalen Mindeststeuer für Unternehmen ins Spiel gebracht.

Quelle: Goldman Sachs

Auch Peter Berezin von BCA Capital glaubt, dass in den kommenden Jahren ein Trend zu höheren Steuern stattfinden wird. So seien die effektiven Steuern in den USA nach wie vor niedrig, die Steuersenkungen von Donald Trump hätten nicht zum erhofften Investitionsboom gesorgt, und dereinst steigende Zinsen würden gegen eine weitere signifikante Verschuldung sprechen. Schliesslich hätten sich die politischen Kräfte zugunsten derer verschoben, die sich für höhere Steuern aussprechen, schreibt Berezin.

Kommt es tatsächlich zu einer Umkehr bei den Unternehmenssteuern in den USA, sind gemäss Peter Berezin vor allem die Technologieunternehmen anfällig. Sie zahlen aktuell effektiv die niedrigsten Steuern und seien besonders einfallsreich, wenn es um das Verschieben von Gewinnen in Steueroasen gehe. Generell zahlen Unternehmen aus «Growth»-Sektoren momentan geringere Steuersätze als ihre Pendants in den «Value»-Segmenten. Darum werden sie überproportional leiden, sollten die Steuern tatsächlich steigen, glaubt Berezin.