Grafik der Woche

Charts im Fokus: Neue Leader

Dank der Reflation dreht der Wind an den Börsen. Die Zinsen steigen, und die Nachzügler übernehmen die Führung.

Sandro Rosa
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Veränderungen liegen in der Luft. Die alten Spitzenreiter an den Börsen werden abgelöst, eine neue Garde übernimmt. Während Jahren gehörten grosse Technologiekonzerne wie Apple, Facebook und Microsoft zu den Favoriten der Anleger. Spätestens als Covid-19 unser Leben auf den Kopf stellte und die Arbeit von Zuhause salonfähig machte, war allen klar, dass an den IT-Unternehmen kein Weg vorbeiführte.

Gleichzeitig war sich der Markt sicher, dass die Mobilität drastisch zurückgehen und Ölfirmen keine Zukunft haben werden. «Ich bin fertig mit fossilen Brennstoffen. Sie sind erledigt», proklamierte der bekannte US-Marktschreier und ehemalige Hedge-Fund-Manager Jim Cramer vor etwas mehr als einem Jahr im TV-Sender CNBC. Für die Ölgesellschaften läute die Todesglocke, meinte er.

Doch Totgesagte leben bekanntlich länger. Seit einigen Monaten zeigen die Aktien von Energiekonzernen wie Chevron und Exxon Lebenszeichen. Allein seit Jahresbeginn hat der globale Energiesektor, gemessen am MSCI World Energy Index, den MSCI World Information Technology Index um 30% hinter sich gelassen. Seit Oktober beträgt die Mehrrendite gar 50%.

In der langen Frist nimmt sich das Aufbäumen bescheiden aus, die Underperformance seit 2016 beträgt immer noch 50%. Entsprechend gross scheint das Aufholpotenzial – auch dann, wenn der Sektor nicht zu alter Stärke zurückfinden sollte. Wer weiss, ob Jim Cramer schon bald wieder auf Ölaktien setzt?

Noch eindrücklicher ist die Verschiebung der Kräfteverhältnisse von ESG (das Akronym steht für Environmental, Social und Governance), also vereinfacht gesagt von nachhaltigen und umweltfreundlichen Anlagen, zum Ölsektor. Während Jahren liefen ESG-Investments den Energievaloren den Rang ab: Von Anfang 2016 bis Ende 2020 erzielten erstere eine Mehrrendite von rund 165%. Doch seit dem Herbst dreht der Wind. In nur gerade etwas mehr als vier Monaten ist ein beträchtlicher Teil der Outperformance wieder verpufft.

Generell hat ein Umschichten von den hochfliegenden Technologie- und Konsumaktien in die Nachzügler, die überdurchschnittlich viele Rohstoff-, Energie- und Finanzwerte umfassen, stattgefunden. Diese Substanzwertaktien (Value) holen seit einigen Wochen gegenüber Wachstumstiteln auf.

Ein wichtiger Faktor dahinter sind die zuletzt kräftig gestiegenen Zinsen. Angesichts der weltweit besseren Wachstumsaussichten stossen immer mehr Marktteilnehmer ihre Bonds ab – was die Zinsen steigen lässt. Bei Growth- fällt im Vergleich zu Value-Aktien ein grösserer Anteil des Cashflows – und damit des Unternehmenswerts – in ferner Zukunft an. Ihr heutiger Wert nimmt bei steigenden Zinsen deshalb stärker ab, als das bei Substanztiteln der Fall ist. Deshalb schneiden letztere nun besser ab. Diese Entwicklung setzt auch den Momentumaktien zu: sie sind gegenüber dem Weltaktienindex jüngst abrupt zurückgefallen.

Die Reflation macht sich auch bei den Rohstoffen bemerkbar. Angesicht der konjunkturellen Aufhellung nimmt die Nachfrage nach Industriemetallen wie Aluminium, Eisen und Kupfer stark zu. Im Gegenzug büssen Edelmetalle an Popularität ein. Ihre Stunde schlägt meist dann, wenn die Anleger nervös sind und sich in sichere Anlagen flüchten. Das ist aktuell nachweislich nicht der Fall. Seit August hat der Index der Industriemetalle denjenigen der Edelmetalle um 50% übertroffen.