Grafik der Woche

Charts im Fokus: Inflation

Lieferengpässe, steigende Rohstoffnotierungen und die zurückkehrende Konsumnachfrage lassen die Preise steigen. Ob vorübergehend oder strukturell, wird sich weisen. The Market präsentiert die wichtigsten Grafiken zum Thema.

Sandro Rosa
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Kommt sie, kommt sie nicht? Die Diskussion um einen Anstieg der Inflation wird wieder intensiver geführt. «Wir sehen eine sehr beträchtliche Inflation», sagte der legendäre Investor Warren Buffett am Samstag bei der jährlichen Aktionärsversammlung von Berkshire Hathaway. «Wir erhöhen die Preise. Die Leute erhöhen die Preise für uns und das wird akzeptiert.»

Auch Sam Zell, der Investor und Mitgründer von Equity Group Investments, ist besorgt über steigende Preise. «Man liest über den Holzpreis, aber wir sehen es in unserem gesamten Geschäft. Offensichtliche Engpässe in der Lieferkette treiben die Preise in die Höhe. Das erinnert uns sehr an die 1970er Jahre», sagte er kürzlich gegenüber Bloomberg TV.

Haussierende Rohstoffnotierungen

Und in der Tat schiessen die Rohstoffpreise nach oben. Der Bloomberg Commodity Index notiert auf dem höchsten Stand seit nahezu einer Dekade. Von seinem zyklischen Tiefst 2020 hat er 75% zugelegt.

Seit Jahresbeginn beträgt der Anstieg des Index 20%, wobei einzelne Komponenten deutlich kräftiger zugelegt haben. Kupfer und Rohöl sind rund ein Drittel teurer geworden, Stahl 50% und US-Bauholz fast 90%. Dieser Preisanstieg ist nicht zuletzt auf die Lockdown-Massnahmen der vergangenen Monate zurückzuführen, die zu Produktions- und Lieferengpässen geführt haben. Kein Wunder, nehmen die Sorgen um höhere Preise zu.

Unternehmen müssen höhere Inputpreise bezahlen

Die Aussagen von Warren Buffet und Sam Zell spiegeln sich in den Umfragen des Institute for Supply Management. Sowohl Industrie- als auch Dienstleistungsunternehmen berichten, dass sie für Waren und Dienstleistungen höhere Preise bezahlen müssen. Die entsprechenden Indizes – Werte über 50 signalisieren anziehende Preise – sind auf Mehrjahreshöchst geklettert.

Die Analysten von Macro Markets weisen darauf hin, dass die ISM-Indizes der bezahlten Preise historisch gesehen auf einen Anstieg der Konsumentenpreise um 5% schliessen lässt. Die ISM-Indizes laufen der Inflation um rund drei Monate vor, was auf einen Preisschub im Sommer hindeutet.

Quellen: Bloomberg, Macro Markets, themarket.ch

Die Preisbewegung spiegelt sich auch in den von der US-Grossbank Citigroup ermittelten Inflation Surprise Indices. Sie zeigen auf, wie kräftig die Inflationszahlen die Erwartungen über- oder unterschiessen.

Überraschung: die Inflation übertrifft die Prognosen

Nachdem in den vergangenen Jahren die Teuerungsraten hinter den Prognosen zurückgeblieben waren, lässt sich heuer ein deutliches Überschiessen beobachten. In den USA und für die Schwellenländer liegt der Überraschungsindex so hoch wie letztmals im Herbst 2008.

Noch sind die Bewegungen nicht dramatisch, wie ein Blick auf die (Headline) Konsumentenpreisentwicklung der vergangenen Jahre zeigt. Sie zeigt zwar klar nach oben, bewegt sich aber in den USA, der Eurozone und auch in der Schweiz (noch) nicht auf einem alarmierenden Niveau.

Wie steht es um die Erwartung künftiger Inflation? Die Erwartung steigender Preise kann durchaus zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden. «Die Erfahrung steigender Inflation bei gleichzeitig hoher Arbeitslosigkeit von den späten Sechziger- bis zu den späten Siebzigerjahren machte deutlich, dass die Preise auch massgeblich von Inflationserwartungen und Schocks auf der Angebotsseite der Wirtschaft bestimmt werden», meint Stratege Jonathan LaBerge vom Analysehaus BCA Research.

Inflationserwartungen zeigen nach oben

Die Inflationserwartungen lassen sich aus Umfragen oder Marktdaten eruieren. Zu letzterem gehören die so genannten «Breakeven Rates», also der Renditeunterschied zwischen nominalen und inflationsgeschützten Staatsanleihen. Er zeigt die vom Markt erwartete, durchschnittliche Inflationsrate über einen bestimmten Zeitraum von beispielsweise zwei, fünf oder zehn Jahren.

Sowohl in Deutschland als auch in den USA zeigt die Breakeven Rate für die kommenden zehn Jahre steil nach oben. In den USA notiert sie aktuell knapp unter 2,5% und somit auf dem höchsten Stand seit 2013, in Deutschland liegt sie bei rund 1,35%.

Eine zweite Methode liest die erwartete Inflation aus den Forward-Zinskurven ab. Die «5-year/5-year forward»-Inflation zeigt die erwartete Teuerung über den fünfjährigen Zeitraum, der in fünf Jahren beginnt, also für den Zeitraum von 2026 bis 2031. Auch diese Inflationserwartung ist auf beiden Seiten des Atlantiks markant gestiegen.

Gegenläufige Kräfte

Ist also ein struktureller Inflationsschub programmiert? So einfach ist es nicht. Denn ein Anstieg der Inflation in den kommenden Monaten ist allein aufgrund der niedrigen Vergleichsbasis aus dem vergangenen Jahr (Basiseffekt) unvermeidlich.

Da sich die Wirtschaft zudem schnell erholt – Credit-Suisse-Stratege Andrew Garthwaite rechnet mit einem Wachstum von fast 8% für die US-Wirtschaft in diesem Jahr –, werden die Unternehmen wieder eine gewisse Preissetzungsmacht zurückgewinnen. Diese Effekte sollten sich aber schon bald wieder normalisieren, weshalb viele Notenbankvertreter und Ökonomen der Ansicht sind, der Teuerungsanstieg sei bloss vorübergehender Natur.

Der Markt scheint diese Ansicht (noch) zu teilen, wie sich aus der Differenz zwischen den zehn- und den zweijährigen Breakeven Rates in den USA ablesen lässt. Sie ist nämlich negativ. Mit anderen Worten: Die Marktteilnehmer rechnen demnach auf kurze Frist von zwei Jahren mit einer höheren Inflation als auf lange Frist von zehn Jahren.

Arbeitsmarkt mit Potenzial

Ein wichtiges Argument gegen eine nachhaltig hohe Inflation, das auch Fed-Chef Jerome Powell immer wieder vorbringt, ist die hohe Arbeitslosigkeit. So sind gemäss Zahlen des Bureau of Labor Statistics in den USA 3,5 Mio. Menschen seit 27 Wochen oder länger ohne Arbeit (Langzeitarbeitslose). Das sind 2,2 Mio. mehr als noch im Februar 2020. Erst, wenn der Arbeitsmarkt eng wird, seien nachhaltig höhere Preise möglich.

Schliesslich war während der Pandemie eine markante Zunahme an Investitionen in IT-Ausrüstungen zu verzeichnen, wie Marktstratege Chen Zhao in einem Researchbericht bemerkt. Denn die Unternehmen haben Anstrengungen unternommen, um Kosten zu senken und neues Wachstumspotenzial zu erschliessen.

Wie Daten des amerikanischen Bureau of Economic Analysis zeigen, sind die Ausgaben für IT-Systeme im Vergleich zum Vorjahr von 475 Mrd. auf über 620 Mrd. $ geschnellt. Das ist ein Zuwachs von eindrücklichen 30%. «Diese Innovationen und Investitionen sind effizienzsteigernd und werden daher auf längere Sicht deflationär sein», meint Zhao.

Wer nun Recht hat in der Debatte, wird sich weisen. Erst im Rückblick werden wir sehen, ob die im Frühjahr 2021 beobachteten inflationären Tendenzen struktureller oder bloss vorübergehender Natur waren. Investoren tun auf jeden Fall gut daran, die Inflationstendenzen im Auge zu behalten.

Steigen die Inflationserwartungen weiter rasant an, dürfte das Fed bald gezwungen sein, die Geldpolitik zu straffen. Dass die Märkte das nicht goutieren werden, ist so gut wie sicher.