Grafik der Woche

Emerging Markets: ein klarer Fall für Contrarian-Investoren

Aktien aus Schwellenländern hinken erneut hinterher. Im Vergleich zu US-Aktien nähert sich ihre Performance derzeit sogar dem Tiefpunkt der letzten zwanzig Jahre. Das könnte Chancen eröffnen.

Christoph Gisiger
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Aktien aus Emerging Marktes sind momentan etwa so beliebt wie eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt. Der MSCI EM Index, der gut 1400 Einzeltitel aus Schwellenländern umfasst, startete anfänglich zwar gut ins Jahr. Seit Mitte Februar zeigt der Trend jedoch nach unten, womit für 2021 bislang ein mickriges Plus von weniger als 1% resultiert.

Unter den grösseren Schwellenmärkten tun sich vor allem Brasilien und China schwer, wobei die asiatischen Börsen generell unter Druck stehen.

Im Gegensatz dazu geht es mit Aktien aus Industrieländern seit Anfang März mehr oder weniger stetig aufwärts. Der MSCI World Index, in dem rund 1600 Werte aus wirtschaftlich weiter entwickelten Regionen wie Nordamerika, Europa, Japan und Australien enthalten sind, notiert seit Anfang Jahr über 15% fester. Besonders beliebt sind einmal mehr die Börsen aus den USA, wo der S&P 500 eine Avance von gut 18% verzeichnet.

Dieses Muster ist allzu gut bekannt. Galten Schwellenländer in den Nullerjahren bis kurz nach der Finanzkrise noch als «the place to be», kehrte der Trend im Spätherbst 2010. Seither hat der Boom in grossen Tech-Werten wie Amazon, Google, Apple oder Microsoft den amerikanischen Aktienmärkten kräftig Auftrieb verliehen. In den letzten Jahren hat sich diese Entwicklung akzentuiert.

Diesen Sachverhalt illustriert die untenstehende Grafik. Betrachtet man die relative Performance des MSCI EM Index zum S&P 500, nähern sich Aktien aus den Emerging Marktes derzeit den beiden Tiefpunkten vor gut zwanzig Jahren:

Schwellenländer vs. US-Aktien

MSCI Emerging Markets Index vs. S&P 500
Tief vom Januar 1999

Dreht der Trend mit Blick auf die Zwanzigerjahre erneut? Wer weiss das schon. Auf kurze Sicht sind die Perspektiven für Anlagen in Schwellenländern weiterhin eingetrübt. Belastungsfaktoren sind der festere Dollar sowie der Umstand, dass viele aufstrebende Volkswirtschaften wegen der geringeren Impfraten stärker unter der Pandemie leiden. Eine besondere Belastung ist zudem das harsche Vorgehen der chinesischen Regierung gegen die heimischen Techkonzerne, da Chinas Aktienmarkt mit rund 35% das mit Abstand grösste Gewicht im MSCI EM Index darstellt.

Ebenso straffen in den Schwellenländern immer mehr Zentralbanken die Geldpolitik. Vor wenigen Wochen hat der Internationale Währungsfonds den Konjunkturausblick für die Emerging Markets denn auch gesenkt, wogegen er die Wachstumsprognosen für die Industrieländer angehoben hat.

Klar ist aber: Aus einer Contrarian-Perspektive eröffnet sich für langfristig denkende Investoren gegenwärtig eine attraktive Situation für Engagements in Schwellenländern.

Gemäss Michael Hartnett, dem Chefstrategen von Bank of America, werden entscheidende Tiefpunkte in der Kursentwicklung von Schwellenländern normalerweise zwar durch bereinigende Marktereignisse wie die Asienkrise und den Kollaps des Hedge Funds LTCM im Herbst 1998, die Terroranschläge vom September 2001 oder die Finanzkrise von 2008 ausgelöst. «Emerging Markets sind gegenwärtig jedoch eindeutig der Bereich, wo auf lange Sicht Wert steckt», denkt Hartnett.