Grafik der Woche

Konjunktur und Märkte in dreissig Grafiken

The Market präsentiert wöchentlich eine grafische Übersicht über die Entwicklung der Konjunktur und der wichtigsten Anlageklassen.

Sandro Rosa
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Eine Grafik sagt oft mehr als tausend Worte. The Market präsentiert deshalb wöchentlich eine Sammlung von jeweils zwanzig bis dreissig Grafiken, die unseren Leserinnen und Lesern helfen sollen, die wichtigsten Entwicklungen an den Finanzmärkten im Auge zu behalten.

Sie decken die folgenden Themen ab:

  1. Konjunktur und Zinsen
  2. Aktien
  3. Währungen
  4. Rohstoffe 
  5. Anlegerstimmung

Die Charts werden in der Regel jeweils am Freitag aktualisiert.

Konjunktur und Zinsen

Mitte April hat der Internationale Währungsfonds (IMF) seine Prognose für das Wachstum der Weltwirtschaft deutlich nach unten revidiert. Für 2020 erwartet er einen Rückgang der realen Wirtschaftsleistung von 3%. Das wäre die heftigste Rezession seit der Grossen Depression in den Dreissigerjahren. Die Europäische Kommission prognostiziert, dass die europäische Wirtschaft in diesem Jahr gar 7,4% schrumpfen wird.

Auch bei den konjunkturellen Frühindikatoren lässt sich ein markante Eintrübung erkennen, wie der Weekly Economic Index der Federal Reserve Bank of New York zeigt. Der Index wurde entwickelt, um die reale Wirtschaftsaktivität in wöchentlicher Frequenz zu messen. Denn die meisten Konjunkturdaten (wie etwa die Arbeitslosigkeit oder das BIP) sind nachlaufende Indikatoren und somit erst mit einer grossen zeitlichen Verzögerung verfügbar.

Das ist gerade im aktuellen Umfeld, in dem sich die Lage so rasch (zum Schlechteren) verändert, ein Manko. Um ein möglichst aktuelles Bild von der wirtschaftlichen Situation zu erlangen, haben Ökonomen vom New Yorker Fed diverse Daten von Industrieverbänden aggregiert, die auf wöchentlicher Basis verfügbar sind. Dazu gehören etwa der Elektrizitätsverbrauch oder die Detailhandelsumsätze. Daraus konstruieren sie ihren Weekly Economic Index. Und dieser zeigt gegenwärtig senkrecht nach unten.

Auch der globale Industrie-Einkaufsmanagerindex, einer der wichtigsten konjunkturellen Frühindikatoren, befindet sich im Sinkflug. Im April ist er unter 40 und damit auf den niedrigsten Wert seit der Finanzkrise gefallen. Werte über 50 signalisieren eine expandierende Wirtschaft, darunter ist eine Kontraktion zu erwarten.

Angesichts dieser Ausgangslage erstaunt es nicht, dass Notenbanken weltweit beispiellose geldpolitische Stimulusmassnahmen beschlossen haben. So hat etwa die US-Notenbank (Fed) ihre Bilanz innerhalb von wenigen Wochen von rund 4 auf 6,9 Bio. $ ausgeweitet.

Die anderen wichtigen Notenbanken waren bisher etwas zurückhaltender, stellen jedoch auch fleissig Liquidität bereit. Per Anfang Mai erreichte die kumulierte Notenbankbilanz von Bank of Japan, Europäische Zentralbank und Fed umgerechnet rund 18,6 Bio. $.

Die Regierung sind ebenfalls auf den Plan getreten. Mit wenigen Ausnahmen (darunter bemerkenswerterweise China) hat das Gros der Staaten in den vergangenen Wochen die grösseren Rettungspakete geschnürt als während der Finanzkrise 2008/2009. Gemäss einer Zusammenstellung der US-Grossbank JPMorgan haben Australien und Japan Stimulusmassnahmen von 10% und mehr ihrer jährlichen Wirtschaftsleistung beschlossen. Die USA (8,3%) und Deutschland (rund 7%) halten ebenfalls nicht zurück.

Die stark reduzierten Wachstumserwartungen schlagen sich in den Zinsen nieder. Auch in den USA sind die Renditen auf zehnjährige Staatsanleihen mittlerweile unter 1% gefallen. In Europa und in Japan sind sie teils negativ.

Gleichzeitig nimmt die Nervosität unter den Bond-Anlegern zu. So haben sich die Renditeunterschiede (Spreads) zwischen den zehnjährigen Staatsanleihen von Frankreich, Italien und Spanien gegenüber denjenigen von Deutschland zuletzt wieder ausgeweitet.

Aktien

Der Covid-19-Schock hat viele Aktienindizes zwischenzeitlich gut einen Drittel ihres Werts einbüssen lassen. Seit Mitte März ist jedoch eine eindrückliche Gegenbewegung zu beobachten. Zuletzt hat der MSCI Welt allerdings etwas an Dynamik eingebüsst.

Dennoch scheint sich unter den Marktteilnehmern die Ansicht durchzusetzen, die Konsequenzen der Pandemie würden nicht ganz so schlimm ausfallen wie anfänglich befürchtet – und dass der Höhepunkt bei den Neuinfektionen erreicht sein dürfte.

Aktien: Performance

Seit dem Tiefst Ende März haben sich die Aktien der Industrieländer (gemessen am MSCI World Index) schneller erholt als die Schwellenländer (MSCI Emerging Market Index).

Der Swiss Market Index und der US-Leitindex S&P 500 wurden ihrem Ruf als defensive Märkte bislang gerecht. Im Vergleich zu zyklischeren Indizes wie etwa dem Euro Stoxx 50 haben sie seit Jahresanfang weniger verloren.

Im internationalen Vergleich haben die amerikanischen Technologiegiganten des Nasdaq 100 die Nase vorn. Als einziger der wichtigen Indizes notiert der Nasdaq höher als zum Jahresbeginn, während der brasilianische Bovespa und der spanische Ibex seither rund 30% verloren haben.

Ein Blick auf die Sektoren verrät, dass seit Beginn des Jahres vor allem die defensiven Segmente wie Technologie, Gesundheit und Telecom relativ stark sind. Branchen, die besonders konjunktursensitiv sind, mussten stärker Federn lassen.

Obschon die meisten Börsenbarometer noch immer unter ihrem Niveau von Januar notieren, haben es einige Vertreter des Swiss Market Index – unter Berücksichtigung der Dividenden – im Vergleich zum Jahresbeginn in die Gewinnzone geschafft. Lonza, Roche und auch Givaudan haben bislang sogar eine Gesamtrendite von je mehr als 10% erzielt. Schlusslicht bleibt Credit Suisse mit einem Verlust von über 40%.

Value-Aktien vermögen weiterhin nicht mitzuhalten. Im jüngsten, von Covid-19 ausgelösten Ausverkauf an den Börsen hat sich ihre Underperformance noch einmal akzentuiert. Allein in diesem Jahr hat der MSCI World Value Index rund 25% an Wert verloren – der MSCI World Growth Index liegt derweil bloss 5% unter seinem Stand von Januar.

Aktien: Bewertung

Wie steht es um die Bewertungen? Sind Aktien nun günstig? Angesichts der enormen Ungewissheit sind Gewinnschätzungen aktuell äusserst schwierig. Bewertungskennzahlen wie das vorwärtsgerichtete Kurs-Gewinn-Verhältnis sind im aktuellen Umfeld deshalb wenig verlässlich.

Einen Ausweg bietet das Shiller-Kurs-Gewinn-Verhältnis, das den aktuellen Preis einer Aktie oder eines Index mit den durchschnittlichen inflationsbereinigten Gewinnen der vergangenen zehn Jahre vergleicht – und somit nicht auf Gewinnschätzungen basiert. Auf Basis dieser Bewertungskennzahl schneiden Schwellenländeraktien momentan positiv ab. Aktien aus den Industrieländern, wo die USA den Löwenanteil ausmachen, sind mit einem Shiller-KGV von über 20 nicht sonderlich günstig.

Auch der Buffett-Indikator, der von Value-Investor Warren Buffett einmal zum «wahrscheinlich besten Indikator» erkoren wurde, um die Bewertung des US-Marktes abzuschätzen, funktioniert ohne Gewinnschätzungen.

Er setzt die Marktkapitalisierung eines Aktienmarktes ins Verhältnis zur Wirtschaftsleistung des jeweiligen Landes. Trotz der Kurskorrekturen in diesem Jahr sind diverse Börsen noch immer stolz bewertet – besonders der US-Markt.

Währungen

Wenn Anleger nervös werden, neigt der Franken zur Stärke. So überrascht es wenig, dass sich der Franken-Euro-Wechselkurs langsam, aber sicher wieder der Parität nähert.

Auch der Dollar ist typischerweise in turbulenten Phasen stark gefragt. Der Dollarindex (DXY) misst den Wert des Greenback gegenüber den Währungen der sechs wichtigsten Handelspartner der Vereinigten Staaten. Seit zwei Jahren zeigt er wieder klar nach oben.

Im Gegenzug neigen die als zyklisch geltenden Währungen von Schwellenländern akut zur Schwäche.

Der chinesische Yuan hat sich in den vergangenen Monaten allerdings erstaunlich gut gehalten – obschon die Covid-19-Pandemie ihren Ursprung in Wuhan hatte. Seit Jahresbeginn hat sich die Valuta gegenüber dem Dollar zwar geringfügig abgeschwächt, von 6.964 auf 7.10. Im internationalen Vergleich ist das jedoch wenig.

Bitcoin hat sich seit seinem Absturz vom Frühling, als die Kryptowährung innert kurzer Zeit um die Hälfte eingebrochen war, ebenfalls wieder gefangen. Vom Jahrestiefst von 4904 $ hat sich Bitcoin deutlich erholt und notiert nur noch knapp unter 10'000 $.

Ein Blick auf die Bewertungen verdeutlicht, dass der Dollar teuer geworden ist – besonders im Vergleich zum Euro und zum Yen. In den vergangenen zehn Jahren hat sich jedoch die chinesische Währung, der Yuan, am deutlichsten aufgewertet. Der Franken bewegt sich im Mittelfeld.

Rohstoffe

Der Goldpreis steigt und steigt, das Rekordhoch in Franken von 2012 ist zum Greifen nah, und auch in Dollar fehlt nicht mehr viel zu einem neuen Höchst. Die Aussicht auf eine schmerzhafte Rezession, stark gefallene Realzinsen und präzedenzlose Interventionen von Notenbanken und Regierungen lassen die Nachfrage nach Gold steigen.

Zu den Abnehmern gehören auch die Notenbanken. Allein im ersten Quartal 2020 haben sie gemäss Zahlen des World Gold Council 145 Tonnen Gold gekauft.

Während Gold in vielen Währungen neue Rekordhöchst erklimmt, bleibt Silber, das weniger glamouröse Geschwister, augenfällig zurück. Allerdings hat auch der Silberpreis zuletzt an Schwung gewonnen.

Diametral entgegengesetzt die Situation beim wichtigsten Rohstoff, Erdöl. Zwischenzeitlich fiel der Preis für ein Fass Rohöl der Sorte West Texas Intermediate (WTI), dem amerikanischen Benchmark, sogar unter Null. Auch nach der Erholung leiden die Notierungen unter dem Nachfrageeinbruch wegen der Lockdown-Massnahmen vieler Regierungen.

Auch der Kupferpreis signalisiert eine schwache globale Konjunktur. Zuletzt zeigt er indes eine leichte Erholung an.

Sentiment

Obschon die breiten Börsenindizes auf einen wieder aufkeimenden Optimismus deuten, bleiben die Anleger selektiv. Das zeigt sich etwa am Vix-Index, der auch als «Angstbarometer» bekannt ist. Er misst die von den Marktteilnehmern in Zukunft (in diesem Fall in den jeweils kommenden dreissig Tagen) erwarteten Kursausschläge auf Basis von Preisen für Optionen auf den S&P 500.

Je höher die erwarteten Kursausschläge, desto grösser ist die Nervosität der Marktteilnehmer – und desto höher notiert der Vix. Obschon sich die Börsen etwas beruhigt haben, notiert das Barometer immer noch auf historisch hohem Niveau.

Eine gewisse Entspannung signalisiert indes das Verhältnis von Put- zu Call-Optionen. Je mehr Puts (Verkaufsoptionen) nachgefragt werden, desto grösser das Absicherungsbedürfnis und damit auch die Risikoaversion der Marktteilnehmer. Stehen Call-Optionen hoch im Kurs, dominiert die Spekulationsfreude. Aktuell bewegt sich dieser Indikator in Richtung Euphorie.

Zwar hat der Risikoappetit der Marktteilnehmer im Vergleich zur Vorwoche leicht zugenommen, er verharrt aber weiterhin auf sehr niedrigem Niveau. Das Risk Barometer von The Market bewegt sich nach wie vor in der Panikzone.