Grafik der Woche

Wenn die Engel vom Himmel fallen

Die Hälfte aller in Dollar ausgegebenen Unternehmensanleihen haben ein Bonitätsrating von BBB. In einem konjunkturellen Abschwung droht vielen ein Abstieg in «Junk»-Territorium.

Mark Dittli

Schulden aufnehmen, um damit Konkurrenten zu kaufen. Schulden aufnehmen, um damit eigene Aktien zu erwerben. Schulden aufnehmen, weil fremdes Kapital nichts kostet: Die Tiefzinswelt schafft – zumindest vordergründig – paradiesische Zustände für Unternehmen.

Vor allem in den USA liessen sich die Konzerne nicht zweimal bitten. Je nach Schätzung haben die amerikanischen Unternehmen in den vergangenen acht Jahren ihre Verschuldung um mehr als 2500 Mrd. $ erhöht. Ein grosser Teil davon floss nicht etwa in produktive Investitionen, sondern in Aktienrückkäufe.

Der Internationale Währungsfonds wies im April in seinem Global Financial Stability Report auf die Gefahren einer übertriebenen Kreditschöpfung hin.

Erhellend ist ein Blick auf die Qualität der ausgegebenen Dollar-Anleihen, wie die folgende Grafik von Torsten Sløk, US-Chefökonom von Deutsche Bank, zeigt:

Quelle: Deutsche Bank

Quelle: Deutsche Bank

Die Flächen zeigen den prozentualen Anteil (nach Marktwert) der Rating-Klassen der in Dollar ausgegebenen Unternehmensanleihen im Bloomberg Barclays Investment Grade Index. 

Relevant ist für die vorliegende Betrachtung die rote Fläche: Die Hälfte aller ausstehenden Bonds hat ein BBB-Rating. Das ist die letzte Bonitätsstufe, die noch das Prädikat «Anlagequalität» geniesst. Ein typisches Beispiel dafür ist der Nahrungsmittelriese Kraft Heinz, dessen Schulden gegenwärtig mit «BBB Negativ» eingestuft werden.

Das geht solange gut, bis die Cashflows der bis über die Ohren verschuldeten Unternehmen einbrechen. Sollte das geschehen – etwa im Rahmen einer überraschend starken Konjunkturabkühlung oder einer Rezession –, dann wären die Ratingagenturen gezwungen, ihr Bonitätsplazet nach unten anzupassen. Die betroffenen Bonds wären dann als «Junk» – Ramsch – eingestuft.

Das wiederum hätte Konsequenzen an den Finanzmärkten, denn viele institutionelle Investoren und auch passive Fonds dürfen nur in Anleihen von Unternehmen investieren, die mindestens ein BBB-Rating haben. Abstufungen könnten daher eine forcierte Verkaufswelle in den Bonds der «Fallen Angels» auslösen. Und dann käme es sofort auch zu Engpässen in der Marktliquidität.

Noch ist es freilich nicht soweit. Noch sorgen sich die Investoren nicht um die Schuldenberge in den Bilanzen der Unternehmen. Vielleicht wird sich die Gefahr auch nie materialisieren, weil die US-Notenbank mit ihrer Zinspolitik einen konjunkturellen Einbruch verhindert.

Aber wenn es doch dazu kommt, dann wird die Bilanzqualität schlagartig ins Bewusstsein der Investoren zurückkehren.

Bloss wird es dann zu spät sein.