Grafik der Woche

Wo Anleihen noch Rendite abwerfen

Immer mehr Bonds von Staaten und Unternehmen handeln mit negativen Renditen. Im Vergleich dazu sieht der drittgrösste Bondmarkt der Welt, China, attraktiv aus. 

Mark Dittli

Kein Tag vergeht ohne Horrormeldungen aus dem Bondmarkt. Je nach Berechnung handeln weltweit gegenwärtig Anleihen im Gesamtvolumen von fast 13'000 Mrd. $ mit negativen Renditen.

Das Phänomen beschränkt sich nicht bloss auf Bonds von Staaten wie der Schweiz, Deutschland, Japan oder die Niederlande. Auch eine steigende Zahl von Unternehmensanleihen und sogar Junk Bonds – also Anleihen ohne «Anlagequalität»-Rating – handelt in Europa mit Renditen unter Null.

Immer mehr Investoren finden angesichts der Dürre an den westlichen Bondmärkten Gefallen an der zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt: China. Mit gutem Grund, denn zehnjährige Staatsanleihen der Volksrepublik werfen gegenwärtig eine Rendite von 3,17% ab. Das ist doppelt so viel wie Italien und immerhin gut 30% mehr als Griechenland.

Wie die folgende Grafik von Christopher Wood, Anlagestratege in den Diensten von Jefferies, zeigt, haben sich die Anlagen von ausländischen Investoren in chinesischen Onshore-Bonds in den letzten zwei Jahren mehr als verdoppelt:

Im Juni belief sich das chinesische Bondvolumen im Besitz ausländischer Investoren bereits auf 1950 Mrd. Yuan, was umgerechnet rund 284 Mrd. $ entspricht.

Der Trend wird weitergehen. China ist der weltweit drittgrösste Bondmarkt mit einem ausstehenden Volumen von rund 13'000 Mrd. $. Seit dem 1. April 2019 sind chinesische Staats- und gewisse Bankanleihen im Bloomberg Barclays Global Aggregate Bond Index enthalten und werden nach einem gestaffelten Aufbau bis im November 2020 etwas mehr als 6% des Index ausmachen.

Das bedeutet, dass noch mehr Anlagegeld seinen Weg nach China finden wird. Und das wiederum ist im vitalen Interesse von Peking, denn China ist in zunehmendem Mass auf Kapitalimporte angewiesen.

Nach vielen Jahren mit grossen Überschüssen ist die Leistungsbilanz der Volkswirtschaft nunmehr nahezu ausgeglichen. Vereinfacht gesagt gleichen sich Chinas Importe und Exporte mit Waren und Dienstleistungen aus. Der Internationale Währungsfonds prognostiziert Chinas Leistungsbilanzüberschuss im laufenden Jahr noch auf 0,5% des Bruttoinlandproduktes. Andere Stimmen, beispielsweise die Ökonomen von Morgan Stanley, sehen den Saldo bereits 2019 im Minus.

Das bedeutet: China wird in den kommenden Jahren immer mehr Kapital aus dem Ausland benötigen, um sein Leistungsbilanzdefizit zu finanzieren und die Kapitalexporte von chinesischen Staatsbürgern und Unternehmen zu kompensieren.

Es ist die erklärte Strategie der Regierung, den Bondmarkt weiter zu liberalisieren und ihn für mehr Kapital aus dem Ausland zu öffnen. Das ist auch einer der Gründe, weshalb es unwahrscheinlich ist, dass Peking die eigene Währung als Waffe im Handelsdisput mit den USA einsetzen und den Yuan stark abwerten könnte: Das würde die ausländischen Bondinvestoren verschrecken – und sie will Peking auf keinen Fall vergraulen.