Grafik der Woche

Xi Jinping schielt auf 2021

Chinas Staatschef wird zum 100. Gründungsjahr der Kommunistischen Partei über ein prosperierendes Land präsidieren wollen. Deshalb ist nach dem Einbruch der Wirtschaft durch die Virus-Epidemie mit kräftigen Stimulusprogrammen zu rechnen. 

Mark Dittli

«Chinas Regierung ist der wirtschaftliche Schaden momentan völlig egal», sagte Jörg Wuttke, Präsident der EU-Handelskammer in China, gestern im Interview mit The Market. Peking will die Coronavirus-Epidemie in den Griff kriegen und ist dafür bereit, Teile des Landes stillzulegen und Transportwege zu blockieren.

Im ersten Quartal wird Chinas Wirtschaftswachstum voraussichtlich eine kräftige Einbusse erleiden. Die nahezu vollständig unter Quarantäne gestellte Provinz Hubei mit dem Epizentrum der Epidemie in der 11-Millionen-Metropole Wuhan ist für rund 4,5% der jährlichen Wirtschaftsleistung Chinas verantwortlich. Die Stadt ist ein wichtiger Standort für die Automobilindustrie, mit Werken von Dongfeng Motor, Honda, Peugeot, Renault und General Motors. Auch für die Halbleiter-, Bildschirm- und Stahlindustrie ist Wuhan ein Produktionszentrum.

Doch über das erste Quartal hinaus wird der wirtschaftliche Schaden der Zentralregierung in Peking nicht mehr egal sein können. Staats- und Parteichef Xi Jinping hat nämlich zwei für seine Amtszeit entscheidende Jahre im Auge: 2021 und 2022.

2021 feiert die Kommunistische Partei Chinas (KPC) ihr einhundertjähriges Bestehen. Und 2022 findet der 20. Parteikongress der KPC statt.

Xi wird zu den Feierlichkeiten im kommenden Jahr über eine Volksrepublik mit einer prosperierenden, harmonischen Bevölkerung präsidieren wollen – und dann am Parteikongress im Folgejahr seine Machtposition zementieren.

Mit diesem Hintergrund wird klar, dass die Wirtschaft dem Parteichef nur für kurze Zeit egal sein kann. Ab dem zweiten Quartal wird Xi wieder ein Interesse daran haben, die Konjunktur anzukurbeln. Und das bewährte Rezept dazu sind Investitionen in die Infrastruktur.

Die folgende Grafik der kanadischen Research-Boutique BCA Research weist auf den Spielraum, den die Regierung hat:

Die grüne Kurve zeigt die jährliche Wachstumsrate der Anlage-Investitionen in China, jeweils in Abweichung zum dreijährigen Trendwachstum, im Zeitraum seit 1990.

Zwei Dinge fallen auf: Vor jeden Parteikongress – er findet alle fünf Jahre statt – steigen die Investitionen. Das leuchtet ein, denn die Zentralregierung hat ein Interesse daran, die Wirtschaft vor dem Kongress zu stimulieren. Und zweitens: Momentan liegt das Wachstum der Anlage-Investitionen deutlich unter dem Trend der Vorjahre. 

Diese Entwicklung war von Peking so gewollt, da die Zentralregierung die Abhängigkeit der Wirtschaft von Anlage-Investitionen abbauen und stattdessen den inländischen Konsum fördern will. Zudem versucht Peking seit mehreren Jahren, das überhöhte Schuldenniveau im heimischen Finanzsystem abzubauen.

Diese Pläne dürften jedoch vorübergehend in den Hintergrund rücken, denn Xi Jinping weiss: Damit er 2021 über eine prosperierende Wirtschaft präsidieren kann, wird nach dem Coronavirus-Einbruch ein kräftiger Stimulus nötig sein.