Hinter der Headline

BASF ist ein Warnsignal für alle

Der deutsche Chemieriese kappt die Prognosen. Grund ist namentlich der lahmende Automobilmarkt. Doch der Ausblick des Frühzyklikers stimmt für die Konjunktur insgesamt pessimistisch.

Ruedi Keller

Die heutige Gewinnwarnung von BASF fällt massiv aus: Der Betriebsgewinn auf Stufe Ebit ohne Sondereinflüsse werde sich für das zweite Quartal auf 1 Mrd. € halbieren. Das besonders beunruhigende dabei: Der von BASF jetzt in Aussicht gestellte Wert liegt ein Drittel unter der bisherigen Konsenserwartung. Die Analysten hatten mit Gegenwind gerechnet – aber nicht annähernd in diesem Ausmass.

Der deutsche Chemieriese hat gleich auch die Jahresprognose kassiert: Statt ein Ebit-Wachstum von 1 bis 10% wird neu ein Einbruch um bis zu 30% erwartet. Doch auch dazu braucht es noch einen gewissen Optimismus: Das Ziel von BASF impliziert für die zweite Jahreshälfte einen Rückgang gegenüber Vorjahr um fast ein Fünftel. Doch selbst das deutlich reduzierte Jahresziel ist nur erreichbar, wenn eine Verbesserung gegenüber dem ersten Halbjahr eintritt.

Dies ist genau das Muster, das sich seit längerem beobachten lässt: Mit einem schlechten Halbjahr haben fast alle gerechnet, mit einer deutlichen Beschleunigung im zweiten Halbjahr aber ebenso. BASF scheint trotz massiver Eintrübung im zweiten Quartal weiterhin auf diese Erholung zu setzen, wenn nun auch auf etwas tieferem Niveau.

Aufschwung verschoben

Ein Schweizer Fondsmanager mag nach Gesprächen mit Unternehmensverantwortlichen nicht mehr so recht an einen baldigen Aufschwung glauben: Viele würden von einem sehr schlechten Juni berichten, in dem die erhofften Auftragseingänge ausgeblieben seien. Doch genau das wäre die Voraussetzung für eine Beschleunigung. «Wir haben den Schalter umgelegt, Projekte abgeblasen, wechseln in den Sparmodus und restrukturieren», zitiert der Fondsmanager aus einem Gespräch mit einem Verwaltungsrat eines Grosskonzerns.

Der Fall BASF zeigt, welche Branchen derzeit unter besonderem Druck stehen: An erster Stelle die Automobilindustrie, deren Einbruch der Chemieriese im ersten Halbjahr global auf 6% beziffert. Das ist mehr als der Abschwung von rund 4% im Krisenjahr 2009. In China ist der Automobilabsatz im Jahresverlauf gemäss BASF gar 13% eingebrochen.

Automobilzulieferer leiden

Diesem Trend werden sich auch die Schweizer Automobilzulieferer nicht entziehen können: Autoneum korrigieren heute rund 7%, der Verkabelungsspezialist Komax fast 6%, Georg Fischer verlieren 4%.

Zu Georg Fischer berichten Fondsmanager, dass das Management bereits seit einiger Zeit versuche, die Erwartungen an das Halbjahresergebnis herunterzuschrauben. Bei Oerlikon sind die meisten hingegen bereits gewarnt: Die Oberflächentechnologie, die dem Automobilsektor ausgesetzt ist, hatte bereits im ersten Quartal enttäuscht. Dennoch geben auch die Titel von Oerlikon heute erneut überdurchschnittlich nach.

Die Chemieunternehmen Clariant und Ems verlieren rund 3%. Am Markt heisst es, Ems sei daran, nach dem guten Lauf im ersten Quartal die Erwartungen an das Halbjahresergebnis zu dämpfen. Der Umsatz sei unter Druck, dank guter Vorbereitung könne die Marge jedoch verteidigt werden. Ems wird am Freitag die Halbjahreszahlen vorlegen. 

Enttäuschungspotenzial bei Clariant und Sika

Bei Clariant erwarten Beobachter grösseres Enttäuschungspotenzial: Die gesteckten Ziele sind ambitioniert und die Flexibilität im Kostenmanagement eher gering. Gemäss Informationen von The Market ist zudem der geplante Verkauf der Pigmentsparte aufgrund des sich eintrübenden Umfelds auf Eis gelegt worden. Dies könnte die geplante Neuausrichtung verzögern.

Risiken orten Fondsmanager weiter bei Sika, deren Titel heute rund 2,5% nachgeben: Der Bauchemiekonzern erzielt mit der Automobilindustrie eine Milliarde Umsatz. Sika liefert der Branche Klebstoffe für Windschutzscheiben und andere Bauteile.

Ignorierte Konjunkturdaten

Die wirklich schlechte Nachricht von heute ist jedoch: BASF ist mit einem Umsatz von jährlich mehr als 60 Mrd. € so breit aufgestellt, dass der prognostizierte Einbruch nicht nur Rückschlüsse auf bestimmte Branchen zulässt, sondern für die Konjunktur insgesamt pessimistisch stimmt. Das gilt ebenso für das Dividendenpotenzial, auf das viele Aktieninvestoren setzen.

Ein Fondsmanager spricht von einer «Wahrnehmungslücke der Zinseuphoriker», die eine «realistische Analyse der volkswirtschaftlichen Trends» ausblende. Die Einkaufsmanagerindizes würden für Länder wie Deutschland, Korea und Taiwan bereits seit längerem auf eine Kontraktion hinweisen.

Ausserdem verweist er auf überhöht ausgewiesene Wirtschaftsdaten zu China. Die offiziellen Zahlen würden verschleiern, wie hart einzelne Unternehmen vom Abschwung betroffen seien: «Wenn der Staubsauger China weniger aufnimmt, haben wir Exportnationen ein Problem», lautet seine Sicht.

Am Markt kursieren bereits Gerüchte, der Reisedetailhändler Dufry sei mit einer rückläufigen Kauflust chinesischer Kunden konfrontiert. Sollte sich dies materialisieren, könnten auch andere konsumnahe Bereiche zu leiden beginnen – ein Segment, in dem Investoren bislang nicht auf Rückschläge gefasst sind.