Hinter der Headline

Bayer im Belagerungszustand

Der deutsche Chemieriese läuft mit seinem Monsanto-Abenteuer auf ein Ende mit Schrecken zu. Was für Spekulanten eine einmalige Chance ist, erweist sich für die Altaktionäre als Debakel.

Daniel Zulauf

8 Mrd. $ wolle Bayer zahlen, um sich der Klageflut zu erwehren, die ihr Monsanto mit dem jahrelangen, bedenkenlosen Verkauf des glyphosatbasierten Unkrautvernichters Roundup eingebrockt hat. Dies will die Nachrichtenagentur Bloomberg ohne Angaben von Quellen wissen. Der in dem Streit als Mediator eingesetzte US-Anwalt Kenneth Feinberg dementierte die Information. «Kompensationen sind in den bisherigen globalen Mediationsgesprächen noch nicht einmal angesprochen worden», teilte er mit.

Euphorische Reaktion

Der von unbekannter Seite losgelassene Versuchsballon hat seine Wirkung freilich nicht verfehlt. Die Bayer-Aktie legte am Freitag zeitweise mehr als 11% zu und erreichte zwischenzeitlich ein Kursniveau von 70 €. In den vergangenen Monaten verkehrten die Titel zwischen 50 und 60 €. Sie haben sich am Freitag bei einem Kurs von 65 € eingependelt.

Die euphorische Reaktion der Investoren hat einen simplen Grund. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass Bayer so billig davon kommen könnte. Ohnehin wäre die fälschlicherweise kolportierte Vergleichssumme nur ein erstes Angebot an die Anwälte der inzwischen 18'400 amerikanischen Kläger gewesen.

Höhere Vergleichssumme erwartet

Diese erwarten nach drei klar gewonnenen Prozessen an verschiedenen Gerichten in Kalifornien weit mehr als 430'000 $ pro Kopf. Im Fall Hardeman, dem ersten sogenannten «Bellwether Case», der Testcharakter für eine aussergerichtliche Einigung besitzt, legte Richter Vince Chhabria das Strafmass im Juli bei 25 Mio. $ fest.

Hardeman war an einer seltenen Form von Lymphdrüsenkrebs erkrankt, nachdem er das Sprühmittel während 26 Jahren in grossen Mengen und ohne besondere Schutzvorkehrungen auf seinem Grundstück eingesetzt hatte. Es lasse sich leicht belegen, dass sich Monsanto mehr darum gekümmert habe, die öffentliche Meinung zu manipulieren und Untersuchungen zu unterbinden, als die Sicherheit des Produktes zu gewährleisten, urteilte der Richter.

Vierter Prozess verschoben

Mit dieser Schuld beladen, hätte Monsanto am 19. August in einem weiteren Fall erneut vor ein Gericht treten müssen. Ort dieses vierten Prozesses ist St. Louis, wo der Konzern seinen Hauptsitz hat. Allfällige Hoffnungen auf einen Heimvorteil haben sich im prozesstaktischen Vorspiel rasch verflüchtigt. Vor zwei Tagen wurde das Verfahren überraschend und ohne Angabe von Gründen auf einen noch zu bestimmenden Termin im Januar vertagt.

Die Vermutung liegt auf der Hand, dass Monsanto eine weitere schwere Niederlage verhindern wollte, um stattdessen das Gespräch mit den Klägeranwälten über einen Vergleich zu suchen. Ein nicht genannt sein wollender Schweizer Konzernjurist, der viel Erfahrung mit amerikanischen Haftpflichtklagen besitzt, wittert Zeichen der Resignation bei Monsanto.

Bayer zieht Vergleich in Betracht

Bayer-Chef Werner Baumann und dessen Aufsichtsrat stehen heftig unter Druck. Investoren wie der amerikanische Hedge-Fonds Elliott drängen die Konzernführung dazu, dem Trauerspiel ein rasches Ende mit Schrecken zu setzen. Baumann selber räumte vor zehn Tagen erstmals öffentlich ein, dass Bayer einen Vergleich in Betracht ziehen könnte. Allerdings nur unter der Bedingung, dass sich dieser in einem vernünftigen Rahmen bewege und alle Fälle endgültig beigelegt werden können.

Beim Entscheid über den finanziellen Vergleichsrahmen ist der Einfluss von Bayer aber eng begrenzt. Bayer sieht sich nicht einer Sammelklage ausgesetzt, in der es darum geht, ein einzelnes Gericht zu überzeugen. Vielmehr muss der Konzern in dem sogenannten «Mass Tort»-Verfahren die Anwälte der in Gruppen zusammengefassten Kläger auf einen konsensualen Deal einschwören, um das Feuer endgültig löschen zu können.

Ungünstige Ausgangslage

Im Vergleich zu einer Sammelklage, in der die Kläger typischerweise ein sehr homogenes Schadenmuster aufweisen, sind «Mass Tort»-Vergleiche aufgrund der teilweise grossen individuellen Abweichungen beim Schadenmuster viel schwieriger zu erreichen.

Um möglichst alle Kläger an Bord zu bekommen, muss eine durchschnittliche Vergleichssumme gefunden werden, die unter Umständen deutlich höher liegt, als die (theoretische) Summe der Urteile aller Einzelklagen ergeben würde. Dementsprechend gehen viele Beobachter im Finanzmarkt von einer Vergleichssumme aus, die bis zu 20 Mrd. $ betragen könnte.

Ende mit Schrecken

Für das Bayer-Management und dessen Aktionäre, die den 63 Mrd. $ teuren Monsanto-Kauf im vergangenen Jahr mit einer Kapitalerhöhung zu finanzieren halfen, wäre ein derart teurer Vergleich ein verheerender Ausgang.

Spekulanten wie Elliott, die sich erst in den vergangenen Monaten zu weit tieferen Kursen einkaufen konnten, machen ihre Rechnung aber von einer ganz anderen Basis aus. Das ist der Grund, weshalb sie auf ein rasches Ende mit Schrecken drängen, bei dem die Höhe des finanziellen Vergleichsrahmens zwar keine untergeordnete, aber kaum erste Priorität erhält. Mit jedem Prozess, den der Chemiekonzern neu verliert, schwinden dessen Möglichkeiten, sich gegen den Druck zu wehren.