Hinter der Headline

Chinesische Eigentümer von Schweizer Firmen in Turbulenzen

Die HNA-Gruppe, Mutterhaus von SR Technics und Swissport, kämpft mit einer zunehmend unerträglichen Schuldenlast. ChemChina, die Besitzerin von Syngenta, wird derweil von SinoChem geschluckt.

Mark Dittli

Swissport, SR Technics und Syngenta haben eines gemeinsam: Sie werden von chinesischen Grosskonzernen kontrolliert. Im Fall der zwei ehemaligen Swissair-Töchter ist es die weitverzweigte HNA-Gruppe, im Fall des Agrochemie- und Saatgutherstellers Syngenta ist es ChemChina.

Und: Beide diese Eigentümer stecken in Turbulenzen.

HNA hat vor wenigen Tagen den Halbjahresbericht publiziert. Demnach hat die Gruppe in der Berichtsperiode einen Verlust von umgerechnet rund 150 Mio. $ erlitten. Der Bericht zeigt, wie angespannt die finanzielle Lage des Konzerns ist: Die liquiden Mittel von HNA betrugen per Ende Juni nur noch gut 50 Mrd. Yuan, was umgerechnet rund 7 Mrd. $ entspricht. Ein Jahr zuvor war es noch mehr als das Doppelte.

Die Gesamtschulden der HNA-Gruppe schrumpften zwar marginal auf umgerechnet 74 Mrd. $, doch der kurzfristige Teil dieser Schulden stieg um fast 10% auf umgerechnet etwas mehr als 26 Mrd. $. Die kurzfristigen Schulden von HNA belaufen sich also fast auf das Vierfache der liquiden Mittel.

Ende Juli war HNA nicht in der Lage, eine fällige Yuan-Anleihe im Umfang von 1,5 Mrd. Yuan (210 Mio. $) zurückzuzahlen. Bereits im April hatten chinesische Kreditoren des Konglomerats Golfplätze von HNA beschlagnahmt, weil ihre Forderungen nicht bedient wurden.

Mitte August gelang der Gruppe die Rückzahlung eines fälligen Dollar-Bonds über 300 Mio. $ – allerdings nur, weil HNA von der Regierung der Provinz Hainan finanzielle Unterstützung erhielt.

Das kann als Zeichen dafür gewertet werden, dass die in Dollar ausgegebenen Anleihen weiterhin bedient werden, weil Chinas Regierung einen peinlichen Default gegenüber ausländischen Investoren verhindern will.

«Fire Sale» von HNA

HNA befand sich bis 2016 auf einer weltweiten Akquisitionstournee. Neben dem Airline-Caterer Gategroup, SR Technics und Swissport kaufte die Gruppe unter anderem den amerikanischen IT-Distributionskonzern Ingram Micro, einen 25%-Anteil an der Hilton-Gruppe und unzählige Immobilien. HNA besass zwischenzeitlich auch mehr als 10% der Aktien der Deutschen Bank – eine Transaktion, die die UBS mit einem Optionskonstrukt möglich gemacht hatte.

Seit Ende 2016, als Chinas Staatspräsident Xi Jinping klargemacht hatte, dass er die wahllose, kreditfinanzierte Akquisitionsorgie einiger chinesischer Konglomerate nicht mehr toleriert, befindet sich HNA auf dem Rückzug. Die Gruppe – deren verworrene Beteiligungsverhältnisse bis heute Fragen aufwerfen – versucht seither fieberhaft, ihre Vermögenswerte zu verkaufen.

Im Frühjahr 2018 scheiterten die Pläne von HNA, Gategroup und Swissport an die Schweizer Börse zu bringen. Die Chinesen wollten einen zu hohen Preis durchsetzen und an den Unternehmen beteiligt bleiben. Das wurde zum «No Go» für die hiesigen Investoren. Ende März 2019 hat HNA Gategroup an RRJ Capital verkauft.

Seit Monaten kursieren Gerüchte, HNA versuche, auch Swissport und SR Technics an Private-Equity-Gruppen zu verkaufen – doch bislang ebenfalls ohne Erfolg.

Da Swissport innerhalb der HNA-Gruppe Finanzierungshilfen leisten musste, ist der Flughafenabfertiger selbst hoch verschuldet.

Syngenta in neuen Händen

Nicht ganz so dramatisch ist die Lage von ChemChina. Der 43 Mrd. $ teure Kauf von Syngenta im Jahr 2017 war die bis dato grösste Akquisition eines chinesischen Konzerns im Ausland. Mittlerweile ist klar, dass sich ChemChina mit der Transaktion übernommen hat: Gemäss Zahlen des Wirtschaftsmagazins Caixin hat ChemChina seine Bilanz mit Schulden im Umfang von umgerechnet mehr als 80 Mrd. $ aufgebläht.

Diese Schuldenlast hat das Schicksal von ChemChina und dessen Gründer Ren Jianxin besiegelt: Der Konzern wird von seinem grösseren, staatlich kontrollierten Konkurrenten SinoChem übernommen. Der starke Mann von SinoChem, Frank Ning, präsidiert seit einem Jahr den Verwaltungsrat von ChemChina und von Syngenta.

Nun hat Ning Unterstützung von aussen geholt: Yang Hua, der frühere Chairman der China National Offshore Oil Corporation (CNOOC), wird General Manager von SinoChem und in dieser Rolle verantwortlich für die Integration von ChemChina.

Dabei dürften Yang und Ning schon bald auch die Pläne konkretisieren, Syngenta wieder an die Börse zu bringen.

Die grosse Frage dabei wird freilich sein, ob SinoChem bereit ist, die Aktienmehrheit an Syngenta abzugeben. Denn angesichts der Erfahrungen mit HNA und der Unwägbarkeiten mit einem chinesischen Staatskonzern ist nicht anzunehmen, dass ein Börsengang von Syngenta unter Investoren auf grosse Nachfrage stösst, wenn die Mehrheit in den Händen von SinoChem bleibt.

*eine erste Version dieses Artikels hatte HNA fälschlicherweise als Mutterhaus von Gategroup bezeichnet.