Der Call der Woche: Richemont

Die Analysten der Bank of America setzen für die Aktie des Schweizer Luxusgüterherstellers ein Kursziel von 120 Fr. The Market sagt, wie sie zu dieser Einschätzung gelangen, die 30% Kurspotenzial verheisst.

Ruedi Keller
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Die Kurse der Aktien von Luxusgüterherstellern wie Kering, LVMH und die Schweizer Swatch und Richemont sind aus der Coronadelle herausgewachsen.

Richemont hat das Kursziel, das die Analysten im Konsens und mit Sicht auf zwölf Monate setzen, auf dem aktuellen Niveau um 90 Fr. sogar erreicht.

Nun legen die Analysten der Bank of America nach: In einer gestern publizierten Studie setzen sie für Richemont neu ein Kursziel von 120 Fr., was 30% zusätzliches Aufwärtspotenzial impliziert.

Ihre Argumentation basiert auf zwei Pfeilern: Erstens zeigen sie auf, wie aus der Online-Plattform Yoox Net-a-Porter (YNAP) mehr Wert extrahiert werden kann. Zweitens zielen sie auf eine Neubewertung des Kerngeschäfts von Richemont, den Jewellery Maisons.

Alleine die beiden Marken Cartier und Van Cleef & Arpels würden mehr als den kompletten Betriebsgewinn von Richemont erwirtschaften, analysiert die Bank of America. Zudem habe das Schmuckgeschäft derzeit einen besonders guten Lauf, der eine weit überdurchschnittliche Profitabilität verspreche.

Grosser operativer Hebel

Sie verweisen dabei auf die Umsatzentwicklung im dritten Quartal, die zwar nur 1% höher ausfiel als im Vorjahr. Der Anstieg der vom Konzern ebenfalls publizierten Cashposition um 25% zeuge jedoch von einem grossen operativen Hebel. Alleine im dritten Quartal habe Richemont mehr als 700 Mrd. € freien Cashflow generiert. Das habe der Markt bei der Bekanntgabe der Umsatzzahlen zum dritten Quartal übersehen, meinen sie.

Angesichts der nachlassenden Bremswirkung aus dem Uhrengeschäft sowie eines vorteilhaften geografischen Mix mit einer starken Ausrichtung auf Asien und den Nahen Osten sehen sie Richemont zudem sehr gut positioniert, von der dort wieder steigenden Ausgabenfreude zu profitieren.

Weiter weisen sie auf einen technischen Aspekt hin: Auf den ersten Blick sei die Aktie von Richemont im Schnitt für 2022 zwar mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 31 bewertet. Wenn nicht cashrelevante Faktoren herausgerechnet würden – so wie das andere Hersteller von Luxusgütern normalerweise machen –, sinke die Bewertung jedoch auf ein dann vergleichbares KGV von 24.

Wenn zusätzlich noch das Online-Geschäft herausgerechnet werde, sinke das KGV schliesslich auf 22,4, was aus Sicht der Analysten der Bank of America im Vergleich zur Konkurrenz günstig sei. Sie orten so im Kerngeschäft von Richemont ein «signifikantes Aufwertungspotenzial».

Zum Tragen kommen könne dies jedoch nur, wenn der Markt bereit sei, durch den Abschlag auf das verlustbringende Online-Geschäft von YNAP hindurchzusehen.

YNAP: ein Wert vom mehr als 5 Mrd. €

Bank of America geht auch hier deutlich darüber hinaus: In ihrer Analyse zu YNAP kommen die Analysten zum Schluss, dass im Online-Geschäft, das in den ersten neun Monaten 22% zum Umsatz von Richemont beitrug, aber einen negativen Einfluss von 20% auf die Gewinnentwicklung hinterliess, künftig grosses Potenzial liege.

Gemäss ihrer Einschätzung soll sich das globale Marktpotenzial im Onlinehandel von Luxusgütern bis 2025 auf über 100 Mrd. € verdoppeln. Mit einem Marktanteil von aktuell 4,5% würde YNAP stark von diesem Wachstum profitieren.

Angesichts der Bewertung vergleichbarer Unternehmen im Online-Handel sieht Bank of America in diesem Geschäftsbereich von Richemont einen Wert von mehr als 5 Mrd. €, statt einem negativen Börsenwert, wie ihn der Markt derzeit YNAP zuordnet.

Darin, dass sie mit ihrer äusserst positiven Einschätzung zu Richemont aus der Masse herausstechen, sehen die Analysten der Bank of America einen weiteren Vorteil: Nur 46% aller Analysten würden Richemont zum Kauf empfehlen. Das seien zwar mehr als im Herbst, aber immer noch klar weniger als bei den beiden grossen Konkurrenten Kering und LVMH, für die zwei Drittel aller Analysten eine Kaufempfehlung ausstehend haben.

So richtig hat die Argumentation bei den Investoren allerdings noch nicht verfangen: Nach dem gestrigen Kurssprung um fast 3% geht es für die Valoren von Richemont heute im selben Ausmass nach unten.