Hinter der Headline

Das Fed heizt die Inflation an

Die US-Notenbank denkt noch lange nicht an eine Straffung der Geldpolitik. Damit sich der Arbeitsmarkt erholen kann, soll die Teuerung überschiessen. Die Börsen reagieren nach der Zinssitzung vom Mittwoch mit Kursavancen.

Christoph Gisiger
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Aussergewöhnliche Zeiten erfordern aussergewöhnliche Massnahmen. Das ist die Kernbotschaft, die das Federal Reserve den Finanzmärkten an der Zinssitzung vom Mittwoch unmissverständlich kommuniziert hat.

Trotz immer deutlicheren Anzeichen für eine kräftige Erholung der amerikanischen Wirtschaft sieht die mächtigste Zentralbank der Welt keinen Anlass, einen möglichen Anstieg der Inflation präventiv zu dämpfen. Im Gegenteil: Ein Überschiessen der Teuerung ist das explizite Ziel.

«What we'd really like to do is to get inflation moderately above 2% - was wir wirklich gerne möchten, ist, die Inflation massvoll über 2% zu bringen», sagte Fed-Chef Jay Powell während der Medienkonferenz. Er bekräftigte damit die neue strategische Stossrichtung, welche die US-Notenbank letztes Jahr angekündigt hat.

Keine Zinserhöhung bis 2024

Was das neue Rahmenwerk genau für die Geldpolitik bedeutet, lässt sich jetzt erstmals anhand konkreter Zahlen erahnen. Das Fed-Gremium rechnet aktuell damit, dass die amerikanische Wirtschaft dieses Jahr 6,5% expandiert. Beim letzten Konjunkturausblick vom Dezember hatten die Währungshüter ein Wachstum von 4,2% prognostiziert.

Aufgehellt haben sich ebenso die Perspektiven am Jobmarkt. Die Arbeitslosenquote soll gemäss der neuen Fed-Prognose bis im vierten Quartal auf durchschnittlich 4,5% sinken, nachdem die Währungshüter zuletzt von 5% ausgegangen waren.

In der Vergangenheit hätten diese Entwicklungen die US-Notenbank dazu veranlasst, frühzeitig das Terrain für eine Straffung der Zinsen vorzubereiten. Das, weil Änderungen der Geldpolitik erfahrungsgemäss mit neun bis zwölf Monaten Verzögerung in der Realwirtschaft ankommen und das Fed dann zu spät sein könnte, wenn die Konjunktur überhitzt.

Da die Teuerung aber seit Langem auf tiefem Niveau verharrt, hat sich das Fed nach dem Wirtschaftskollaps im letzten Jahr zu einem aggressiveren Ansatz entschieden. Demnach will es der Inflation mehr oder weniger freien Lauf zu lassen und erst intervenieren, wenn sie sich für längere Zeit über der Zielrate von 2% bewegt.

Im Klartext heisst das, die US-Notenbank erachtet den erwarteten Anstieg der Inflation in diesem Jahr nur als temporär; quasi als kurzfristige Verzerrung, zumal sich während der Pandemie viel Nachholbedarf in Branchen wie der Reise- und Unterhaltungsindustrie angestaut hat. An eine Zinserhöhung denkt sie noch lange nicht.

Ersichtlich wird das in der aktualisierten Zinsprognose. Auch «Dot Plot» genannt, weil darin die Zinserwartungen der Fed-Mitglieder mit individuellen Punkten markiert werden, hat sich der Ausblick zwar leicht verändert. Neu erwarten 7 statt 5 Mitglieder im Jahr 2023 mindestens eine Erhöhung der Fed Funds Rate.

Der Medianwert signalisiert aber weiterhin, dass das Komitee insgesamt bis Ende 2023 mit einem unveränderten Zielsatz von nahezu null rechnet:

Quelle: Bloomberg

«Die grosse Überraschung ist, dass sich die «Punkte» nur marginal bewegt haben», konstatiert David Rosenberg von Rosenberg Research. «Das signalisiert eine ziemlich milde Haltung im Vergleich zu den Markterwartungen», fügt der Ökonom hinzu. «Es bedeutet, dass es innerhalb des Fed einen robusten Support dafür gibt, den Kurs zu halten und sich nicht von vorübergehenden Abweichungen des langfristigen Grundtrends von Wirtschaftswachstum und Inflation beeinflussen zu lassen.»

Tapering steht nicht zur Debatte

Entsprechend macht das Federal Reserve auch keine Andeutungen, von seinem gigantischen QE-Programm abzuweichen. Zur Stimulierung der Wirtschaft kauft die US-Notenbank jeden Monat 80 Mrd. $ an US-Staatsanleihen und 40 Mrd. $ an verbrieften Hypotheken mit Staatsgarantie.

Nach einer möglichen Drosselung des Tempos gefragt, winkte Fed-Chef Powell schmunzelnd ab. «Wir werden die Wertschriftenkäufe in dieser Kadenz fortsetzen, bis wir mehr substanzielle Fortschritte sehen», führte er während der Medienkonferenz aus. «Das bedeutet tatsächlichen Fortschritt, nicht bloss prognostizierten Fortschritt. Das ist der Unterschied zu unserem früheren Ansatz», meinte Powell weiter.

Im Zug des im Frühling 2020 gestarteten QE-Programms, ist die Fed-Bilanz bereits um 3,4 auf rund 7,6 Bio. $ angeschwollen. Weil die US-Wirtschaft rasch an Dynamik gewinnt, hatte sich an den Märkten immer mehr die Ansicht durchgesetzt, dass die Notenbank im späteren Jahresverlauf beginnt, allmählich vom Gas zu gehen.

Diesen Tapering genannten Prozess werde das Fed weit im Voraus ankündigen, beschwichtigte Powell. «Unser Ausblick zum Leitzins und zu den Wertschriftenkäufen gibt der Wirtschaft starke Unterstützung», bekräftigte er. «Wir haben uns dazu verpflichtet, die stimulative Grundausrichtung der Geldpolitik solange aufrecht zu halten, bis wir unseren Job gut und sicher erledigt haben», versicherte er.

Bilanz der US-Notenbank

in Mrd. $
US-Staatsanleihen
Verbriefte Hypotheken
Andere Assets

Börsen reagieren freundlich

Für die Börsen tönt das wie Musik in den Ohren. Der US-Leitindex S&P 500 drehte am Mittwoch nach den Nachrichten aus dem Federal Reserve umgehend ins Plus und setzte seine Erholung im Verlauf von Powells Medienkonferenz fort.

Besonders freundlich notierten Aktien aus dem Tech-Sektor. Nachdem der Nasdaq 100 im früheren Tagesverlauf rund 1,5% schwächer tendiert hatte, verzeichnete das Technologie-Barometer am Nachmittag Kursgewinne von bis zu 1% und ging schliesslich 0,4% fester aus dem Handel:

Besonders ausgeprägt waren die Bewegungen an den Devisenmärkten. Der Dollar-Index DXY, der vorab das Wechselkursverhältnis des Greenback zum Euro und Yen reflektiert, schwächte sich um 0,5% ab:

Quelle: TradingView

Im Rohstoffsektor handelte Öl im Zug des Fed-Entscheids fester. Gold und Silber schlossen 1,1 bzw. 1,5% höher. Minenaktien wie Newmont, Agnico Eagle Mines oder Pan American Silver verlieh das kräftig Auftrieb.

Auffällig ist die Reaktion am Bondmarkt. Die Rendite auf zehnjährige US-Staatsanleihen markierte vor der Fed-Sitzung ein Hoch von annähernd 1,7% und schloss zu 1,6% rund 2 Basispunkte höher als am Vortag. Demgegenüber büsste die Rendite auf fünfjährige Treasuries rund 4 Basispunkte auf 0,8% ein.

Das ist deshalb bemerkenswert, weil der mittlere Bereich der Zinskurve in der Regel früher auf eine mögliche Zinserhöhung reagiert als das lange Ende. Die Rendite auf fünfjährige US-Staatsanleihen hatte gegen Ende Februar denn auch einen besonders forschen Anstieg verzeichnet:

Fazit für Investoren

Fed-Chef Powell gilt üblicherweise nicht als besonders guter Kommunikator gegenüber den Märkten. Beim Auftritt vom Mittwoch wirkte er locker und souverän. Das Signal, dass die US-Notenbank die Geldpolitik auch bei einer deutlich steigenden Inflationsrate nicht straffen will, ist gut und verständlich angekommen.

Vertrauen in den gegenwärtigen Kurs des Federal Reserve reflektieren ebenso Powells kaum verklausulierte Äusserungen, dass ihm der Anstieg der langfristigen Zinsen keine Sorgen bereite. Dass er derzeit keinen Grund sieht, über ein Tapering des QE-Programms zu sprechen, dürfte die Finanzmärkte zumindest vorerst beruhigen.

Vor diesem Hintergrund ist gut denkbar, dass die Börsen auch in den kommenden Tagen Auftrieb verspüren. Vor allem Aktien grosser Tech-Konzerne wie Apple, Microsoft oder Amazon dürften in einem solchen Umfeld profitieren, nachdem sie in den letzten Wochen teilweise stark unter Druck geraten waren. Auch für Edelmetalle und Minentitel sind die Voraussetzungen gut; speziell, wenn sich der Dollar weiter abschwächen sollte.

Auf mittlere bis lange Sicht bleibt offen, ob Powell seinen Standpunkt tatsächlich halten kann. Tendieren die Inflationserwartungen und damit die Treasury-Renditen im weiteren Jahresverlauf stark höher, erscheint es wenig wahrscheinlich, dass das Federal Reserve sich ohne zusätzliche Massnahmen aus der Affäre ziehen kann.