Hinter der Headline

Das Fed gefährdet seine Mission

Um die Inflation zu dämpfen, strafft die US-Notenbank die Zinsen weiter und startet den Abbau ihrer Bilanz. Die nächsten Interventionen sollen hingegen weniger streng ausfallen als erwartet. Die Börsen reagieren mit Avancen.

Christoph Gisiger
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Das Federal Reserve sorgt für eine Überraschung. Nach seiner zweitägigen Sitzung hat der Offenmarktausschuss der US-Notenbank das Zielband für den Leitzins erwartungsgemäss um 50 Basispunkte auf 0,75 bis 1% angehoben. Wie im Voraus kommuniziert, beginnt das Fed ab nächstem Monat zusätzlich mit dem Abbau seiner Bilanz.

Befürchtungen von Investoren, dass sich das Tempo bei der Straffung der Geldpolitik in den kommenden Monaten weiter verschärfen wird, haben sich beim Fed-Entscheid vom Mittwoch jedoch nicht bestätigt. An den Börsen in New York sorgt das für eine massive Rally.

Der Schlüsselsatz fiel etwa zwanzig Minuten, nachdem die Pressekonferenz von Notenbankchef Jerome Powell begonnen hatte: «A 75 basis point increase is not something the committee is actively considering – eine Zinserhöhung von 75 Basispunkten wird vom Fed-Gremium nicht aktiv in Betracht gezogen», sagte er.

Seine Aussage löst an den Futures-Märkten beträchtliche Verschiebungen aus. Terminhändler rechneten noch am Dienstag mit einer Wahrscheinlichkeit von 95%, dass die US-Notenbank den Leitzins am nächsten Treffen vom 15. Juni gleich um 75 Basispunkte auf 1,5 bis 1,75% anheben wird. Nach dem gestrigen Fed-Entscheid räumen sie einem solchen Szenario nun keine Chance mehr ein.

Während seinen Ausführungen signalisierte Powell relativ deutlich, dass er den Leitzins an den nächsten zwei Fed-Sitzungen abermals um jeweils 50 Basispunkte erhöhen will. «There is a broad sense on the committee that additional 50 basis point increases should be on the table for the next couple meetings», meinte er. Konkret würde das bedeuten, dass sich die Fed Fund Rate per Ende Juli auf 1,75 bis 2% bewegen wird.

Kursfeuerwerk an den Börsen

Nachdem sich die Märkte in den vergangenen Monaten mit immer schärferen Tönen aus der US-Notenbank konfrontiert gesehen hatten, ist der weitere Kurs der Geldpolitik nun zumindest auf kurze Sicht verhältnismässig gut absehbar und leicht milder als erwartet.

Entsprechend erleichtert reagieren die Börsen, wie die deutlichen Kursbewegungen vom Mittwoch zeigen. Der Leitindex S&P 500 notierte zu Handelsschluss 3% fester, was dem grössten Tagesgewinn seit Mai 2020 entspricht.

Quelle: Finviz

Sämtliche Sektoren verbuchten Gewinne, wobei Aktien aus den Bereichen Energie, Kommunikationsdienste, Technologie und Grundstoffe am meisten avancierten:

Tagesperformance nach Sektoren

In %

Unter den grössten Einzelwerten waren vor allem Apple, Meta Platforms (Facebook) und Tesla gesucht. Auch die Aktien von Grossbanken wie Wells Fargo, Bank of America und Citigroup zogen jeweils mehr als 4% an. Valoren von Häuserbauern wie D.R. Horton, Lennar und PulteGroup, die besonders sensibel auf Zinsveränderungen reagieren, machten alle über 5% gut.

An den Bondmärkten gaben die Renditen derweil etwas nach. Die Rendite zehnjähriger Treasury Notes sank gegen 2,9%, nachdem sie zuletzt erstmals seit 2018 auf über 3% gestiegen war. Die Rendite auf zweijährige Treasuries – ein guter Indikator zu den Markterwartungen für die künftige Entwicklung der Leitzinsen – fiel von gut 2,8 auf 2,6%:

Federal Funds Rate

In %
Fed Funds Target Rate
Rendite auf zweijährige US-Staatsanleihen

Am Devisenmarkt büsste der Dollarindex (DXY) an Terrain ein. Derweil handelten Rohstoffe fester. Öl der US-Sorte WTI stieg auf 108 $ pro Fass. Der Goldpreis 📈 legte knapp 2% auf 1900 $ pro Unze zu. Grössere Gewinne verbuchte auch Silber 📈 und erholte sich auf 23.23 $ pro Unze.

Inflation steht im Fokus

Die ausgeprägte Reaktion an den Finanzmärkten erinnert etwas an die Situation nach der letzten Fed-Sitzung von Mitte März. Die Börsen setzten damals zu einer grösseren Aufwärtsbewegung an, die sich dann allerdings bereits nach zwei Wochen erschöpfte.

Entscheidenden Einfluss auf den weiteren Verlauf der US-Geldpolitik werden in den nächsten Wochen die Konjunkturdaten nehmen. Wie das Fed in seinem Statement betont, fokussiert es sich primär auf die Risiken der hartnäckig hohen Inflation. «The Committee is highly attentive to inflation risks», heisst es dazu.

Ein genaues Augenmerk richtet sich dabei auf zwei externe Faktoren: Der Krieg in der Ukraine sowie die Lockdown-Massnahmen in China werden den Aufwärtsdruck bei den Preisen in den USA zusätzlich erhöhen und die Wirtschaft belasten, halten die Währungshüter im Communiqué fest.

Gleich zu Beginn der Pressekonferenz machte Powell zudem den unüblichen Schritt, sich direkt an die amerikanische Bevölkerung zu wenden. Er bekräftigte mehrfach, dass die «Inflation viel zu hoch» sei und die US-Notenbank rasch intervenieren werde, um die Preise zu stabilisieren. «If higher rates are required, we won’t hesitate to deliver them – Wenn höhere Zinsen erforderlich sind, werden wir nicht zögern, dafür zu sorgen», sagt er.

Grosse Bedeutung kommt deshalb den Inflationsdaten (Consumer Price Index, CPI) zum April zu, die am kommenden Mittwoch (11. Mai) veröffentlicht werden. Ökonomen rechnen damit, dass die Konsumentenpreise im vergangenen Monat um 8,4% gegenüber dem Vorjahr gestiegen sind. Das wäre erstmals eine leichte Abschwächung, nachdem der CPI im März mit 8,5% den grössten Anstieg seit den frühen Achtzigerjahren verzeichnet hatte.

Konsumentenpreisindex

Veränderung zum Vorjahr, in %
Prognose (April 2022)

Der Teuerungsschub in den USA hat hauptsächlich im April 2021 begonnen. Die entscheidende Frage ist, ob die Inflation den Zenit aufgrund der höheren Vergleichsbasis nun tatsächlich überschritten hat.

Eine Schlüsselrolle spielt ebenso der Arbeitsmarkt. Nach Ansicht des Fed entwickelt er sich nach wie vor ausgesprochen robust, und die amerikanischen Haushalte sind in guter Verfassung. Die neusten Zahlen dazu werden morgen Freitag veröffentlicht. Am Markt wird erwartet, dass die US-Wirtschaft im vergangenen Monat 390’000 Stellen geschaffen hat und die Arbeitslosenquote auf 3,6% verharrt ist.

Arbeitslosenrate

In %

Heikles Manöver

Die grösste Schwierigkeit für die US-Notenbank besteht darin, die Wirtschaft beim Kampf gegen die Inflation nicht abzuwürgen. Powell bemühte sich, am Mittwoch Zuversicht zu demonstrieren, dass ihm eine weiche Landung gelingen wird: «I’d say we have a good chance to have a soft or softish landing or outcome», versicherte er.

Die Vergangenheit zeigt hingegen, dass dieses heikle Manöver dem Fed nur sehr selten gelingt. Von den elf Zinserhöhungszyklen seit 1965 endeten deren acht in einer Rezession. Zu den raren Ausnahmen zählt der Zyklus vom Dezember 1993 bis April 1995, als es der damalige Notenbankchef Alan Greenspan schaffte, die Zinsen um insgesamt 310 Basispunkte zu erhöhen, ohne eine Rezession auszulösen.

Die US-Notenbank geht gegenwärtig wesentlich schroffer vor als in vergangenen Zinserhöhungszyklen. Das letzte Mal, dass sie die Fed Funds Rate an einer Sitzung gleich um 50 Basispunkte anhob, war im Mai 2000 (ebenfalls unter Greenspan). Wie sich später herausstellte, hatte bereits zwei Monate zuvor eine Kontraktion der Wirtschaft eingesetzt.

Hinzu kommt, dass das Fed derzeit nicht nur die Zinsen energisch strafft. Ab Juni beginnt es ausserdem mit der Verkürzung seiner Bilanz, die sich im Zug der präzedenzlosen Stimulusmassnahmen während der Pandemie auf annähernd 9 Mrd. $ oder gut 40% der US-Wirtschaftsleistung aufgebläht hat.

Wie im Protokoll zur letzten Fed-Sitzung angedeutet, wird dieser «Quantitative Tightening» (QT) genannte Prozess zunächst mit dem Abbau von monatlich 30 Mrd. $ an Staatsanleihen sowie 17,5 Mrd. $ an verbrieften Hypothekarpapieren lanciert. Das, indem ein Teil der auslaufenden Wertschriften im Portfolio mehr nicht ersetzt wird. Ab September wird die Kadenz dann auf 60 Mrd. $ an Treasuries und 35 Mrd. $ an Hypothekarpapieren erhöht.

Bilanz des Federal Reserve

In Mrd. $
Staatsanleihen
Verbriefte Hypotheken
Andere Wertschriften
Prognose (ab Juni 2022)

Umgerechnet will das Fed seine Bilanz demnach um 95 Mrd. $ pro Monat oder mehr als 1,1 Bio. $ pro Jahr schrumpfen. Das anvisierte Tempo ist fast doppelt so hoch wie beim letzten Quantitative Tightening im Zeitraum von 2017 bis 2019. Rückblickend wird der Prozess massgeblich für die gravierenden Erschütterungen an den Finanzmärkten im vierten Quartal 2018 mitverantwortlich gemacht.

Der Beschluss, den Abbau der Bilanz zu starten und den Leitzins anzuheben, wurde im Gremium des Federal Reserve einstimmig gefällt. Ob den Währungshütern die ausgesprochen freundliche Reaktion an den Börsen wirklich entgegenkommt, ist fraglich. Um die Inflation unter Kontrolle zu bringen, müssen sie die Bedingungen an den Finanzmärkten verschärfen. Am Mittwoch haben sie das Gegenteil bewirkt und sind jetzt weiter vom Ziel ihrer Mission entfernt.

Es würde deshalb nicht überraschen, wenn diverse Exponenten aus dem Fed in den kommenden Tagen und Wochen bei öffentlichen Auftritten versuchen werden, Gegensteuer zu geben und wieder einen schärferen Ton anzuschlagen. Ein naheliegender Kandidat ist James Bullard, Präsident der Fed-Distriktnotenbank St. Louis, mit einem Referat am Freitag.