Hinter der Headline

Das Fed schlägt den Märkten einen neuen Kompromiss vor

Die US-Notenbank signalisiert nach der Zinssenkung vom Mittwoch keine weitere Lockerung der Geldpolitik. Dafür unterbreitet sie ein weitgehendes Zugeständnis: Eine Rückkehr zu höheren Zinsen ist für lange Zeit kein Thema mehr.

Christoph Gisiger

Jay Powell offeriert Investoren einen überraschenden Deal: Nach der dritten Zinssenkung in vier Monaten stellt der Chef des Federal Reserve vorerst zwar keine weitere Lockerung in Aussicht. Umgekehrt wird es auf längere Zeit aber auch keine Straffung geben.

Die Finanzmärkte reagieren freundlich auf das Angebot. Hier deshalb zuerst die wichtigsten Punkte zum Zinsentscheid vom Mittwoch:

  • Das Zielband für die Federal Funds Rate wird erwartungsgemäss weiter um 25 Basispunkte auf 1,5 bis 1,75% gesenkt.
  • Im Statement zum Entscheid fehlt die Zusicherung, wonach das Fed mit Blick auf das Wirtschaftsumfeld «angemessen handeln» werde. Dieser Schlüsselpassus hatte bisher jeweils eine Lockerung an der nächsten Zinssitzung signalisiert.
  • Neu bestimmt das Fed stattdessen auf Basis der Konjunkturaussichten «einen angemessenen Pfad für das Zielband der Federal Funds Rate».
  • Die Notenbank stuft die US-Wirtschaft und speziell den Konsumsektor als «stark» ein. Zudem sieht sie mehr Chancen auf eine Aufhellung als Risiken für eine Abkühlung. Als Begründung führt sie primär die Entspannung im Handelskonflikt sowie die Aussicht auf einen geordneten Brexit an.
  • Fed-Chef Powell spielt die Interventionen am Geldmarkt weiterhin als rein «technische Massnahme» herunter. Es sei kein Stimulus für die Konjunktur, sagte er während der Pressekonferenz.
  • Zwei stimmberechtigte Fed-Mitglieder wollten den Leitzins unverändert belassen: Esther George, Präsidentin des Fed-Distrikts Kansas City, und Eric Rosengren (Boston). Beide hatten bereits an früheren Sitzungen gegen eine Lockerung votiert.

Marktreaktion

An den Finanzmärkten wurden die Nachrichten aus dem Federal Reserve zunächst als Signal einer eher strengeren Geldpolitik wahrgenommen. Der S&P 500 gab unmittelbar nach der Publikation des Fed-Statements nach, die Rendite auf zehnjährige Treasuries und der Dollar notierten fester.

Im Lauf der Pressekonferenz drehte der Trend. Massgeblich dafür verantwortlich war die folgende Aussage von Powell:

«We would need to see a really significant move up in inflation that’s persistent before we even consider raising rates to address inflation concerns.»

Übersetzt heisst das: «Wir müssten wirklich einen bedeutenden und nachhaltigen Aufwärtstrend der Teuerung sehen, bevor wir überhaupt in Erwägung ziehen, die Zinsen aufgrund von Inflationssorgen zu erhöhen.»

Der S&P 500 schloss am Ende der Börsensitzung 0,3% fester und markierte mit 3'046,77 ein neues Rekordhoch:

S&amp;P 500 im Tagesverlauf am Mittwoch.<br>Quelle: Yahoo Finance<br>

S&P 500 im Tagesverlauf am Mittwoch.
Quelle: Yahoo Finance

Die Rendite zehnjähriger Treasuries sank zwei Basispunkte auf 1,8%. Der handelsgewichtete Dollar schloss 0,2% schwächer. Der Goldpreis veränderte sich kaum.

Ausblick

Seit Anfang August hat das Fed den Leitzins während drei Sitzungen in Folge um insgesamt 75 Basispunkte gesenkt. Diese Schritte hat Powell jeweils als «Absicherung» gegen einen möglichen Konjunkturabschwung bezeichnet.

Auf dem tieferen Zinsniveau sieht der Fed-Chef die Geldpolitik jetzt in einer «guten Position». Zu einer grundsätzlichen Neueinschätzung der geldpolitischen Ziele soll es erst gegen Mitte 2020 kommen.

Um die Konjunktur zu stützen, hatte die US-Notenbank auch in den Neunzigerjahren mehrfach temporäre Adjustierungen der Geldpolitik in vergleichbarem Umfang vorgenommen. Zuletzt im Herbst 1998 mit ebenfalls drei Zinssenkungen.

Der damalige Fed-Chef Alan Greenspan beliess den Leitzins danach für gut sieben Monate unverändert, worauf er ihn relativ zügig wieder straffte.

Ein solches Szenario hat Powell am Mittwoch de facto ausgeschlossen. Ein wichtiger Unterschied ist die Entwicklung der Teuerung: Anders als in den späten Neunzigerjahren verharrt sie seit der Finanzkrise auf tiefem Niveau, wobei die Inflationserwartung zuletzt erneut gesunken ist:

Inflationserwartung

in %
Inflationserwartung
Zielrate des Fed

Wie Powell unmissverständlich kommuniziert, ist das Fed nun bereit ein temporäres Überschiessen der Inflation über die anvisierte Rate von 2% zu tolerieren.

«Um die Zinsen länger tiefer zu halten, wird sich der Fed-Vorsitz kompromissbereit zeigen und seine Strategie zur Steuerung der Inflation anpassen», meinen dazu etwa Ökonomen der Deutschen Bank.

«Die erste Zinserhöhung, mit der wir ursprünglich gegen Ende 2021 rechneten, haben wir deshalb aus unserer Prognose gestrichen», halten sie fest.

Um die Lage am Geldmarkt zu entspannen, wird die US-Notenbank ausserdem noch mindestens bis ins zweite Quartal 2020 monatlich 60 Mrd. $ ins Finanzsystem pumpen.

Auch das nehmen die Märkte wohlwollend zur Kenntnis, obschon sich das Fed hütet, von einem neuen QE-Programm zu sprechen.

Implikationen für Investoren

Die US-Notenbank befindet sich seit Monaten in einem Balanceakt. Im Vorfeld der Zinssenkung vom Mittwoch war klar, dass die Finanzmärkte in den kommenden Monaten weitere Lockerungen erwarten.

Demgegenüber überwiegt im Fed die Ansicht, dass keine zusätzlichen Zinsschritte erforderlich sind. Anstatt auf Konfrontationskurs mit den Märkten zu gehen, bietet Powell deshalb eine Deckelung des Leitzinses an.

«Vorerst besteht kein Handlungsbedarf. Wenn, dann geht es mit den Zinsen fortan aber nur nach unten», lautet die sinngemässe Kernbotschaft vom Mittwoch.

Ob diese Konzession ausreicht, wird sich zeigen. Klar ist, dass sich die Stimmung an den Börsen in den vergangenen Wochen merklich aufgehellt hat. Auch ist die Zinskurve ist nicht mehr invertiert, was ebenfalls auf eine Entspannung hindeutet.

Wie gesund die amerikanische Wirtschaft tatsächlich ist, wird sich bald herausstellen. Eine erste Lesung zum Bruttoinlandprodukt für das dritte Quartal suggeriert, dass die Kontraktion im Industriesektor die Haushalte bislang nicht erfasst hat.

Andere Daten zum Konsumsektor wie die rückläufigen Umsätze im Einzelhandel oder das sinkende Verbrauchervertrauen stimmen weniger optimistisch.

Bemerkenswert ist ausserdem, dass sich US-Präsident Trump dieses Mal nicht zum Fed-Entscheid geäussert hat. Im Nachgang der letzten Zinssitzungen hatte er Powell jeweils umgehend scharf kritisiert und stärkere Lockerungsmassnahmen gefordert.

Vor diesem Hintergrund fühlt sich die US-Notenbank wohl in einer ausreichend komfortablen Position, um keine weiteren Zinssenkungen anzudeuten.

«Unserer Meinung nach, wird sich diese Haltung jedoch als zu optimistisch herausstellen», denkt Michelle Meyer, Ökonomin von Bank of America.

«Die Konjunkturdaten werden sich weiter abschwächen und hinter den Prognosen des Fed zurückbleiben. Wir achten dabei speziell auf den Arbeitsmarkt, der sich abzuschwächen scheint und droht, den Konsumsektor zu gefährden», fügt Meyer hinzu.

Umso wichtiger wird deshalb, wie diesen Freitag die Jobdaten für Oktober und die Zahlen zum Auftragseingang der US-Industrie ausfallen.