Hinter der Headline

Das Fed vermasselt die Zinssenkung

Die US-Notenbank senkt den Leitzins erwartungsgemäss um einen Viertelprozentpunkt. Mit einer stümperhaften Kommunikation stiftet sie jedoch Verwirrung über den weiteren Ausblick zur Geldpolitik. Womit Investoren jetzt rechnen müssen.

Christoph Gisiger

Es ist eine Feinabstimmung im Verlauf des Konjunkturzyklus und nicht der Beginn einer rigorosen Lockerung der Geldpolitik: Das ist die Kernbotschaft, mit der die US-Notenbank am Mittwoch die erste Zinssenkung seit mehr als zehn Jahren begründet hat.

Doch was heisst das konkret? Eine klare Antwort blieb Fed-Chef Jerome Powell Investoren schuldig. Entsprechend verunsichert reagierten die Finanzmärkte. Der S&P 500 büsste während Powells Pressekonferenz zeitweise bis zu 1,8% ein und schloss zu Handelsende 1,1% tiefer:

Tagesverlauf S&amp;P 500.<br>Quelle: Yahoo Finance<br>

Tagesverlauf S&P 500.
Quelle: Yahoo Finance

Kursschwankungen dieser Grössenordnung sind im Zug von Fed-Entscheiden selten. Hier deshalb zuerst die wichtigsten Fakten zur Notenbanksitzung:

  • Das Zielband für den US-Leitzins sinkt um 25 Basispunkte (Bp) auf 2 bis 2,25%.
  • Das Programm zum Abbau der Bilanz wird per sofort beendet, zwei Monate früher als geplant.
  • Das Fed gibt sich zur US-Konjunktur zuversichtlich, stuft die Abkühlung der Weltwirtschaft und den Handelskonflikt jedoch als zunehmendes Risiko ein.
  • Fed-Chef Powell war schlecht vorbereitet. Er sah sich mehrfach gezwungen, Aussagen zu revidieren oder zu präzisieren. Sein Auftritt wird an den Märkten als «stümperhaft» taxiert.
  • Acht Fed-Mitglieder haben die Zinssenkung befürwortet. Esther George, Präsidentin des Fed-Distrikts Kansas City, und Eric Rosengren (Boston) wollten das Zielband unverändert lassen.
  • US-Präsident Trump hat den Entscheid umgehend scharf kritisiert. «Wie üblich hat uns Powell im Stich gelassen», kommentierte er über Twitter.

Die negative Reaktion der Finanzmärkte basiert primär auf zwei Faktoren:

  • Eine Zinssenkung um 25 Bp galt zwar als Ausgangszenario. Im Futureshandel wurde einem grösseren Schritt von 50 Bp jedoch immerhin eine Chance von 20 bis 25% eingeräumt.
  • Im Fall eines Entscheids von «nur» 25 Bp erwarteten Investoren deshalb ein deutliches Bekenntnis zu weiteren Zinssenkungen. Stattdessen blieb Powell vage. Auch im Statement fehlt ein klarer Hinweis zum geldpolitischen Ausblick.

Der nächste Schritt

Nach dem Kommunikations-Patzer wird sich die Spekulation um weitere Zinssenkungen in den kommenden Wochen intensivieren. Bleibt die Verunsicherung an den Börsen bestehen, wird der politische Druck auf das Fed zudem noch mehr steigen.

Powell hat die Zinssenkung als «Absicherung» verkauft, falls sich die amerikanische Wirtschaft wider Erwarten gravierend abschwächen sollte. Weitere Lockerungen hat er zwar nicht ausgeschlossen. Es «ist jedoch nicht der Anfang einer langen Serie von Zinssenkungen», sagte er.

Demnach geht das Fed wohl von einem Szenario wie in den Neunzigerjahren aus: Ab dem Sommer 1995 und in einer späteren Phase ab Herbst 1998 intervenierte es mit jeweils drei Zinssenkungen von 25 Bp, als sich die Konjunktur eintrübte. Nachdem sich die Lage beruhigt hatte, liess es die Geldpolitik für längere Zeit unverändert und zog sie schliesslich an.

In Bezug dazu hat Powell den Eingriff vom Mittwoch als «Mid-cycle Adjustment» bezeichnet, also als leichte Adjustierung im Verlauf eines anhaltenden Konjunkturaufschwungs.

Nicht beabsichtigt sind demnach Notfallmassnahmen wie im letzten Jahrzehnt, als das Fed im Zug der Rezessionen von 2001 und 2007-09 jeweils rund zehn Zinssenkungen vornahm.

Aktuell wird im Futures-Handel mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 60% gerechnet, dass die US-Notenbank den Leitzins am kommenden Treffen vom 17. und 18. September erneut lockern wird.

Für einen solchen Schritt dürfte das Fed durchaus bereit sein. Die entscheidende Frage ist jedoch, ob es danach zu einem erneuten Kräftemessen mit den Finanzmärkten um weitere Zinssenkungen kommt.

Anhaltspunkte dazu könnten die Veröffentlichung des Sitzungsprotokolls am 21. August sowie allenfalls das Wirtschaftssymposium in Jackson Hole geben, das wenige Tage später stattfindet. Die Teilnehmerliste ist allerdings noch nicht veröffentlicht.

Verpasste Chance

Anders als in vergangenen Zyklen hat die US-Notenbank dieses Mal viel weniger Spielraum, um die Wirtschaft mit Zinssenkungen zu stützen. Das, weil das Startniveau wesentlich tiefer ist. Am Mittwoch könnte sie eine wichtige Chance verspielt haben, um die Situation unter Kontrolle zu bringen.

Für einen geldpolitischen Fehler sprechen vor allem zwei Gründe: Die Zinskurve hat sich im Zug des Fed-Entscheids sogar weiter verflacht. Der Bondmarkt sendet damit ein Warnsignal, dass die US-Kreditbedingungen im internationalen Vergleich nach wie vor zu straff sind:

US-Zinskurve

Renditedifferenz, in Basispunkten
Zehn- und zweijährige Staatspapiere
Zehnjährige und dreimonatige Staatspapiere

Zweitens hat sich der Dollar erneut gefestigt. Handelsgewichtet ist der Greenback am Mittwoch auf den höchsten Stand seit Anfang Juni gestiegen. Mit Blick auf die angespannte Lage in der Weltwirtschaft dürfte die US-Notenbank eine solche Reaktion kaum beabsichtigt haben:

Quelle: Bloomberg

Quelle: Bloomberg

Die Fed-Beobachter von Bank of America bringen das Problem folgendermassen auf den Punkt: Sie glauben zwar, dass die US-Notenbank sich weiterhin auf die Verhinderung eines Konjunktureinbruchs fokussieren und die Zinsen in den nächsten zwei Sitzungen abermals lockern wird.

«Die konfuse Kommunikation schmälert jedoch unsere Zuversicht, dass die Zinskurve in der kurzen Frist steiler wird», wenden sie ein. «Der Markt braucht deshalb ein deutlicheres Bekenntnis vom Fed, um darauf vertrauen zu können, dass es die Geldpolitik wirklich auf einen stimulierenderen Modus kalibrieren wird.»