Hinter der Headline

Der Call der Woche: Albemarle

Die Aktien des führenden Lithiumproduzenten werden von der Bank Berenberg in einem Double Upgrade neu zum Kauf empfohlen. Das steckt hinter der positiven Einschätzung.

Christoph Gisiger
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«Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen.» Wer das Zitat einst äusserte, ist zwar unbekannt. Mal wird es Mark Twain zugeschrieben, mal Winston Churchill, mal Kurt Tucholsky, mal jemand anderem. Gerade für Investments an der Börse ist das Bonmot heute aber so akkurat wie eh und je.

Das gilt speziell, wenn es um den Markt für Elektrofahrzeuge (EV) geht. Obschon strombetriebene Autos und Lastwagen künftig einen entscheidenden Beitrag zur Reduktion von CO2-Emissionen leisten können, ist ungewiss, wie schnell sich die Technologie etablieren wird.

Klar ist aber: Wenn der EV-Markt in den kommenden Jahren tatsächlich so schnell wächst, wie das viele Experten vorhersagen, dann wird der Bedarf an Batterien massiv steigen. Entsprechend rasant wird demzufolge auch die Nachfrage nach Lithium anziehen.

Das stimmt zuversichtlich für Albemarle. Der zu knapp 28 Mrd. $ bewerte Konzern mit Sitz in Charlotte, North Carolina, ist der grösste westliche Förderer von Lithium. In einem Double Upgrade hat das Research-Team der Bank Berenberg das Rating für die Aktien von «Sell» auf «Buy» angehoben. Das Kursziel wird von 115 auf 280 $ erhöht, was zum Schlusskurs vom Mittwoch ein Potenzial von 17% impliziert.

«Albemarle hat die besten Assets, um im strukturell knappen und rasch wachsenden Lithiummarkt zu konkurrieren», hält Berenberg-Analyst Andrés Castaños-Mollor fest. Zudem stehe das Unternehmen vor einem kräftigen Ausbau der Förderkapazitäten, der mit geringeren Kosten verbunden sei als im Fall der Konkurrenz.

Von China über Europa bis nach Amerika forcieren Staaten und Regierungen derzeit die Adaption von Elektrofahrzeugen. Ein aktuelles Beispiel dafür sind die Pläne, die US-Präsident Biden im August präsentiert hat. Demnach sollen bis 2030 die Hälfte aller verkauften Neuwagen in den USA Elektroautos sein.

Mit dem grössten Wachstum rechnet die EV-Branche in China, das relativ bescheidene Ölvorkommen aufweist. Dafür zählt das Riesenreich bereits heute zusammen mit Australien, Chile und Argentinien zu den weltgrössten Lithiumproduzenten. Gleichzeitig ist es der wichtigste Importeur, gefolgt von Japan, Südkorea und den USA.

Um das instabile Leichtmetall für die Speicherung von Strom zu nutzen, muss es chemisch aufbereitet werden. Für EV-Batterien wird deshalb entweder Lithiumkarbonat oder Lithiumhydroxid verwendet. Im Sektor wird üblicherweise von Lithiumkarbonat-Äquivalenten gesprochen, worin beide Formen zusammengefasst sind.

Nach einer scharfen Korrekturphase entwickelt der Preis für Lithiumkarbonat an den Rohwarenmärkten seit letztem November neue Dynamik. Aktuell handelt eine Tonne zu 92’500 Yuan, was etwas mehr als 14’300 $ entspricht:

Die Analysten der Bank Berenberg gehen in ihrem Bull Case davon aus, dass sich der Preis für langfristige Lieferkontrakte bei Albemarle durchschnittlich um 16’000 $ pro Tonne bewegen wird. Bis 2030 soll sich das Produktionsvolumen des Unternehmens zudem von rund 87 auf 465 Kilotonnen erhöhen.

Wesentlich dazu beitragen werden in einem ersten Expansionsschritt zwei neue Förderanlagen an den Standorten La Negra in Chile sowie Kemerton in Australien. Für den Ausbau der Kapazitäten hat der Konzern diesen Februar über eine Kapitalerhöhung 1,5 Mrd. $ zum Preis von 153 $ pro Aktie aufgenommen.

Unter diesen Voraussetzungen geht Berenberg-Analyst Castaños-Mollor davon aus, dass Albemarle ab 2023 beim freien Cashflow den Breakeven erreichen wird. Weiter soll die Gruppe den Betriebsgewinn vor Abschreibungen und Amortisationen (Ebitda) bis 2030 von rund 780 Mio. $ auf 3,5 Mrd. $ pro Jahr steigern. Die Ebitda-Marge der Lithiumsparte soll sich bis dahin von aktuell 36 auf 42% ausweiten.

Die volatilen Aktien nehmen diese optimistischen Einschätzungen bereits teilweise vorweg. Seit Anfang 2020 ist der Kurs um 230% vorgeprescht. Aus einer kurzfristigen Optik erscheinen die Titel damit nicht günstig.

Castaños-Mollor argumentiert jedoch, dass der Konzern auf lange Sicht weiterhin wenig anspruchsvoll bewertet sei. «Das nachhaltige Wachstum im Verlauf dieser Dekade sollte bedeuten, dass sich das Bewertungs-Multiple von Albemarle rasch verringert», hält er in seinem Report fest.

Das Ebitda-Vielfache für 2022 beträgt auf Basis seiner Schätzungen 23,6. Das ist eine deutliche Prämie im Vergleich zum chilenischen Konkurrenten Sociedad Química y Minera (13,8), aber ein erheblicher Bewertungsabschlag zum kleineren US-Wettbewerber Livent (32,6), der ein reiner Lithiumförderer ist.

Albemarle

Performance seit Anfang 2020, in %
Albemarle
Sociedad Química y Minera (SQM)
Livent