Hinter der Headline

Der Call der Woche: Glencore

Die Aktien des Zuger Rohstoffriesen werden vom Broker BMO Capital Markets neu zum Kauf empfohlen. Weshalb in den Valoren nach der Kurserholung noch weiteres Potenzial stecken könnte.

Christoph Gisiger
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Es ist eine unbequeme Realität: Obschon Kohle beim CO2-Ausstoss die mit Abstand umweltschädlichste Energiequelle ist, wird mit ihr weltweit nach wie vor am meisten Elektrizität produziert. Speziell in den aufstrebenden Volkswirtschaften China und Indien wird in den kommenden Jahren sogar noch wesentlich mehr Kohle zur Gestehung von Strom verbrannt.

An den Rohwarenbörsen hat der Preis des fossilen Energieträgers in den vergangenen Monaten abermals deutlich angezogen. Für Lieferungen aus dem Hafen von Newcastle in Australien, dem weltgrössten Exportstandort, werden an den Terminmärkten gegenwärtig annähernd 238 $ pro Tonne thermische Kohle zur Auslieferung im März gezahlt. Das sind fast 190% mehr als vor einem Jahr.

Preis für thermische Kohle zur Auslieferung im März.

Preis für thermische Kohle zur Auslieferung im März.

Quelle: barchart

Der massive Preisanstieg macht sich entsprechend im Geschäftsgang von Glencore bemerkbar. «Es wird jetzt erwartet, dass die Notierungen für viele von Glencores wichtigsten Rohstoffen über längere Zeit auf hohem Niveau verharren werden, insbesondere auch für thermische Kohle», denkt Alexander Pearce, Analyst in Diensten von BMO Capital Markets, dem Brokergeschäft der Bank of Montreal.

Kohle dürfte teuer bleiben

Aus diesem Grund stuft er das Rating für Glencore von «Market Perform» auf «Outperform» hoch. Das Kursziel für die an der Börse London gehandelten Titel setzt er neu auf 5.25 £ an. Zum Schlusskurs vom Mittwoch von 4.27 £ wird dadurch inklusive Dividenden eine Gesamtrendite von knapp 30% über die nächsten zwölf Monate impliziert.

Die Rohstoffspezialisten von BMO rechnen damit, dass sich der Spotpreis für thermische Kohle am Trading Hub Newcastle dieses Jahr im Schnitt auf 149 $ pro Tonne bewegt. Für nächstes Jahr gehen sie von 90 $ aus. Auch für Kupfer haben sie ihre Prognose für 2022 und 2023 um 15 respektive 14% erhöht.

«Wir erwarten zwar weiterhin, dass thermische Kohle letztlich weitgehend substituiert wird. Das, weil sich Volkswirtschaften rund um den Globus bemühen, weniger fossile Brennstoffe zur Stromproduktion einzusetzen (was wiederum positiv für Glencores Geschäft mit anderen Rohstoffen ist)», hält Analyst Pearce in seinem Report fest. «Speziell auf kurze Sicht erscheint die Nachfrage aber robust, was signifikante Auswirkungen auf Glencores Cashflow hat», fügt er hinzu.

Neuer Rekordgewinn für 2022 erwartet

In seinem Modell kalkuliert er, dass der Branchenriese mit Sitz im Kanton Zug nach Rekordzahlen für 2021 den Betriebsgewinn dieses Jahr weiter steigern kann. Auf Stufe Ebitda erhöht Pearce seine Prognose für 2022 um 37% auf 25,6 Mrd. $. Für nächstes Jahr revidiert er die Schätzung um 24% auf 17,2 Mrd. $ nach oben. Auf Kohle entfällt davon ungefähr ein Drittel bzw. ein Fünftel. Kupfer kommt für rund 30 respektive 34% des Betriebsgewinns vor Amortisationen und Abschreibungen auf:

Glencore: Betriebsgewinn nach Rohstoffen

Bereinigter Ebitda, in Mrd. $
Kohle
Kupfer
Trading
Zink
Nickel
Eisenerz
Öl
Prognose (ab 2022)

Das Verhältnis von Unternehmenswert zu Ebitda beträgt für dieses Jahr demzufolge 3,9. Für 2023 beläuft es sich auf 5,8. Gegenüber Branchennachbarn wie BHP (2022: 5,4) und Rio Tinto (4,6) ist Glencore damit zu einem Abschlag bewertet. Im Vergleich zum kanadischen Konkurrenten Teck Resources (3,4), der ebenfalls einen wesentlichen Teil seiner Einnahmen mit Kohle erwirtschaftet, sind die Titel gemäss dem Datendienst S&P Global Market Intelligence etwas teurer.

An der Börse haben sich die Aktien von Glencore seit dem Tief vom März 2020 bereits kräftig erholt. Über die vergangenen zwölf Monate ist der Kurs knapp 41% gestiegen. Die Valoren von Teck Resources haben rund 56% gut gemacht. Der SPDR S&P Global Natural Resources ETF, der einen breiten Korb an Rohstoffwerten umfasst, ist 16% vorgerückt. Der Weltaktienindex MSCI ACWI notiert etwa 2% fester.

Glencore

Performance über letzte zwölf Monate, in %
Glencore
Teck Resources
S&P Global Natural Resources ETF (GNR)
MSCI ACWI Index

Die zuversichtliche Einschätzung des BMO-Researchteams zu Glencore basiert auf zwei weiteren Aspekten. Erstens erwartet der Konzern im Zusammenhang mit Ermittlungen wegen Korruption dieses Jahr eine Einigung mit den Behörden in den USA, Grossbritannien und Brasilien.

Abnahme von rechtlichen Risiken

Bei der Publikation der Quartalszahlen hat Glencore vergangene Woche dafür zwar Rückstellungen im Umfang von 1,5 Mrd. $ bekanntgegeben. Nach Meinung von Pearce könnte die erwartete Einigung im Rechtsstreit jedoch ein positiver Präzedenzfall mit Blick auf weitere Untersuchungen sein. Ein bedeutender Risikofaktor für die Aktien dürfte sich dieses Jahr demnach verringern.

Zweitens kommt der Abbau von Schulden dank dem robusten Cashflow gut voran. Nach Dividendenzahlungen strebt Glencore über den Zyklus hinweg eine Nettoverschuldung von 10 Mrd. $ an. Gemäss Pearce besteht damit «erheblicher Spielraum für Ausschüttungen an die Aktionäre».

Seinen Schätzungen zufolge dürfte das Unternehmen für 2022 eine Dividende von 0.78 $ je Aktie zahlen. Nächstes Jahr sollen es 0.56 $ sein. Umgerechnet resultiert damit eine Rendite von 14 bzw. 10%. «Es besteht allerdings noch Raum für mehr, wenn der Konzern bei der beabsichtigten Veräusserung von Assets weitere Fortschritte macht», meint der Rohstoffanalyst von BMO.