Hinter der Headline

Der Call der Woche: Logitech

Goldman Sachs traut dem Spezialisten für Computerzubehör auch in Zukunft eine hohes Wachstum zu. Die US-Grossbank stuft die Aktien von «Neutral» auf «Buy» hoch.

Gabriella Hunter
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Von der Abgestraften zum Börsendarling und wieder zurück. Die Logitech-Aktie hat zwei ereignisreiche Jahre hinter sich. Beim Höhenflug bis Mitte 2021 verzweieinhalbfachte sich ihr Wert gegenüber vor der Pandemie auf fast 125 Fr., doch darauf folgte die schnelle Talfahrt: In wenigen Monaten halbierte sich der Kurs beinahe. Seit Anfang April pendeln die Titel um 70 Fr.

Mittlerweile hat die Stimmung wieder gedreht – auch in den USA: Goldman Sachs (GS) empfiehlt die Aktien des Spezialisten für Computerzubehör neu zum Kauf. Und sie sieht viel Kurspotenzial: Das Zwölfmonatsziel liegt mit 107 Fr. fast 60% über dem gegenwärtigen Niveau.

Hohes Wachstum hält an

Grund für den Optimismus sei zum einen die sehr gute Geschäftsentwicklung in jüngster Zeit, schreiben die Analysten Alexander Duval und James Saunders. So habe Logitech in jedem der letzten vier Quartale die Reuters-Konsensschätzungen für den Gewinn pro Aktie übertroffen. Stärker ins Gewicht fallen dürfte aber der zweite genannte Faktor: GS traut dem Unternehmen auch weiterhin ein schnelles Wachstum zu.

Das sind neue Töne. Als Pandemiegewinnerin verschrien, waren die Aktien von Logitech mit anderen, meist hoch bewerteten Titeln seit dem vergangenen Sommer an der Börse zunehmend gemieden worden. Analysten und Investoren zweifelten daran, dass die Nachfrage nach den Produkten der Westschweizer auch nach dem Ende der Coronamassnahmen weiter wachsen würde.

Logitech produziert und verkauft Computerperipheriegeräte: Mäuse, Tastaturen, Kameras und Videokonferenzsysteme aber auch Musikboxen und Gaming-Zubehör. Während die Menschen im Homeoffice arbeiteten und die Kinder per Video unterrichtetet wurden, boomte der Absatz.

Das Unternehmen ist schon länger zuversichtlich, dass dieser Trend ein langfristiger ist. Nun erwarten das auch die Analysten von GS. So verweisen sie in ihrer jüngsten Studie auf das bereits anlässlich der Publikation der Zahlen zum dritten Quartal 2021/22 (per Ende Dezember) angekündigte Umsatzwachstum für das Gesamtjahr – der sehr hohen Vergleichsbasis zum Trotz.

Und es soll noch besser kommen. In den Jahren bis 2026 erwartet Logitech ein durchschnittliches Umsatzwachstum von 8 bis 10%. Die Schätzung von Duval und Saunders liegt mit 10% am oberen Rand dieser Zielspanne.

Grosses Potenzial der Videokonferenzsysteme

Diesem Wachstum zu Grunde liege zum einen das sehr grosse Potenzial für Videokonferenzsysteme. Die Durchdringung sei mit 10% aller Büros weiterhin sehr niedrig – gerade vor dem Hintergrund, dass mit der schrittweisen Rückkehr der Unternehmen ins Büro neue Formen der Zusammenarbeit gefragt sein würden. GS geht davon aus, dass ein Teil der Arbeitnehmenden auch künftig von zu Hause aus arbeiten wird.

Logitech könne dank der guten Positionierung gegenüber Wettbewerbern wie Cisco überdurchschnittlich vom Wachstum in diesem Bereich profitieren und Marktanteile gewinnen. Zulegen würden die Videokonferenzsysteme auch dank sehr hohen Investitionen in Forschung und Entwicklung.

Ausserdem werde die permanent höhere Zahl der Remote-Angestellten zu einem Erneuerungszyklus bei Tastaturen und Computermäusen führen, schreiben die Analysten weiter, dies neben dem anhaltenden Trend zu digitalen Inhalten und der wachsenden Nachfrage nach teureren Produkten. Damit sehen Duval und Saunders einen nachhaltigeren Aufwärtstrend im Computerperipheriegeschäft als in früheren Studien.

Gaming-Bereich zieht wieder an

Sehr hohes Wachstum erwartet GS ausserdem im Gaming-Bereich. Nach einer Verlangsamung im vergangenen Jahr könne der Markt 2022 wieder mit rund 7% zulegen. Denn die Coronapandemie habe laut den Analysten das Ausgabenwachstum für Videospiele auf ein neues Niveau gehoben. «Wir glauben, dass zusätzliche Treiber wie eSports, Cloud Gaming und das Metaverse den Markt erweitern und die Ausgaben der Verbraucher für Peripheriegeräte erhöhen werden.»

Davon könne Logitech, die vor allem Produkte im mittleren und höheren Preissegment anbiete, besonders profitieren. Wobei ihr Innovationen helfen würden, weitere Marktanteile zu gewinnen.

Dem stehen aus Sicht von GS nur wenige Risiken gegenüber. Zum einen bleibe die Vergleichsbasis in den nächsten zwei Quartalen hoch, was das Umsatzwachstum beeinträchtigen könne. Zum anderen gebe es Pessimisten, die davon ausgingen, dass die Durchdringung im Bereich der Videokonferenzsysteme bereits hoch genug sei und die Nachfrage nach Peripheriegeräten nach der Pandemie deutlich abnehmen werde.

Niedrige Bewertung

Insgesamt werde das solide langfristige Konzernwachstum den operativen Leverage, die Margenausweitung und das Wachstum des Betriebsgewinns vorantreiben, glauben die Analysten. Mit diesen Erwartungen liege GS über dem Konsens und die guten Perspektiven seien nicht in der gegenwärtigen Bewertung der Aktien abgebildet.

Duval und Saunders sehen das faire Kurs-Gewinn-Verhältnis für 2021/22 und das erste Halbjahr 2022/23 bei 23. Das liege zwar über dem Zehnjahresschnitt von 20, sei aber angesichts der im historischen Vergleich hohen Wachstumsaussichten gerechtfertigt. Die Aktien werden derzeit mit einem vorausschauenden Gewinnvielfachen von 17 für das laufende und 16 für das nächste Geschäftsjahr gehandelt.

Und auch der Branchenvergleich spricht aus Sicht von GS für Logitech: So handelten die Titel mit einem Abschlag von rund 22% gegenüber dem europäischen Tech-Sektor. Der historische Discount liege bei lediglich 10%.