Hinter der Headline

Der Call der Woche: Nvidia

Der Quartalsabschluss des US-Halbleiterkonzerns wird an der Börse mit Applaus quittiert. Dennoch warnt ein Analyst vor einer drohenden Kurskorrektur und empfiehlt die Aktien neu zum Verkauf. Wir zeigen auf, was hinter der Warnung steckt.

Christoph Gisiger
Drucken

An den amerikanischen Börsen sind momentan wenige Aktien so «heiss» wie Nvidia. Die Titel des Spezialisten für Grafikchips 📈 sind am Donnerstag nach der Publikation der Quartalszahlen weitere 4% avanciert. Allein dieses Jahr hat der Kurs bislang mehr als 52% gewonnen. Seit Anfang 2020 ist er über 230% vorgeprescht.

Auf den ersten Blick erscheinen die Perspektiven des Halbleiterkonzerns aus San José durchaus erbaulich: Die Einnahmen sind in der vergangenen Berichtsperiode 68% auf 6,5 Mrd. $ gewachsen. Der Gewinn hat sich gegenüber dem Vorjahreszeitraum von 0,6 auf 2,4 Mrd. $ oder 0.94 Cent pro Aktie verbessert. Die Kennzahlen schlagen die Schätzungen der Analysten deutlich.

Unternehmensgründer Jensen Huang, der als einer der besten CEOs in der Branche gilt, überrascht zudem positiv mit der Prognose. Für den laufenden Berichtszeitraum per Ende Oktober stellt er rund 6,8 Mrd. $ Umsatz sowie einen Gewinn von 1.10 $ pro Aktie in Aussicht. Der Konsens rechnete bislang mit gut 6,5 Mrd. $ an Einnahmen und einem Ergebnis von 1.03 $ je Titel.

Wallstreet ist denn auch überaus optimistisch für die weitere Kursentwicklung gestimmt. Von den 41 Analysten, die Nvidia abdecken, stufen 34 die Aktien mit dem Rating «Buy» oder «Overweight» ein. Weitere fünf empfehlen die Titel zu halten. Nur zwei Analysten denken, dass der Kurs dem Gesamtmarkt künftig hinterherhinken wird.

Einer dieser beiden Aussenseiter ist Kinngai Chan, Halbeiterexperte bei der unabhängigen Research-Boutique Summit Insights, die sich auf Aktien aus dem Tech-Sektor spezialisiert. Im Nachgang der Ergebnispublikation hat er das Rating für Nvidia am Donnerstag von «Hold» auf «Sell» heruntergestuft.

Was also könnte nach dem Glanzresultat gegen ein Engagement in den Aktien sprechen? Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass die Computerchips von Nvidia - in der Branche Graphics Processing Units oder kurz GPUs genannt - primär in zwei Endmärkten verwendet werden: PCs sowie Konsolen für Videospiele und Grossrechner in Data Center.

Das Hauptsegment des Konzerns sind Grafikkarten für Video-Games. In diesem Bereich hat Nvidia den Umsatz im vergangenen Quartal gegenüber dem Vorjahr 85% auf knapp 3,1 Mrd. $ verbessert, sequenziell resultiert ein Zuwachs von 11%.

Kräftig gewachsen sind ebenso die Einnahmen im Segment Data Center, wo die GPU-Prozessoren von Nvidia zur Beschleunigung von Rechenoperationen auf Gebieten wie künstlicher Intelligenz eingesetzt werden. Hier hat sich der Umsatz 35% auf 2,4 Mrd. $ verbessert, sequenziell sind es 16%.

Nvidia: Umsatzentwicklung nach Sparten

in Mrd. $
Gaming
Data Center
Andere Einnahmen

Während sich die Einnahmen im Markt für Datacenter weiterhin robust entwickeln dürften, gibt es bei Grafikkarten für Videospiele zwei grosse Fragezeichen. Erstens hat der Markt für Video-Games zuletzt einen massiven Boom erlebt. Mit dem Abklingen der Pandemie könnte sich die Nachfrage nun abkühlen. Das haben zum Beispiel die Quartalsresultate von Spieleentwicklern wie Take-Two Interactive gezeigt.

Zweitens werden Nvidias Grafikkarten auch für das Schürfen von Kryptowährungen eingesetzt. Das Unternehmen kann zwar nicht genau beziffern, wie viel seiner Einnahmen auf den Kryptomarkt entfallen. Als digitale Währungen wie Bitcoin Ende 2017 scharf korrigierten, brach das Geschäft von Nvidia aber gravierend ein. Der Aktienkurs halbierte sich seinerzeit in wenigen Wochen.

Könnte nach den jüngsten Verwerfungen im Krypto-Sektor dieses Mal ein ähnliches Debakel drohen? Das ist jedenfalls die These, mit der Halbleiteranalyst Chan seine Verkaufsempfehlung begründet.

«Wir glauben, dass Nvidias Prognose zum laufenden Quartal zu einem signifikanten Anteil darauf beruht, dass die Lager an Grafikkarten für Videospiele derzeit wieder aufgefüllt werden», hält er in seinem Research-Bericht fest. «Der beträchtliche Rückgang der Verkäufe im Bereich Krypto-Mining wird dadurch kaschiert», warnt er.

Auf Basis von Stichproben in der IT-Industrie schätzt Summit Insights, dass Nvidia im zweiten Quartal mehr als 1 Mrd. $ und möglicherweise sogar bis zu 1,5 Mrd. $ an Chips verkauft hat, die zum Schürfen von Kryptowährungen verwendet worden sind. Das würde rund 15 bis 25% der konzernweiten Einnahmen entsprechen.

«Wir denken, dass Nvidia die negativen Effekte der rückläufigen Nachfrage aus dem Krypto-Markt im übernächsten Quartal empfindlich spüren wird», meint Chan. Seinen Schätzungen nach könnte dieser Effekt die Einnahmen der Gaming-Sparte mit 0,5 bis 1 Mrd. $ im betreffenden Berichtszeitraum per Ende Januar schmälern.

Ob sich diese skeptische Einschätzung bewahrheitet, wird sich weisen. Fred Hickey, Herausgeber des Investmentbulletins «The High-Tech Strategist» hat ähnliche Bedenken. Wie er unlängst im Interview mit The Market sagte, hält er deshalb Put-Optionen auf Nvidia.

Klar ist zudem, dass Nvidia enorm anspruchsvoll bewertet ist. Die Marktkapitalisierung ist inzwischen auf fast 495 Mrd. $ angeschwollen. Kein anderer Chipdesigner bringt mehr auf die Waage.

Im PHLX Semiconductor Index (SOX) ist nur der Auftragsproduzent TSMC mit 517 Mrd. $ höher kapitalisiert. Der Rivale Intel, der jährlich fast 80 Mrd. $ Umsatz erwirtschaftet, hat einen Börsenwert von 213 Mrd. $. Der südkoreanische Branchenriese Samsung Electronics mit knapp 220 Mrd. $ Jahresumsatz weist eine Marktkapitalisierung von 419 Mrd. $ auf. Anders als Nvidia stellen zudem beide Konzerne ihre Chips grösstenteils in eigenen Fabriken her.

Auf Basis der Konsensschätzung für 2022 handeln die Aktien von Nvidia gemäss dem Datendienst S&P Global Market Intelligence zum Kurs-Gewinn-Verhältnis 48. Das Verhältnis von Unternehmenswert zu Umsatz beträgt 18,9. Für 2023 beträgt das KGV 43, das Umsatz-Multiple fast 17. Sowohl aus historischer Sicht wie auch im Branchenvergleich bewegen sich diese Kennzahlen weit über dem Durchschnitt.

Nvidia

Performance seit Anfang 2020, in %
Nvidia
PHLX Semiconductor Index (SOX)
Nasdaq 100