Hinter der Headline

Der Call der Woche: Richemont

Aktien von Luxusgüterkonzernen haben mit Abgaben auf die jüngsten Nachrichten aus China reagiert. Die Analysten von Bank of America halten den Rückschlag für übertrieben und empfehlen Richemont zum Kauf. The Market zeigt, was hinter der Empfehlung steckt.

Mark Dittli
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«Common Prosperity» heisst das neue Leitmotiv der Kommunistischen Partei Chinas. Generalsekretär Xi Jinping präsentierte am 17. August vor der Zentralen Kommission für Finanz- und Wirtschaftsfragen seine Gedanken, wie in der Bevölkerung des Landes «allgemeiner Wohlstand» erreicht werden soll.

Die Pläne waren – wie von Xi gewohnt – vage formuliert und geben bloss eine generelle Richtung vor. Aber offenbar ist die Partei zum Schluss gekommen, dass die Zentralregierung beherzter gegen die im Land herrschende, grosse Ungleichheit in den Einkommen und Vermögen vorgehen soll.

Teil der Pläne ist die «Regulierung übermässig hoher Einkommen» sowie die «Ermutigung von Gruppen und Unternehmen mit hohem Einkommen, mehr an die Gesellschaft zurückzugeben».

Blick auf höhere Steuern provoziert Rückschlag

Die Aktien europäischer Luxusgüterkonzerne wie LVMH, Richemont, Kering und Swatch Group haben vergangene Woche umgehend mit deutlichen Abgaben auf die Vorstellung des «Common Prosperity»-Programms von Xi reagiert.

Die Befürchtung der Märkte: Für die Reichen in China werden die Steuern steigen, und das wird sich negativ auf ihren Konsum von Luxusgütern auswirken.

Gemäss Berechnungen der Analysten von Bank of America hat der «Common Prosperity»-Schock die kumulierte Marktkapitalisierung des europäischen Luxusgütersektors um 120 Mrd. $ sinken lassen. Im Schnitt haben die Titel aus der Branche innerhalb von zwei Handelstagen 14% verloren.

Nicht nur die Rede von Xi setzte dem Sektor zu; auch die wachsende Evidenz einer deutlichen konjunkturellen Abkühlung in China sowie die weltweite Ausbreitung der Delta-Variante des Coronavirus lasteten auf den zyklischen Aktien.

Die Analysten von Bank of America halten diesen Rückschlag für übertrieben. Sie empfehlen die Aktien des Schweizer Uhren- und Schmuckkonzerns Richemont zum Kauf und setzen sie als einzige Aktie aus der Schweiz neu auf ihre «Europe-1»-Kaufliste der besten Anlage-Ideen in Europa.

Das Kursziel von 145 Fr. impliziert ein Aufwertungspotenzial von knapp 40%.

Mittelschicht in China wird breiter

Das Hauptargument der Analysten: Die Pläne der Parteiführung in China dürften zwar die exzessiv hohen Einkommen belasten, aber sie zielen darauf ab, eine breite, prosperierende Mittelschicht zu fördern. Und diese Mittelschicht wiederum sei die wichtigste Kundenbasis für die europäischen Luxusgüterhersteller.

Chinesische Konsumenten sind gemäss Bank of America für rund ein Drittel aller weltweiten Käufe von Luxusgütern verantwortlich. Doch die Ansicht, diese Käufe seien nur von vergleichsweise wenigen superreichen Chinesen getrieben, sei falsch, schreiben die Analysten. Eine Studie von Boston Consulting Group und Tencent aus dem Jahr 2019 zeige, dass 78% der Käuferinnen und Käufer von Luxusgütern in China weniger als 35 Jahre alt seien. Zudem erwirtschafte die Branche fast die Hälfte ihrer Umsätze in sogenannten Tier-2- und Tier-3-Städten, das heisst nicht in den reichen Top-Metropolen wie Peking, Schanghai, Shenzhen oder Guangzhou.

Genau diese junge, aufstrebende Mittelklasse in den Dutzenden von Millionenstädten ausserhalb der Tier-1-Metropolen werde vom «Common Prosperity»-Programm der Regierung profitieren, was mittelfristig für steigende Luxusgüter-Umsätze spreche.

Onlinekanal als Pluspunkt für Richemont

Die Aktien des französischen Branchenriesen LVMH sind für Bank of America erste Wahl im Luxusgütersektor (und ebenfalls auf der «Europe-1»-Kaufliste). Die Hochstufung für Richemont erklären die Analysten mit der überdurchschnittlich deutlichen Ausrichtung auf chinesische Konsumenten. Die Konzernsparte Jewellery Maisons (JM), zu der die Spitzenmarke Cartier zählt, erwirtschaftet demnach rund 45% ihres Umsatzes mit chinesischen Konsumenten. Für den gesamten Richemont-Konzern sind es 35%:

Quelle: Bank of America

Ein weiterer Pluspunkt für Richemont – im Gegensatz etwa zu Swatch Group – sei die starke Position im Online-Vertrieb mit der Konzerntochter Yoox Net-a-Porter (YNAP), die Ende 2020 eine Partnerschaft mit Alibaba und Farfetch geschlossen hat. Der Online-Vertrieb sei besonders für die Erschliessung der Mittelklasse in kleineren und mittelgrossen Städten im Landesinneren Chinas wichtig, argumentieren die Analysten.

Auch die Bewertung, gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis für 2022, spreche für Richemont:

Quelle: Bank of America

Analystin Ashley Wallace und ihr Team räumen ein, dass die Konjunkturabkühlung in China sowie die Ungewissheit über die Delta-Pandemiewelle in der kurzen Frist noch weitere Turbulenzen in den Aktienkursen verursachen könnten. Rückschläge könnten jedoch als Kaufgelegenheiten genutzt werden.